Gauland gelingt Coup auf dem AfD-Parteitag

Ein Wochenende lang wählt die AfD auf ihrem Bundesparteitag eine neue Führung. Es kommt zu Komplikationen. Am Ende sind es zwei Altbekannte, die der AfD den Weg in die Zukunft weisen sollen. Sachsen spielt hierbei kaum noch eine Rolle.

Hannover.

Am Ende sollte Jörg Meuthen recht behalten. "Ohne Kampfgeschrei" werde der Parteitag in Hannover ablaufen. Auch neuerliche Zerwürfnise seien nicht in Sicht, "die Partei ist nämlich in den vergangenen zwei Jahren erwachsener geworden", sagt er. Tatsächlich kommt es diesmal nicht auf dem Parteitag zum allermeisten Geschrei, sondern auf der Straße vor dem Kongresszentrum, in dem die AfD tagt. Bei Protesten von tausenden AfD-Gegnern an verschiedenen Orten der Stadt geht es laut und aggressiv zu. Polizisten und Demons- tranten werden verletzt, ebenso wie der AfD-Bundestagsabgeordnete Kay Gottschalk, der als Delegierter teilnimmt und auf dem Weg zum Parteitag attackiert wird. Bei seiner Bewerbungsrede für den Vorstand trägt er die bandagierte Hand in einer weißen Schlinge.

Was Meuthen wiederum mit "erwachsen" meinen könnte, zeigt sich indes später bei der nervenaufreibenden Suche nach geeigneten Kandidaten für den neu zu wählenden Parteivorstand. Mehrfach ziehen sich die Mächtigen der AfD zu internen Besprechungsrunden in einen Raum hinter der Bühne zurück, um einige Zeit später mit einigermaßen zufriedenen Gesichtern wieder im Saal zu erscheinen und in einen neuen Wahlgang einzutreten. Solche Absprachen kannte man bislang vor allem bei anderen Parteien.

Meuthens Wiederwahl zum Vorsitzenden der AfD geht noch einigermaßen glatt über die Bühne. Rund 72 Prozent der Delegiertenstimmen erhält der 56-Jährige, der bereits zwei Jahre an der Seite der inzwischen abtrünnigen Frauke Petry der AfD vorstand. Doch wer soll als Co-Chef an Meuthens Seite? Von da an beginnt das Abenteuer.

Lange ist unklar, ob der Thüringer Landeschef und Rechtsaußen, Björn Höcke, den Hut in den Ring wirft. Tut er nicht. Und Gauland? Nun, zunächst auch nicht. Denn erst ist der Berliner Landesvorsitzende Georg Pazderski dran. Er gilt als gemäßigt innerhalb der AfD und will die Partei regierungsfähig machen, wie einst Petry. Er stehe für eine AfD, die sich "auf den Tag X vorbereitet", wenn die Partei "selbst am Verhandlungstisch" einer Koalition sitze. Wegen dieser Haltung ist Pazderski dem rechten Flügel suspekt. Er will ihn verhindern und stellt überraschend die schleswig-holsteinische Landesvorsitzende Doris von Sayn-Wittgenstein auf. Sie sympathisiert mit der "Identitären Bewegung" und begeistert in Hannover viele Delegierte mit einer stramm rechten Rede. "Ich will nicht, dass wir in dieser sogenannten Gesellschaft ankommen", ruft sie. Sie wolle auch nicht, dass die AfD Koalitionsgespräche anbiete, sondern, dass die anderen die AfD darum "betteln".

Dann wird abgestimmt, in zwei Wahlgängen erhält keiner von beiden die nötige Mehrheit. Gauland unterbricht den Parteitag. Man sammelt sich zu Gesprächen hinter der Bühne. Etwa 15 Minuten später geht es weiter. Jetzt tritt Gauland plötzlich an. Der 76-jährige Chef der Bundestagsfraktion, der eigentlich nicht auch noch Parteichef werden wollte, gilt als Unterstützer des rechten Flügels. Dieser Teil der AfD sieht seinen Einfluss nun mit Gauland an der Parteispitze gewahrt. Gauland bekommt knapp 68 Prozent. Mehr als ein Viertel der Delegierten votiert mit Nein. Es ist kein fulminanter Sieg. Viele gehen davon aus, dass diese Lösung von Gauland eingefädelt wurde. Dafür hat er die Partei vor einem neuerlichen zermürbenden Machtgezerre bewahrt. Pazderski kandidiert später als Vize-Parteichef und wird gewählt, während Sayn-Wittgenstein nicht mehr antritt.

Und was bedeutet der Ausgang des Parteitags für Sachsens AfD? Anders als in den zurückliegenden Jahren ist der Landesverband fortan nicht mehr in der Führungsriege vertreten. Der Einfluss der Sachsen im Bund ist geschrumpft. Petrys Abgang wirkt offenbar nach. Heiko Hessenkemper, AfD-Politiker und zugleich Professor an der TU Bergakademie Freiberg, scheitert bei vier Versuchen, einen der fünf Beisitzer-Posten im Vorstand zu ergattern. Im letzten Wahlgang gibt er auf.

Vorsitzende und Vize der AfD

Alexander Gauland ist neuer Co-Parteichef der AfD. Der 76-jährige gebürtige Chemnitzer ist zugleich AfDFraktionschef im Bundestag und war zuletzt Vize der Partei. Gauland gehörte lange der CDU als Mitglied an und leitete von 1987 bis 1991 die hessische Staatskanzlei. Später war er Herausgeber der "Märkischen Allgemeinen" in Potsdam.

Jörg Meuthen wurde jetzt als Parteichef im Amt bestätigt. Der 56-Jährige war seit 2015 AfD-Vorsitzender neben Frauke Petry. Meuthen arbeitete vor seinem Einstieg in die Politik als Professor für Volkswirtschaft an der Hochschule für öffentliche Verwaltung in Kehl. 2016 zog er als AfD-Spitzenkandidat in den Landtag von Baden-Württemberg ein. Anfang November kündigte er seinen Wechsel von Stuttgart ins EU-Parlament an.

Georg Pazderski ist Landes- und Fraktionschef der Berliner AfD und einer von drei Vize-Parteichefs. Der 66-Jährige ist ehemaliger Oberst im Generalstab der Bundeswehr und war bisher Beisitzer im Bundesvorstand.

Kay Gottschalk ist ein neues Gesicht in der AfD-Führung. Der 51-jährige Hamburger und studierte Volkswirt war früher in der SPD und Manager in einem deutschen Versicherungskonzern. Seit September sitzt er für die AfD im Bundestag und ist seit dem Wochenende Parteivize.

Albrecht Glaser war früher CDU-Mitglied und Stadtkämmerer in Frankfurt am Main. Der AfD-Spitze gehört der 75-jährige Bundestagsabgeordnete aus Hessen erneut als stellvertretender Parteichef an. (ape)

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 1
    4
    Interessierte
    04.12.2017

    Dazu meinte man heute im Radio :
    Die AfD wird nun von zwei älteren Männern geführt
    ( woooo - ist denn der Meuthen alt ?
    ( und : Diese Regierung wurde von ´einem` alten und verbrauchten Mann geführt , was man von einem Gauland noch nicht sagen kann ...

    Und man meinte :
    Das ist eine radikalere Partei als es selbst den Radikalen bewußt ist ( Presseschau )

    Dieser ´Haß und diese Hetze` gegen Menschen und gewisse Ansichten in diesem Staat , die man nicht mag und nicht will , die ist kaum noch auszuhalten ...
    Früher war es die DDR - und heute sind die anderen Schuld am eigenen Versagen ...



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