Rollstuhl statt Gabelstapler: Seit ihrem Schlaganfall ist Anja Dittrich (38) halbseitig gelähmt. Davor hat sie bei Bharat Forge in der Logistik gearbeitet. Jetzt hat sie ihren ehemaligen Chef besucht.
Am Pförtnerhäuschen ist viel los; ein großer blauer Lkw steht an der Schranke zum Betriebsgelände an der Berthelsdorfer Straße. Anja scannt das Fahrzeug mit Blicken. Hoch oben im Gabelstapler sitzen, Lkws mit bis zu 23 Tonnen Nutzlast beladen oder entladen, Ware von A nach B fahren, das war Anjas Job in der Logistik bei der Bharat Forge Aluminiumtechnik.
Auch wenn sie taff wirkt und es sich nicht anmerken lassen will: Ihr alter Arbeitsplatz weckt Gefühle und Erinnerungen in ihr. Bis Mai 2024 hat Anja Dittrich aus Brand-Erbisdorf dort gearbeitet und ihren Job gern gemacht. Mit 37 Jahren erlitt sie plötzlich einen schweren Schlaganfall, der alles auf den Kopf gestellt hat. Statt im Gabelstapler sitzt die junge Frau heute im Rollstuhl, halbseitig gelähmt. Sie macht Fortschritte, aber ihren Job kann die gelernte Fachlageristin so nicht machen. Ob sie ihn je wieder machen wird, dazu gibt es keine Prognose. „Dazu will sich auch kein Arzt festlegen“, sagt Lukas Dittrich (36), ihr Ehemann.
Krankenhaus und eine neue Diagnose
Vergangene Woche noch musste Anja mit heftigen Bauchschmerzen ins Krankenhaus. Die Insulinproduktion in der Bauchspeicheldrüse ist gestört. Anja hat Diabetes entwickelt. Nun bekommt sie Spritzen. „Wir werden die Ernährung anpassen und genauer darauf achten müssen“, sagt Lukas. Anja zieht mit. Solche Schmerzen will sie nicht noch einmal erleben.
Sie arbeiteten beide im gleichen Unternehmen
Am Mittwoch geht es ihr gut. Die Sonne scheint. Anja wirkt entspannt. Gerade hat sie einen neueren Rollstuhl bekommen - mit Elektroantrieb. Lukas prüft die Griffe, dann geht es los: Zum ersten Mal seit dem Schlaganfall bestreiten die beiden zusammen ihren ehemaligen Arbeitsweg. Früher sind sie den Weg zusammen gelaufen, wenn sie zeitgleich Schicht hatten: Anja als Staplerfahrerin, Lukas als Gießer. Sie gehörten zu einer Belegschaft mit mehr als 400 Mitarbeitenden. Mittlerweile sind beide raus aus dem Unternehmen. Lukas hat seinen Job aufgegeben, um Anja zu pflegen. Die Verbundenheit zum Betrieb ist dennoch da. Und ein bisschen Neugier. Deshalb stattet Anja ihrem alten Chef einen Besuch ab. Lukas begleitet sie dabei.
Rollstuhl trifft Gabelstapler
Als der Lkw die Schranke passiert hat, kommt René Weigel um die Ecke. Ihr alter Chef. Er hat viel zu tun, aber er freut sich, Anja zu sehen. Kein Tamtam, eher ein nettes Wiedersehen. Anja hat gleich einen Spruch auf den Lippen. Gemeinsam laufen und rollen sie in eine der Hallen auf dem Gelände, in der Lkws beladen werden. Ein Elektro-Gabelstapler rollt vorbei. Drin sitzt Tony Groß. Kurz hält er mit dem Stapler neben dem Rollstuhl an. „Als ich noch da war, fuhren die noch mit Diesel“, sagt Anja. Sie schaut sich um. Man spürt, dass es in ihr arbeitet.
„Anja war angesehen im Kollegenkreis“
„Anja war hier unsere Prinzessin“, sagt René Weigel. Er ist Teamleiter im Bereich Logistik und Versand und leitet ein 30 Mann starkes Team. „Sie war die einzige Frau. Jetzt sind wir nur Männer.“ Anja lacht kurz. „Es war ein sehr vertrauensvolles Miteinander und Anja war angesehen im Kollegenkreis“, sagt René Weigel. Dann wird er ernst: „Der Vorfall hat uns und auch die anderen Kollegen sehr erschüttert.“
Anja wird von Emotionen durchflutet. Sie braucht kurz, um sich zu sammeln. Viel zu sagen gibt es für sie nicht. Ihre Lieblingskollegen haben gerade frei und sind nicht da. Als Lukas das Zeichen für den Heimweg gibt, lässt René Weigel das Rolltor nach oben fahren und begleitet die beiden zurück zum Pförtner. Lukas holt noch ein paar Sachen aus seinem Spind. Dazu ist er bislang nicht gekommen. Wenn Anja wieder soweit wäre, dass sie selbstständig mit dem Rollstuhl zurechtkäme, in die Küche fahren und sich zu essen und zu trinken holen könne, sagt er, dann würde er gerne wieder arbeiten gehen. Im Moment steht sein Berufsleben hintenan. (cor)






