Grüne Landesliste: Viele Bewerber, einige Watschen

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Die sächsische Partei wählt die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Nur Listenplatz eins ist unumstritten.

Leipzig. Die Einigkeit bei den sächsischen Grünen endet, nachdem Paula Piechotta ihre Wahl angenommen hat. Die Leipziger Ärztin ist soeben mit knapp 83 Prozent auf Listenplatz eins gewählt worden, es gibt Applaus. Die 34-Jährige hat die rund 110 Delegierten zuvor auf den anstehenden Wahlkampf eingeschworen und urgrüne Themen angesprochen: "Corona ist krass. Aber die Klimakrise wird krasser, wenn wir nicht endlich handeln." Piechotta dankt für die Zustimmung, ein Blumenstrauß wird ihr gereicht. Dann beginnt das, womit Spitzengrüne gerechnet hatten.

 

Der Andrang auf die aussichtsreichen Spitzenplätze ist groß. So groß wie bei den vergangenen Bundestagswahlen nicht mehr. Das hat viel mit den Grünen selbst zu tun. Die amtierenden Abgeordneten Monika Lazar und Wolfgang Wetzel treten nicht mehr an. Zudem sind die Umfragewerte gut. Drei Abgeordneten möchte die sächsische Partei künftig in den Bundestag schicken, bei einem Ergebnis deutlich über zehn Prozent ist unter Umständen sogar ein viertes Mandat möglich. Viele Mitglieder sehe da ihre Chance. Und sie wollen ihre Ansprüche nicht einfach so zurückstellen.

 

Offiziell dementieren die Grünen immer, dass es Absprachen im Vorfeld gibt. Zumindest eine inoffizielle Marschrichtung für diesen Parteitag hat sich zuletzt herauskristallisiert. Dass der Leipziger Kreisverband - als mitgliederstärkster in Sachsen - Platz eins beanspruchen kann, ist seit Jahren gesetzt. Platz zwei sollte diesmal an die Region Südwestsachsen/Chemnitz gehen, Platz drei an Dresdner Kreisverband. An diesen groben Fahrplan wollen sich nicht alle halten. Schon bei Listenplatz zwei - der Männern und auch Frauen offen steht - zeigt sich dies.

 

Bernhard Herrmann, Stadtrat aus Chemnitz, ist hier der Favorit. Immerhin haben sich die südwestsächsischen Grünen nach interner Suche auf ihn festgelegt. Doch auch Annett Jagiela aus Görlitz sieht ihre Chance. Die Büroleiterin von Franziska Schubert, Chefin der Landtagsfraktion, gilt manchen als Geheimtipp: Ihre Wahl würde dafür sorgen, dass die Grünen mit einem weiblichen Spitzentrio in den Wahlkampf ziehen. Denn Platz drei ist - wie alle Plätze mit ungeraden Zahlen - für eine Frau reserviert. Die beiden übrigen Bewerber um den zweiten Platz, Enrico Kunze (Kreisverband Nordsachsen) und Matthias Vialon (Kreisverband Landkreis Leipzig), sind krasse Außenseiter.

 

Herrmann präsentiert sich in seiner Rede als Kämpfer für grüne Energie: Er habe mit dafür gesorgt, dass das Dorf Pödelwitz im Leipziger Umland nicht dem Braunkohle-Tagebau zum Opfer fällt. "Ganz konkret für den Ausbau der Erneuerbaren möchte ich mich einbringen", verspricht er. Jagiela dagegen stellt sich als "Mutmacherin" vor, als Streiterin für den ländlichen Raum. Sie selbst torpediert allerdings ihre Chancen. Zunächst erhält sie Sympathien, als sie auf die Frage, warum sie für den zweiten Platz antrete, antwortet: "Weil ich es kann." Bei Ausführungen über Rechtsextremismus in der Provinz zitiert sich jedoch das "N-Wort". Herrmann gewinnt mit 68,14 Prozent. Im Nachgang ist es einem Delegierten wichtig, Jagiela für den Gebrauch des Wortes zu rügen.

 

Jagiela versucht noch gegen die Vorsitzende der Grünen Jugend, Merle Spellerberg, ihr Glück. Spellerberg holt dennoch mit 50,89 Prozent denkbar knapp Platz frei. Zum Schluss wird Jagiela auf Platz fünf gewählt.

 

Auch den Parteivorsitzenden Norman Volger watschen die Delegierten am Samstagnachmittag ab. Volger ist nicht bei allen beliebt, bereits bei seiner Wiederwahl im vergangenen Jahr gab es mit 65 Prozent Zustimmung einen Dämpfer. Volger will sich nun auf den vierten Listenplatz einreihen. Schon vor längerem hat er seiner Partei mitgeteilt, dass er sich mit dieser - eher wenig aussichtsreichen - Position zufrieden gibt. Mit Kassem Taher Saleh aus Dresden bekommt er aber einen starken Mitbewerber.

