Der NSU - Ein Überblick zehn Jahre nach der Enttarnung

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Am 4. November 2011 flog der NSU auf. Doch welche Personen standen hinter der neonazistischen Gruppe? Wer waren die Opfer? Und was kam nach der Enttarnung zum Vorschein? Die wichtigsten Informationen kompakt.

Das Kerntrio: Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe

Der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) war eine terroristische Vereinigung, die bis 2011 aufgrund ihrer rechtsextremen Gesinnung mehrere Morde und Überfälle begangen hat. Im Kern bestand die Gruppe aus Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt. 

Das Trio ist in Jena groß geworden und war bereits dort in der Neonazi-Szene aktiv und vernetzt. 1998 gingen sie in den Untergrund, nachdem durch die Polizei in einer Jenaer Garage ein Bombenlabor der drei entdeckt wurde. Zunächst lebten Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in Chemnitz, ab 2000/2001 fanden sie in Zwickau Unterschlupf. Von ihren Verstecken aus begingen sie ihre Taten.

Nach einem gescheiterten Banküberfall am 4. November 2011 begeht Mundlos in einem Wohnwagen mutmaßlich Selbstmord, nachdem er Böhnhardt erschoss. Beate Zschäpe zündete am selben Tag in Zwickau das Mehrfamilienhaus, indem der NSU wohnte und sich Tatwaffen und Beweise befanden, an und flüchtete. Nachdem sie den Eltern von Böhnhardt und Mundlos vom Tod ihrer Söhne berichtete und Bekennerschreiben verschickte, begibt sie sich auf eine Flucht mit der Bahn durch Deutschland. Vier Tage nach der Enttarnung stellt sie sich selbst in Jena der Polizei. 


Die Opfer der Neonazis

Enver Şimşek war im Jahr 2000 das erste Opfer von Böhnhardt und Mundlos, welches aus rassistischen Gründen ermordet wurde. Acht weitere Menschen folgten, ihre Namen sind: Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık und Halit Yozgat. 2007 wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter ermordet, sie war das letzte Todesopfer des NSU.

Bei einem Sprengstoffanschlag der Gruppe 2001 in Köln wird eine 19-Jährige lebensgefährlich verletzt. Drei Jahre später verübte der NSU einen Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße. Dabei wurden 22 Menschen verletzt, vier von ihnen schwer. Ziel der Anschläge waren Geschäfte migrantischer Bürger und Bürgerinnen.

Bis zur Enttarnung des NSU 2011 gingen die Ermittlungsbehörden bei den Morden nicht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Häufig wurden Angehörige der Opfer selbst verdächtigt, wodurch sie teils unter harten Repressalien standen. 

Um im Untergrund an Geld zu kommen, beging der NSU zudem 15 Überfälle. Die meisten davon in Chemnitz und Zwickau. Auch bei diesen Taten erlitten Menschen Verletzungen. 


Das Helfernetzwerk des NSU

Schon in Jena waren Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt gut in der rechtsextremen Szene vernetzt. In ihrer Zeit in Chemnitz und Zwickau ermöglichten ihre Kontakte sowohl das Leben des Trios im Untergrund, als auch die Durchführung der Morde, Anschläge und Überfälle. 

So verschafften die Helfer und Helferinnen dem NSU nicht nur Wohnungen und Jobs, sondern liehen dem Trio auch Fahrzeuge, Waffen und Ausweispapiere. Inwieweit die unterstützenden Personen zu diesem Zeitpunkt wussten, wofür Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt die Utensilien benötigten, war Gegenstand des Prozesses. 

Die Aufarbeitung des NSU-Netzwerkes nach der Enttarnung hat über hundert Kontakte zum Vorschein gebracht. Viele von ihnen waren in der rechtsextremen Szene keine Unbekannten. Die Akteure und Akteurinnen agierten bundesweit, Schwerpunkt bildeten jedoch die Bundesländer Sachsen und Thüringen.

Im Rahmen des NSU-Prozesses fanden immer wieder Solidaritäts-Bekundungen mit Zschäpe und weiteren Angeklagten durch Rechtsextreme statt. Verschiedene Helfer und Helferinnen sind noch heute in der Szene aktiv.


Die Rolle des Verfassungsschutzes

Nach der Enttarnung des NSU stellte sich zunehmend die Frage, wie Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die aufgrund des entdeckten Bombenlabors von der Polizei gesucht wurden, so viele Jahre unerkannt im Untergrund leben und morden konnten. 

Später kam heraus: Just am Tag, an dem der Generalbundesanwalt die Ermittlungen zum NSU übernahm, liefen im Bundesamt für Verfassungsschutz Aktenschredder an. Die "Aktion Konfetti" sollte Spuren verwischen, Spuren von V-Leuten im Kreis des Helfer- und Helferinnennetzes.

V-Leute, die als Mitglieder einer extremistischen Szene für Geld dem Verfassungsschutz Informationen zu szene-internen Vorgängen geben sollen, waren zahlreich und auch im engsten Kreis des NSU zu finden.   

Den Fragen nach dem Wissen des Verfassungsschutzes und dessen Umgang damit wurde auch in den Untersuchungsausschüssen zum NSU nachgegangen. Neben personellen Konsequenzen folgte aus den behördlichen Versäumnissen und Verstrickungen auch die Forderung mancher Parteien und politischer Akteure und Akteurinnen, den Verfassungsschutz abzuschaffen.


Der Prozess und die Urteile

Fünf Jahre dauerte der Prozess gegen Beate Zschäpe und vier Helfer des Trios. Momentan führt die Bundesanwaltschaft nach wie vor Ermittlungen gegen neun weitere Beschuldigte.

Beate Zschäpe wurde wegen voller Mittäterschaft zu einer lebenslangen Haft verurteilt. Gegenwärtig ist sie in Chemnitz inhaftiert. Im September reichte Zschäpe Verfassungsbeschwerde gegen das Urteil ein.

Ralf Wohlleben leistete 1998 Fluchthilfe und finanzierte die Waffe samt Schalldämpfer für die Mordserie des NSU. Er wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt, ist aufgrund der Dauer der Untersuchungshaft bereits wieder frei.

Carsten Sch. kaufte damals auf Wohllebens Geheiß die Mordwaffe und brachte sie dem Trio. Er wurde wegen Beihilfe zum Mord zu drei Jahre Haft verurteilt. 

Holger G. überließ dem Trio Geld, Pässe und Führerschein und brachte im Auftrag Wohllebens eine Schusswaffe ins Versteck. Da die Waffenlieferung verjährt war, wurde er nur für Dokumentenbeschaffung angeklagt. Holger G. wurde zu drei Jahren Haft verurteilt. 

André E. Ist der einzige Verurteilte, dessen Urteil (zweieinhalb Jahre Haft) noch keine Rechtskraft hat. Die Bundesanwaltschaft legte Revision ein. Sie wollte E. nicht nur wegen Beschaffung von Bahncards (Terrorunterstützung) verurteilt sehen, sondern wegen Beihilfe zum Mord (Mieten eines Wohnmobils für Fahrt zu Sprengstoffanschlag). Ob E. wusste, wofür er das Mobil mietete, soll der Bundesgerichtshof am 2. Dezember klären.

Für die Hinterbliebenen der Opfer stand zum Prozessende fest, dass unbequeme, staatsnahe Spuren von V-Leuten und deren Führern nicht beharrlich genug verfolgt wurden. Sie stellten eine Forderung auf: "Kein Schlussstrich!" (mit el)


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