Ja, ich war gut! - Warum Stolz nicht verkehrt ist

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Wir sind Papst. Wir sind Weltmeister. Wir sind Impfstofferfinder. Aber wer bin ich? Ich? Ich? Wenn es darum geht, auf sich selbst, zumindest hin und wieder, stolz zu sein, ist man meist zögerlich. In Deutschland vor allem. Denn Stolz ist eine Kulturfrage. Amerikaner bestaunen ihre Selfmade-Millionäre. Deutsche beargwöhnen sie. Haben zwar eine kleine Mercedes-Flotte. Aber verstecken sie lieber in der Garage, als dass sie diese zur Schau zu stellen. Hat man es hierzulande geschafft, zeigt man das eher mit einem verlegenen Lächeln, einem verhuschten Blick zu Boden, auf dem man bleiben will.

Nein, man sagt nicht: ich, ich, ich bin gut! Bescheidenheit. Die kann dennoch richtig falsch sein. Denn ein bisschen mehr Stolz wäre nicht verkehrt. Nicht aus Prahlsucht und purer Angeberei. Sondern als eine Art Selbstbewusstsein. "Unbedingt soll man stolz auf Erreichtes sein", sagt Jürgen Walter, Sportpsychologe aus Düsseldorf. Denn er weiß: "Viele Sportler sind unzufrieden mit sich, ihren Leistungen - der Zweite ist schon erster Verlierer." So sollte man lieber sagen: Schaut her, das habe ich toll gemacht. Man muss dabei nicht der Schönste, der Beste sein.

Wir leben in einem Land der Neidkultur. Gerahmte Urkunden, Diplome oder Pokale findet man oft nicht im Büro, sondern in einem Hinterzimmer. Für die katholische Kirche, die diese Kultur jahrhundertelang mit prägte, ist Stolz nicht die Hochachtung sich selbst gegenüber, sondern Hochmut - also ein Sündenfall. Und Leo Tolstoi, russischer Dichter, meinte, dass Stolz entfesselte Eigenliebe sei. Ich, ich, ich!

Es gehört zu den ungeschriebenen Regeln, sich nicht als toller Hecht zu präsentieren, sich in narzisstischer Selbstzufriedenheit im eigenen Glanz zu sonnen. Und das ist auch gut so. "Wenn ich Stolz auslebe, ist es wichtig zu differenzieren zwischen defizitärer Egozentrik und dem genießenden Gefühl wahrzunehmen, ich bin glücklich", sagt Stephan Wießler, ein Psychologe.

Eine Umfrage hat ergeben, dass 61 Prozent der Deutschen am Ende der Woche stolz auf ihre Arbeit sind. Nur sagen sie es meist nicht. Das sollte man ändern, meint Wießler. Denn: "Nur wer zu sich selbst gut sein kann, kann auch zu anderen gut sein." Ulrich Hammerschmidt

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