 

Saleh setzt sich für Migrationspolitik ein, in seiner Rede stellt er seine eigenen Erfahrungen mit Flucht und Rechtsextremismus heraus: "Ich will dafür kämpfen, dass noch viel mehr Menschen in Sachsen ihr Zuhause finden." Er werde im Bundestag eine "ganz klare Grenze ziehen - und die richtet sich gegen Rassismus und Rechtsextremismus". Saleh hilft auch, dass er die Grüne Jugend hinter sich weiß. 63 von 112 Delegierten (56,25 Prozent) stimmen für ihn. Volger bleibt schließlich nur Platz sechs.

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66 Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 5
    2
    1970449
    25.04.2021

    @Maschinenbauer: "Könnte es sein, dass es wieder auf das linke Lieblingsspiel einzahlt?"

    Könnte es sein, dass Sie gewisse Schwierigkeiten mit der Anerkennung realer Tatsachen haben?
    Laut amtlicher Wahlstatistik sind zur letzten Bundestagswahl die meisten sächsischen Wähler, nämlich exakt 27,0%, der AfD auf den Leim gegangen.

    @vonVorn: "wenn die AfD mal nicht durch Merkel von der Macht ferngehalten wird, ..."
    Sie haben aber schon mitbekommen, dass Merkel niemanden mehr von der Macht fernhalten, sondern in Rente gehen will?

    Ohnehin darf man gespannt sein, was die Deklamatoren von "Merkel muss weg!" als neue Lösung für alle Probleme auf ihre Plakate kleben. Wahrscheinlich sowas wie "Laschet muss weg!" oder "Baerbock muss weg!" oder "Scholz muss weg!"
    Um Ressourcen zu sparen, empfehle ich als ultimativ zielführenden Slogan: "Alles muss weg!"
    Das kann man als Transparent sogar noch in tausend Jahren in die Luft halten.

    Falls dann sowieso nicht schon alles weg ist.

  • 6
    6
    vonVorn
    25.04.2021

    @1970449, wenn die AfD mal nicht durch Merkel von der Macht ferngehalten wird, vielleicht werden Sie ja überrasch, die Partei der Studienabrecher ist ja nun mal nicht die AfD. Ich verstehe wirklich nicht, wieso man die verteidigt die in der Regiergungsverantwortung schon oft genug nachgewiesen haben ihre Meinung ständig ändern zu können, zugunsten derer die noch nicht mal in der Regierungsverantwortung waren.

  • 4
    10
    Maschinenbauer
    25.04.2021

    @1970449: Könnte es sein, dass es wieder auf das linke Lieblingsspiel einzahlt? Wer eine andere Meinung hat ist gleich AFD, N... etc.?

  • 20
    21
    1970449
    24.04.2021

    @Maschinenbauer: "Hier in Sachsen werden deutlich weniger den Grünen auf den Leim gehen, als anderswo."

    Dafür gehen hier in Sachsen der AfD deutlich mehr auf den Leim als anderswo. Obwohl die "Alternativen" noch nicht mal Gelegenheit hatten, mangels Machtkompetenz so viel Unsinn in einer Regierung zu verzapfen wie die Grünen.

    Interessant wird folgendes sein: Der AfD ist D. Trump von der Schippe gesprungen. J. Biden erklärt Klimaschutz zum Staatsziel und lockt gleichzeitig Kapital an, damit Geld zu verdienen. Jetzt werden auch in den Augen der Klimaskeptiker die Dollarzeichen glitzern. Und viele, die vordem über "Unsinn" fabulierten, werden daran gar nicht mehr so gern erinnert werden wollen.

    Wenn die Grünen davon profitieren, sind sie garantiert in nullkommanix die "Krisengewinnlerpartei". JETZT rechtzeitig auf diesen Zug aufzuspringen - das kennzeichnet den wachen Geist!

  • 13
    13
    KatharinaWeyandt
    24.04.2021

    Zwei langjährige MdB waren ausgeschiedene, das erste Mal wurden die Karten völlig neu gemischt. Um die zwanzig Bewerberinnen und Bewerber stellten sich in den letzten Monaten vor, alle mit ihren Stärken und Vernetzungen in den sächsischen Regionen. Kein Wunder, dass es so spannend war.

  • 37
    20
    Maschinenbauer
    24.04.2021

    Die sächsischen Kandidaten der Grünen werden es schwerer haben, als die der anderen Bundesländer. Mittlerweile dürften viele Sachsen gemerkt haben, wie groß der Unsinn ist, den eine kleine Partei wie die Grünen mit 8,9% der Wählerstimmen in der sächsischen Landesregierung verzapft hat. Auf Bundesebene ist das ja letztlich nicht anders, braucht man nur mal auf die Bundesratsentscheidungen der letzten Jahre und ins Wahlprogramm der Grünen zu schauen. Hier in Sachsen werden deutlich weniger den Grünen auf den Leim gehen, als anderswo.