Die Genossenschaftsidee soll Unesco-Welterbe werden

2014 kann Deutschland zum ersten Mal bei der Unesco Vorschläge für das immaterielle Kulturerbe einreichen. Titelträume gibt es auch in Sachsen.

Dresden. Eine Idee ging vor mehr als 150 Jahren um in Deutschland, und dass sie folgenlos blieb, lässt sich wahrlich nicht behaupten. Was Hermann Schulze-Delitzsch mit der 1849 als "Schuhmacherassoziation" gegründeten ersten gewerblichen Genossenschaft begann, hat sich längst zu einer globalen Bewegung ausgeweitet: "Über 900.000 Genossenschaften in mehr als 100 Ländern mit über 800 Millionen Mitgliedern", das seien "mehr als beim Fußballweltverband Fifa", rechnete der Vorstand der Hermann-Schulze-Delitzsch-Gesellschaft, Axel Viehweger, gestern vor.

Entwicklungshilfe-Projekte sind dabei, Banken, Landwirtschaftsbetriebe, Handwerkerverbünde, aber auch der Bürgerkonsum um die Ecke. So unterschiedlich diese Unternehmungen sind, schon 2016 könnte sie etwas ganz Besonderes einen: ein Welterbetitel. Zeitgleich mit der nach dem zweiten großen Gründervater benannten Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft in Mainz kündigte Viehwegers Verein gestern in Dresden an, für die aus dem 19. Jahrhundert stammende Genossenschaftsidee einen Antrag auf Anerkennung als Immaterielles Unesco-Kulturerbe zu stellen.

Damit sind sie zwar nicht allein. Längst trommelt Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) für das Altenburger Skatspiel. Und innerhalb Sachsens meldete der Europäische Köhlerverein aus Sosa sein Interesse am Titel für die Verkohlung von Holz und die Teerschwelerei an, bevor sich nun auch noch der Markneukirchener Bürgermeister Andreas Jacob (CDU) zu einem Antrag für den traditionellen vogtländischen Musikinstrumentenbau bekannte.

Aber bei aller Konkurrenz sehen sich die Anhänger der Genossenschaftsidee dadurch in einem gewissen Vorteil, dass sie sich sowohl in Sachsen als auch in Rheinland-Pfalz bewerben können, wo einst Friedrich Wilhelm Raiffeisen die Basis für Genossenschaften legte. Deutschland kann nämlich auch länderübergreifende Vorhaben bei der Unesco in Paris einreichen.

Vorstand Viehweger warb nicht nur mit Zahlen und der zweifelsfrei deutschen Herkunft der Genossenschaftsidee - sondern auch mit ihrem Wert für die Gesellschaft. Der 60-Jährige führt seit fast zwölf Jahren den Verband Sächsischer Wohnungsgenossenschaften mit zurzeit 227 Mitgliedern. Ein einziges sei in den vergangenen Jahren pleitegegangen, sagt Viehweger, und selbst da habe es nicht am Modell, sondern am Missmanagement gelegen - "der Vorstand wird immer noch mit Haftbefehl gesucht".

Dass Genossenschaften ihren Mitgliedern verpflichtet sind, verhilft ihnen auch nach Auffassung des Delitzscher Oberbürgermeisters Manfred Wilde (parteilos) zu Stabilität - besonders in Krisenzeiten. Aber Wilde macht keinen Hehl daraus, dass er die Idee zugleich für bedroht hält - weil sie an Schulen und Hochschulen gar nicht mehr gelehrt werde. Selbst Vorstandskollege Viehweger weiß: "Jeder kriegt erklärt, was eine Aktiengesellschaft ist, aber keiner, wie eine Genossenschaft funktioniert." Auch daran soll der Unesco-Titel etwas ändern. Um dem Antrag besonderes Gewicht zu verleihen, wollen die Initiatoren bis November 300 Unterstützer-Bekenntnisse vorlegen. Prominente sollen auch dabei sein.

 

Immaterielles Unesco-Welterbe

Fado und französische Küche gehören bereits dazu, aber kein einziger deutscher Titelträger. Der Grund: Das 2003 von der Unesco verabschiedete "Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes" trat erst dieses Jahr in Deutschland in Kraft.

Ziel ist der Erhalt von weltweit vorhandenem traditionellem Wissen und Können. Dazu gibt es drei Listen mit zusammen mehr als 250 Einträgen: eine repräsentative für das Erbe der Menschheit, eine für das dringend erhaltungsbedürftige Erbe und zudem ein Register guter Praxisbeispiele. Jedes Jahr sind Neuaufnahmen möglich.

Deutschland kann 2014 seine ersten Vorschläge einreichen. Wegen der mehrjährigen Verfahrensdauer ist dann frühestens 2016 der erste Titel möglich. Zunächst müssen die Bewerbungen bis Ende November in den Landeshauptstädten eingereicht werden, antragsberechtigt sind Gruppen und Gemeinschaften. Jedes Bundesland darf bis zu zwei aussichtsreiche Bewerbungen benennen. (tz)
 

» unesco.de/5424.html

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