Warum der Osten noch immer anders tickt

Mauerfall 89: Eigentlich sind 30 Jahre eine lange Zeit. Doch ganz offensichtlich reichen sie nicht aus, um ein über 40 Jahre geteiltes Land im Kopf zu vereinen. Das verwundert angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der junge Menschen die einstige Trennung ignorieren. Wenn man aber genauer hinschaut, finden sich viele Fakten, die erklären, warum Deutschland heute wieder mehr über Unterschiede spricht als vor fünf Jahren.

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55 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 3
    1
    Nixnuzz
    11.11.2019

    @Freigeist14: Warum? Vielleicht weil die nutzbaren Rahmenbedingungen anders waren als in der DDR? Wir hatten Geld und Material. Wir hatten die Freiheit, neben dem industriellen Aufbau auch privat sich Häuser und Wohnungen aufzubauen - mit Landeskrediten - und nach eigenem Gutdünken auszustatten. Siedlungen mit Anbauten für die Bergmannskuh waren nix ungewöhnliches. Die D-Mark war echtes wertvolles akzeptiertes Zahlungsmittel - auch im nahezu frei zugänglichen Ausland. Die damals entstandenen Menschen-verbindenden Interessen-Vereine - auch aus der Flüchtlings-/ Vertriebenen-Not geboren - haben mit dem Aussterben an Personen als auch des verbesserten Material-Angebotes an Bedeutung verloren. Vielfach waren das auch Auffang-Vereine für die Vertriebenen aus Pommern, Mecklenburg, Sudeten, Danzig etc.. Auch um Papiere, Anträge und Heimatgefühle aufzubereiten und gegebenenfalls materielle Unterstützung - nicht Geld - beizusteuern. Viele 1-Familienhäuser waren damals schon "Gemeinschafts-Wochenend-Häuser"...

  • 6
    2
    Freigeist14
    10.11.2019

    Man kann den Unterschied auch entgegengesetzt betrachten : Warum tickt der Westen noch immer anders ?

  • 7
    7
    Malleo
    10.11.2019

    Guten Abend Herr Kleditzsch,
    ohne von Jubelfeiern außer Rand und Band zu sein, durfte man in der FP mal ein paar richtig gute Beiträge lesen, die auch erklären, was Ihre Analyse letztlich auf den Punkt bringt.
    Dazu muss man nur die Realität wahrnehmen, eins und eins zusammenzählen und paar Fakten sammeln.
    Das haben Sie getan. Danke.
    Das Ergebnis ist ernüchternd bis frustrierend.
    Wenngleich ich keinen Job verlor und auch durchgängig in der Vorwendefirma bis zum Unruhezustand 2015 arbeiten konnte, lasse ich mir mein Sensorium für Ungerechtigkeiten durch noch so viele Sonntags- und Einheitsreden nicht zuschütten.
    Ist es deshalb nicht nachvollziehbar, dass genau deshalb die Menschen im Osten wieder aufbegehren, weil sie wissen, wie man von einem senilen Politbüro an der Realität vorbei regiert wurde?
    Diese Merkel Regierung macht es nicht anders.
    Ohne Visionen für die Zukunft wird nur noch ausgestiegen, aus Atomkraft, Kohle, Diesel, Bildung und Patriotismus.
    Man hat etwas Neues, zweifellos Narzisstisches gefunden - die Klima- und Weltrettung.
    Sie ergänzt die auch von Ihnen erkannte Multikulti Seligkeit in den hippen städtischen Hochburgen.
    Sie wissen es, ich weiß es. Die Kanzlerin als promovierte Physikerin weiß es sicher auch.
    Nur, warum macht sie nichts?
    Haben Sie darauf eine Antwort?
    Steckt gar Kalkül dahinter?
    Die Klarheit politischer Analyse, wie es im Interview mit Gorbatschow zum Ausdruck kam, war spannend, fehlt den aktiven politischen Protagonisten im Land leider völlig.
    Am Ende der Breshnew- Doktrin entließ die Sowjetunion ihre Vasallen.
    Ihre Regierungen sollten fortan eine Politik gemäß ihrer nationalen Interessen machen und dafür auch die volle Verantwortung vor ihren Völkern tragen.
    In Berlin hat man Ersteres vergessen, wenn man das lediglich auf die beiden letzten Legislaturperioden herunterbricht.
    Die politische Abrechnung erlebt die CDU mit voller Härte und erst nach der Einnahme der Wach- auf- Tablette AfD setzte scheinbar die Selbstfindung bei Werkstattgesprächen (ohne Werkzeug) ein und wie wir wissen, mit mehr als mäßigen Erfolg.
    Die Kanzlerin kann oder will nicht mehr, leidet an Debattenallergie und was aus dem Saarland in die DDR mit Honecker bzw. das vereinte D in die Politik entlassen wurde( Maas und AKK) muss nicht weiter thematisiert werden.
    Es bleibt spannend und am Ende wünscht sich der Leser(und nicht nur der), dass die FP bereit ist, ab und an oder auch täglich einmal den Blick ohne ideologische Brille auf der Nase und mithin jenseits des links- liberalen Weltbildes den Lesern zu berichten -nicht was sie zu denken haben sondern worüber sie bitte nachdenken sollen!

  • 9
    6
    ChWtr
    10.11.2019

    Ihrem langen Text ist nichts hinzuzufügen, sehr gut @Hankman.

    Die Ausführungen von Torsten Kleditzsch haben Sie für meine Begriffe richtig analysiert.
    Jedoch sollten Sie wissen, dass es auch Benachteiligungen / Demütigungen für sogenannte "Ausgereiste" gab und gibt. Zum Glück resp. in der Hoffnung, kommen ja wieder einige zurück. Und wenn jeder die gleiche Chance für berufl. Aufstieg erhält, unabhängig von seiner Herkunft oder Geschlecht, dann wird es (ganz sicher) besser bei uns - in absehbarer Zeit.
    Daran glaube ich fest und gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir wieder mehr als über 80% "im Osten" werden, die die extremen Populisten und Empörer zurückdrängen. Und das gemeinsam mit den "eingewanderten" Wählern aus den anderen BL.
    Ich kann gern auf die Spalter vom Schlage Höckes und Kallbitz in unserer Region verzichten. Warum die nicht dort bleiben, wo sie herkommen, sollte allen klar sein (...) - strafen wir sie Lügen!

  • 20
    4
    Hankman
    10.11.2019

    Eine sehr tiefgründige Betrachtung mit vielen klugen Gedanken. Das Lesen des langen Textes lohnt sich! An zwei Stellen möchte ich aber Widerspruch anmelden.

    Zum einen: Es wird die gängige These wiederholt, dass "nach dem Mauerfall die Mobilen und gut Ausgebildeten, die Mitte der DDR" in den Westen abgewandert seien und der Osten daher seine "bürgerliche Mitte" verloren habe. Das mit der bürgerlichen MItte lassen wir mal so stehen, auch wenn ich dies für überzogen halte. Wichtiger ist mir: Es waren nicht DIE Mobilen und DIE gut Ausgebildeten, die den Osten verließen. Es waren viele, aber keineswegs alle. Weil andere sich ganz bewusst dafür entschieden haben, hier zu bleiben, hier den Transformationsprozess mitzugestalten, hier in ihrer Heimat anzupacken - und die dafür bewusst geringere Einkommen, manche Demütigung und andere Nachteile in Kauf nahmen.

    Ich finde es ziemlich herablassend, zu behaupten, dass jene, die hier blieben, so eine Art Rest seien, der nur noch da sei, weil er keine Wahl hatte. Das ist Unsinn. Damit redet man Menschen klein und verletzt ihre Würde. Und es ist ja auch nicht so, dass ausschließlich Menschen in den Westen gegangen sind, die mit ihrer guten Ausbildung einfach mehr anfangen und mehr Geld verdienen wollten und mehr drauf hatten als alle anderen. Für viele gab es gerade in den wilden 90ern schlicht keine andere Wahl, wollten sie nicht auf Dauer arbeitslos sein. Dieser Landesteil wollte ihre Arbeitskraft nicht mehr haben, er bot ihnen keine Perspektive - also mussten sie sich eine neue suchen. Auch das missachtet die holzschnittartige These, die man leider häufig liest.

    Zum anderen: Es wird auch die These wiederholt, wonach es die Hartz-IV-Reformen gewesen seien, die Deutschland damals "aus der Stagnation holten". Das ist unter Ökonomen höchst umstritten. Es ist durchaus schwierig, die Wirkungen der verschiedenen Einflussfaktoren voneinander abzugrenzen und präzise zu sagen: Dieser eine war's. Einen ganz entscheidenden und vielleicht viel stärkeren Einfluss hatten die Einführung des Euro und die damit verbundene wirtschaftliche Integration. Zudem war die Hartz-IV-Reform selbst sehr komplex und hatte viele Komponenten - gute und weniger gute, wirksame und sinnlose.

    Wenn ich ein bisschen vereinfache und zuspitze, hatten die Hartz-IV-Reformen ökonomisch vor allem eine Zielrichtung: den Druck auf Arbeitslose und Arbeitende verstärken, für Unruhe und Unsicherheit sorgen, Sozialausgaben drücken, letztlich den Anstieg der Arbeitskosten im Vergleich zu anderen Ländern abbremsen und so Deutschlands Konkurrenzfähigkeit verbessern. Nun, das scheint letztendlich gelungen. Aber der soziale und psychologische Preis dafür ist hoch. Das sehen wir heute am Zustand unserer Gesellschaft. Und diesen Befund lese ich auch aus dem klugen Text heraus.