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Historiker zu Wahlergebnissen: „Mehrheit der Ostdeutschen tut so, als würden sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet“

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Die Europawahl hat Deutschland wieder geteilt. Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk sieht nicht nur in Sachsen Opfer-Narrative am Werk. Bis heute könnten viele nicht mit Freiheit umgehen und delegierten überzogene Erwartungen an den Staat. Politiker wie Michael Kretschmer nutzten dies und unterwanderten mit DDR-Verherrlichung die Demokratie.

Freie Presse: Wenn man die Landkarte nach der Europawahl anschaut, sehen wir die Grenzen von BRD und DDR. Wie erklären Sie sich das?

Ilko-Sascha Kowalczuk: Mich überrascht das nicht. Ich fürchte, bei den nächsten Wahlen fallen die Ergebnisse noch desaströser aus. Da ich antiwestliche, prorussische, antifreiheitliche und antidemokratische Parteien zu einem Block zähle, kommen wir im Osten auf etwa 50 Prozent, die diesem Block ihre Stimme gegeben haben.

FP: Ist das nur ein ostdeutsches Phänomen? Im Westen ist die AfD inzwischen auch erstarkt.

Kowalczuk: Die AfD ist dort zwar im ländlichen Raum auch stark, aber die demokratischen Parteien stehen im Westen recht stabil. Es gibt eine starke Zivilgesellschaft, die Extremisten einhegt und es gibt nur Extremisten von rechts, nicht die von links. BSW spielt im Westen keine Rolle. Im Osten werden nach den Landtagswahlen Regierungsbildungen ohne Extremisten extrem schwierig werden.

FP: Eine innerdeutsche Grenze?

Kowalczuk: Das betrifft auch sozioökonomische Indikatoren, wie Einkommensverteilung, Renten oder wie vererbt wird. Aber es gibt auch Punkte, die mittlerweile relevanter sind, um zu erklären, was in Europa, Deutschland und Ostdeutschland passiert. Der Stadt-Land-Gegensatz ist gesamtdeutsch viel dramatischer als der zwischen Ost und West. Das zweite hört sich etwas paradox an. Gegenfrage: Reden wir über Ostdeutschland oder über Ostdeutsche? Denn wie sähe Ostdeutschland aus ohne die 2,5 Millionen zugewanderten Westdeutschen? Ich will mir das gar nicht ausmalen, da sie heute einen großen Teil des bürgerlichen Milieus im Osten ausmachen.

FP: Sie haben gesagt, man kommt nicht weiter mit einer Debatte, die niemandem zunahe treten will. Meinen Sie Ostdeutsche?

Kowalczuk: Ich mag keine Debatten, in denen man permanent Rücksicht nimmt. Die werden so geführt, weil man gewählt werden oder eine Förderung haben will. Ich beobachte seit Jahren eine Ostdeutschtümelei. Viele tun so, als wären ihre Erfahrungen einzigartig, als wäre nur ihnen etwas geschehen. Dabei hatten die Ostdeutschen vor allem Glück. Sie sind in einem der reichsten und einem der zehn freiesten Länder der Welt ohne eigenes Zutun wach geworden und sozial abgefedert wie 95 Prozent der Weltbevölkerung es nicht sind. Und trotzdem tut eine Mehrheit von ihnen immer so, als wenn sie unentwegt untergebuttert und ausgebeutet würden. Als wären ihre Transformationserfahrungen einzigartig. Das Ruhrgebiet hat die auch. Wir können nach Ostpolen blicken. Daran müsste sich der Osten messen, weil es die gleiche Basis ist, von der auch wir ausgegangen sind. Stattdessen haben die Ostdeutschen 1990 erwartet, dass es ihnen nach fünf Jahren genauso geht wie Leuten in München oder Hamburg.

„Spätwirkung der DDR-Propaganda merkt man auch daran, wie im Osten über Frieden gesprochen wird.“

FP: Es ist ein Fakt, dass Ostdeutsche in Eliten und Führungspositionen unterrepräsentiert sind.

Kowalczuk: Das ist so. Alle Zahlen dazu habe ich auch interpretiert, aber ich weigere mich, bei diesem Opfernarrativ mitzumachen. Wir leben in Freiheit und Demokratie. Da kann und muss man sein Schicksal selbst in die Hand nehmen. In der DDR gab es eine große Scheu davor, