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Ruckeln und Zuckeln durch Freibergs Stadthistorie

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Fahrgäste der Silberstadtbahn sehen Freiberg mal aus einer anderen Perspektive. "Freie Presse" testete die Touristenattraktion.

Freiberg.

Seit Mitte Juni dreht die Silberstadtbahn wieder ihre Runden durch die Freiberger Altstadt. Seitdem fuhren rund 750 Einwohner und Touristen mit. Im vorigen Jahr waren es 3500 Gäste. Wie fährt es sich mit dem neongrünen Bähnle? "Freie Presse" hat es getestet.

Der Start: Eigentlich schreit dieser verregnete Vormittag danach, in einem der netten Freiberger Cafés einen Cappuccino zu schlürfen. Doch 10.30 Uhr startet das Bähnel am Schlossplatz. Chauffeur David Matzig empfängt die Fahrgäste gut gelaunt. Dann hallt "Glück auf" aus den Lautsprechern. Eine klangvolle Stimme - es ist die der in Stralsund geborenen Stadtsprecherin Katharina Wegelt - erzählt, dass im Schloss Freudenstein tausende Mineralien und Edelsteine zu bewundern sind.

Der Inhalt: In der Tour gibt es einen Exkurs in die Historie der Bergstadt, beginnend im "tiefen dunklen Wald", dem Miriquidi. Zu Herzen geht der von Patrick Morgenstern vorgelesene Bericht des Bergmanns Ernst Wilhelm Partzsch, der 1850 mit 14 Jahren seine Arbeit unter Tage aufnahm - ein Knochenjob. "Wir erzählen Geschichten über die Geschichte", so Wegelt, die den Text mit Babett Erler, Leiterin des Sachgebietes Tourismus, erarbeitete.

Die Musik: Neben Bachs "Präludium und Fuge" (am Dom mit den Silbermannorgeln) erklingt dreimal das Steigerlied. "Erst hatten wir nur eine Instrumentalversion - aber viele Touristen kennen den Text nicht. Deshalb singen jetzt die Freiberger Bergsänger", so Ulrike Jurk von Sonnenschein Reisen, die das Projekt Silberstadtbahnorganisiert.

Die größten Ruckler: Wer einen empfindlichen Magen hat, sollte lieber kurz vorher nichts mehr essen. Denn das Kopfsteinpflaster in der Altstadt und die Schlaglöcher der Scheunenstraße haben es in sich. Auch bei Tempo 5 (km/h).

Die Strecke: Wegen Baustellen auf Pfarrgasse und Himmelfahrtsgasse ist die Mini-Bahn im Umleitungsmodus. Mehrfach ruckelt sie über die Wasserturmstraße. Zweimal fährt sie auf der B173. Auf der Dresdner Straße zieht sie auf 20 km/h an. Das Bähnel bringt den Verkehr auf der Bundesstraße zwar nicht zum Erliegen, aber zwingt nachfolgende Fahrzeuge zum Zuckeln. Trotzdem hupt nicht ein einziges Auto.

Besondere Vorkommnisse: Laut Fahrer Matzig hat noch nie ein anderer Verkehrsteilnehmer genervt reagiert. Der Berliner selbst behält auch die Ruhe, wenn ein Falschparker das Durchfahren erschwert und er die Bahn in Zentimeterarbeit durch die Gassen manövriert. In den Wagen gibt es rote Stopp-Tasten. Bisher wurde das erst einmal genutzt - ein Kind musste pullern.

Die Freiberger Eierschecke: Natürlich ist der oberleckere Blechkuchen ein Thema. Die Fahrgäste erfahren, was die Freiberger Eierschecke mit der Stadtmauer zu tun hat. Nur soviel sei verraten: Quark spielt eine Rolle. Von einem Café weht süßlich-brenzliger Geruch herein. "Da ist Freiberger Eierschecke verbrannt", witzelt ein Fahrgast.

Die Zuschauer: Pennäler, die zum Dürerhaus laufen, winken den Fahrgästen fröhlich zu. Fredy Stille (71) und Lebensgefährtin Anita Litke (70) erspähen eine Bekannte. Aber die Dame ist in ihr Handy vertieft. Auf der Burgstraße hingegen schauen fast alle Passanten auf die Bahn.

Die Korrekturen: Auf der Tour hören die Fahrgäste, dass auf dem Dach des neuen Uni-Giganten (Bibliotheks- und Hörsaalzentrum) in 40 Meter Höhe ein Café geplant ist. Das aber sehen die derzeitigen Pläne nicht mehr vor. "Wir ändern gerade den Text", so Stadtsprecherin Wegelt. Neu aufgenommen werden soll der Tipp, dass an der Alten Elisabeth der "Sommernachtstraum" aufgeführt wird. Das Stück hat dort am 16.Juli Premiere. "Das klären wir mit dem Theater", verspricht Bähnel-OrganisatorinJurk.

Die Wünsche: Schön wäre es, wenn die Bahn nicht am Fuße der Reichen Zeche drehen, sondern zum Silberbergwerk hochfahren würde. "Auch wegen Bauarbeiten ist das derzeit nicht möglich", so Jurk. "Wir bleiben aber dran, geben gemeinsam mit Stadt und TU unser Bestes."

Die Fahrgäste: Fredy Stille zeigt sich begeistert: "Man kann es nur weiterempfehlen." - "Ich wusste nicht, dass der Donatsfriedhof unter Denkmalschutz steht", sagt Anita Litke. Ihr Sohn Thomas Litke (46) sagt: "Ich wollte schon immer mal mitfahren - und es war sehr schön."

Die letzte Frage: Wo trinken wir jetzt einen Kaffee und lassen uns Freiberger Eierschecke schmecken?

www.silberstadtbahn.de

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