Debatte zur Sachsenwahl: Verwickelte Themen, gut gestreift

Eindrücke von der "Elefantenrunde" der drei großen sächsischen Tageszeitungen am Mittwochabend in Dresden

Es kann so schwierig sein, das Richtige zu tun. "Kaufen Sie ,Fit‘ zum Spülen", empfiehlt der sächsische Ministerpräsident, "dann helfen Sie der Lausitz!" Zuvor hatte Holger Pohl vom Hirschfelder Sportverein in einem Einspielvideo beklagt, dass der Gegend an der polnischen Grenze die Jugend entfliehe und sie auszusterben drohe. Mit dem Kauf des Spülmittels aus Hirschfelde an der Neiße sei dem Mann wohl am besten beizuspringen, so Michael Kretschmer. Es geht um Arbeitsplätze!

Das kann man so sehen. Wie dem ländlichen Raum aufzuhelfen sei, ist eines der Schwerpunktthemen der "Elefantenrunde" von "Freie Presse", "Sächsischer Zeitung" und "Leipziger Volkszeitung" am Mittwochabend in Dresden. Kretschmers Vorschlag bleibt aber nicht unwidersprochen. "Bei mir zu Hause wird mit ,Frosch‘ gespült, weil das ökologisch ist", gibt Katja Meier kund, sich damit als Kandidatin der Grünen erweisend. "Wobei man dem Geschäftsführer in Hirschfelde ja zugute halten muss, dass er für ein weltoffenes Sachsen steht", ergänzt Rico Gebhardt von den Linken mit Begeisterung. Freudiger Beifall im Saal. Ob die Leute morgen "richtig" spülen?

Es geht um noch verwickeltere Themen, die "gut gestreift" werden, wie es der Leipziger Jan Emendörfer als einer der Moderatoren sagt. Im Trio mit seinen Chefredakteurs-Kollegen aus Chemnitz und Dresden, Torsten Kleditzsch und Uwe Vetterick, führt er sechs Spitzenkandidaten für die Landtagswahl durch einen Hindernisparcours aus lauter Varianten des alten Frage-Antwort-Spiels. Dreißig Sekunden Antwort hier, eine Minute dort, mal in kleiner, mal in großer Runde, zwischendurch Abstimmung per Handy ("Was meinen Sie?"), Einspielfilme und Ja-Nein-Karten zum Hochhalten. Wer allzu lange Wortgirlanden dreht, wird mit einem elektronischem Schnarrton wie früher bei "Dalli, dalli" zur Ordnung gerufen. Rico Gebhardt von der Linken passiert das mehrfach. Einmal wird der Oppositionsführer von Regierungschef Kretschmer gefragt: "Und was war noch mal der Anfang Ihres Satzes?"

Das Saalpublikum, gut 400 Leser der drei großen sächsischen Tageszeitungen, stimmt vorher ab: Bildung ist ihm wichtigsten, danach Innere Sicherheit, dann ländlicher Raum. Geliefert wird wie bestellt. Draußen strömt die Elbe an der Glasfront des Dresdner Kongresszentrums vorbei, einem Glasbau vom Anfang des Jahrtausends, der mit dem Fluss "in Dialog tritt", wie die Architekturkritik schrieb. Ein schöner Ort, um der Politik den Puls zu fühlen, und der Landtag ganz nah. Nebenan steht eine Statue des Dichters Dostojewski, die hatten Angela Merkel und Wladimir Putin in schönster Eintracht miteinander eingeweiht. Das war 2006. Wie in der Politik der Wind sich dreht.

Michael Kretschmer, der Ministerpräsident, präsentiert sich wie zuletzt so oft: konzentriert, fachkundig, direkt, aber auch wie von Kummer gebeugt. Einmal scheint die Spannung jener 18 Monate, in denen er das Ruder im Freistaat führt, aus ihm herauszuplatzen. Holger Zastrow, der König-ohne-Land von der FDP, unter dessen Führung die Liberalen vor fünf Jahren den Einzug in den Landtag vermasselt hatten, wirft der Staatsregierung vor, sie habe sich beim Braunkohleausstieg über den Tisch ziehen lassen und so gut wie alles falsch gemacht. Kretschmer kocht hoch: Das sei eine "intellektuelle Beleidigung", presst er hervor. In 20 Monaten sei dieser Kompromiss geschmiedet worden. Da steckten Arbeit, Kraft und Schmerzen drin. "Das lasse ich mir nicht herunterreden!" Der Regierungschef blickt ins Publikum; das Publikum blickt zurück und womöglich tief in seine Seele.

Zastrow gibt sich gerne markig, hat Riesenansagen im Sonderangebot. Weltbeste Bildung, klares Ziel. Migrationspolitik, gigantischer Fehler. Europa sollte sich um die Migranten kümmern, bevor es die Saugstärke von Staubsaugern reguliert. Kämpft um den ländlichen Raum, das macht ja keiner. Und der Kohleausstieg? Wird das Weltklima nicht retten. Anpacken, marktliberale Rezepte: In Dresden seien die Schulen so gut, weil die Stadt ihre Wohnungen verkauft und damit einen Sack an Investitionsmitteln eingenommen hat. Gebt den Leuten mehr Freiheit. Die machen das schon.

Martin Dulig, SPD-Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, teilt mit Kretschmer die Ernsthaftigkeit und mit Zastrow den Tisch. Er riskiert es immer wieder, das Blickfeld zu weiten. Marode Schulen: "Wir haben einen äußeren, aber auch einen inneren Sanierungsfall. Die Frage ist: Befähigen wir unsere Kinder, im Leben zu bestehen, oder haben wir die falsche Bildungskultur - zu viel Sicherheitsdenken, zu viel Fehlervermeidung, zu wenig Innovation?" Innere Sicherheit: "Da geht es nicht nur um mehr Präsenz der Polizei. Wie steht es um den respektvollen und anständigen Umgang miteinander, hat das nicht mit dem innerem Frieden einer Gesellschaft zu tun?" Migration: "Meine Wahrnehmung ist, wir schieben die falschen ab. Die gut Integrierten haben Papiere, auf die greift man am schnellsten zu." Ländlicher Raum: "Wir brauchen höhere Löhne, Tariflohnland." Dulig spricht ruhig, keine Scherze. Für ihn geht es um alles. Einer seiner Slogans lautet: "Wer Dulig will, muss SPD wählen." Das beschreibt wohl sein Problem.

Als Einziger auf dem Podium klatscht übrigens Dulig, als die Grüne Katja Meier sagt: "Der Rechtsextremismus ist das größte Sicherheitsrisiko im Land!" Im Publikum Beifall und Unmutsrufe. Meier als einzige Frau unter den fünf Anzugmännern trägt ein rotes Kleid, wirbt für Ökologie und Bürgerrechte, ist dem Publikum aber entschieden zu liberal, als sie Ladendiebe pauschal zu armen Wohnungslosen in miserabler Lebenslage erklärt. Stöhnen und Gelächter. "Lieber soziale Prävention als Repression!", schiebt Katja Meier hinterher. Das war es doch, was sie eigentlich hatte sagen wollen.

Rico Gebhardt nimmt sich das Wort, wenn er meint, es käme ihm jetzt zu. Er ist der Freischwingende unter den Teilnehmern, die sich, Regierungsmitglied oder nicht, diszipliniert den Regeln der Debatte beugen. Gebhardts Anhängern macht das Vergnügen, das Podium verübelt ihm offenbar nichts. Man kennt sich halt und weiß sich einzuschätzen.

Der sechste in der Runde, AfD-Chef Jörg Urban, wirkt besser sortiert als vor einer Woche. Bei seinem Auftritt vor Unternehmern in der Dresdner Dreikönigskirche hatte Urban unvorbereitet und fahrig gewirkt, das widerfährt ihm diesmal nicht. Auch erhält er manchen Beifall. Viele seiner Antworten bewegen sich im Lösungskorridor der politischen Konkurrenz. Dass Urban sich dem völkisch-nationalistischen "Flügel" der AfD zuordnet, blitzt am ehesten auf, wenn es um Migrationsthemen geht: Da fordert er emotionslos, Kinder von Bürgerkriegsflüchtlingen grundsätzlich nur in ihren Heimatsprachen zu unterrichten, um sie später leichter loszuwerden. Für ein "Ministerium Ländlicher Raum" gäbe er Behörden preis, die sich um Integrationsfragen kümmern.

Vor dem Fenster des Kongresszentrums segelt ein Heißluftballon vorbei. Im Saal, der sich insgesamt wohl gut unterhalten fühlt, wogen die Emotionen sanft hin und her. Eine Schicksalswahl? Das Leben geht weiter. "Sie waren ein aufmerksames, leidenschaftliches, faires Publikum. Das ist heute leider nicht mehr selbstverständlich", sagt Moderator Uwe Vetterick zum Schluss und klatscht den Zeitungslesern Beifall. "Freie Presse"-Chefredakteur Torsten Kleditzsch bittet alle Gäste, die ihre Wahlentscheidung nun informierter treffen könnten, nur auch in jedem Falle zur Wahl zu gehen.

"In Sachsen wird heute so viel diskutiert, wie ich es zwanzig Jahre lang nicht erlebt habe", hatte Annette Binninger, Politik-Chefin der "Sächsischen Zeitung", zu Anfang gesagt. "Das sollten wir uns in respektvoller Weise bewahren."

Bewertung des Artikels: Ø 3.5 Sterne bei 2 Bewertungen
2Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 12
    9
    DTRFC2005
    22.08.2019

    Rico Gebhardt, ist das ausnahmslos der einzige gewesen, der alles korrekt auf den Punkt gebracht hat.

  • 19
    13
    Lesemuffel
    22.08.2019

    Ein Albtraum, wenn der Wahl Ausgang es wegen der Ausgrenzung der AfD erforderlich macht, dass es die GRÜNEN mit in die Regierung bringt und K. Meyer womöglich Ministerin wird. Unqualifizierte geht es kaum noch. Das denkt man zwar, wird aber immer wieder überrascht.



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