Die Leipziger Uniklinik testet eine neue Therapie gegen Schmerzen. Auch das Klinikum Chemnitz nutzt bereits Chilischärfe. Wie die Behandlung wirkt, für wen sie sich eignet und was Patienten erwartet.
Allein die Zahlen tun schon weh: Etwa 17 Prozent aller Deutschen leiden an lang anhaltenden, chronischen Schmerzen – das sind mehr als zwölf Millionen Menschen. Durchschnittlich dauert ihre Leidensgeschichte nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft sieben Jahre, bei mehr als 20 Prozent aber mehr als 20 Jahre. Besonders häufig betroffen sind Rücken, Kopf und Gelenke. Auch Erkrankungen wie Migräne oder Fibromyalgie spielen eine Rolle.
So funktioniert der neue Wirkstoff
Doch nun gibt es neue Hoffnung für diese Millionen Schmerzpatienten: An der Uniklinik Leipzig setzen Mediziner seit Kurzem ergänzend einen Wirkstoff ein, der Linderung bringen kann. Der Wirkstoff heißt Capsaicin – ein natürlicher Stoff, der vor allem in Chilischoten vorkommt und für deren berühmte Schärfe sorgt. „Für uns in der Schmerztherapie bietet der hochkonzentrierte Wirkstoff eine neue Option, um bei besonders belastenden und schwer zu lindernden Nervenschmerzen eingreifen zu können“, erklärt Stephan Scheike, Anästhesist und Leiter der Schmerztagesklinik am Uniklinikum Leipzig. Das Capsaicin dämpft dabei die Schmerzreize direkt an den Nervenenden. Die Behandlung erfolgt über ein Pflaster, das auf die betroffene Hautstelle aufgebracht wird. „Die Konzentration ist dabei sehr hoch, weshalb die Pflaster nur unter Aufsicht und kurzzeitig aufgebracht werden können“, so Scheike.
Ärzte: Nicht mit herkömmlichem Wärmepflaster vergleichbar
Das neuartige Pflaster enthält hochkonzentriertes Capsaicin (8 Prozent) und damit deutlich mehr als handelsübliche Wärmepflaster. Diese enthalten meist nur geringe Mengen Capsaicin (0,025 bis 0,1 Prozent) – sie wirken schwächer und oberflächlicher.
Für wen sich die Therapie eignet
Eingesetzt wird das hochdosierte Capsaicin vor allem gegen schwer behandelbare Schmerzen, die schon länger als zwölf Wochen anhalten. Was gegen akut auftretende Schmerzen hilft, versagt nämlich bei chronisch gewordenen Formen oft. „Der Hintergrund ist, dass oftmals nicht mehr die auslösende Ursache im Zentrum steht, sondern der Schmerz selbst als eine erlernte Reaktion des Organismus“, erklärt Mediziner Scheike Rückenschmerzen, Kopfschmerzen, Gelenkschmerzen sowie Fibromyalgie und Migräne.
Therapie soll zu Rückkehr in den Alltag verhelfen
Wer in die Schmerzklinik in Leipzig kommt, hat oft schon einen langen Leidensweg hinter sich. „Denn zunächst müssen alle möglichen organischen Ursachen ausgeschlossen werden, was oft eine Diagnose-Odyssee bedeutet,“ so Scheike. „Am Ende steht die durchaus schwierige Erkenntnis, dass es scheinbar keinen Grund für den Schmerz gibt, dieser aber doch real empfunden wird. An dieser Stelle setzt unser Angebot an“, so der Schmerzspezialist. Dabei können verschiedene Behandlungsansätze zu einer Linderung der Schmerzen führen: von Medikamenten über Bewegung bis hin zur psychologischen Beratung und Verhaltenstherapie. Das Ziel ist bei allem, den Betroffenen einen besseren Umgang mit dem Schmerz und einen Erhalt oder Rückkehr des Alltags zu ermöglichen. Denn meist schränken die starken chronischen Schmerzen den Alltag der Betroffenen stark ein: Arbeitsunfähigkeit und sozialer Rückzug können die Folge sein.
Chili-Wirkstoff auch in Chemnitz schon im Einsatz
Nach erfolgreichen Pilotversuchen integriert das Uniklinikum Leipzig das Verfahren jetzt in ihre Schmerztherapie in der Schmerzambulanz und in der Tagesklinik. „Wir versprechen uns davon eine neue Option vor allem für Patienten, die zum Beispiel nach einer Gürtelrose mit bleibenden Nervenschmerzen kämpfen“, so der Anästhesist. Auch das Klinikum Chemnitz setzt auf den Wirkstoff Capsaicin als Schmerzmedikament insbesondere in der Behandlung von lokalen chronischen Nervenschmerzen. „Das ist ein etablierter Baustein im Therapiealgorithmus“, erklärt Otto Eichelbrönner, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerzmedizin des Klinikums Chemnitz.
Chemnitzer Chefarzt: Keine „schnelle Wunderwaffe“
Bisher kam er dort aber eher vereinzelt zum Einsatz, zum Beispiel in der Handchirurgie. Grundsätzlich müsse für jeden jeden Patienten mit chronischen Schmerzen ein individualisiertes Therapiekonzept erstellt werden, erklärt Chefarzt Eichelbrönner. „Die Qutenza-Pflaster können bei einigen Patienten im Rahmen des Gesamtbehandlungskonzeptes zur Schmerzreduktion beitragen und stellen eine zusätzliche Behandlungsoption dar.“ Eichelbrönner konstatiert aber auch: Eine „schnelle Wunderwaffe“ sei das hochdosierte Capsaicin leider nicht.
Nachfrage in Leipzig groß
Das Capsaicin-Pflaster wird in Leipzig primär in der ambulanten Behandlung von Patienten genutzt, kann aber auch im Rahmen einer teilstationären multimodalen Schmerztherapie in der Tagesklinik zur Anwendung kommen. Die Nachfrage ist groß, doch Scheike macht Betroffenen Mut: „Wir haben regelmäßig auch Terminverschiebungen mit kurzfristig frei werdenden Plätzen, sodass wir lange Wartezeiten bisher gut verhindern können.“ (juerg)





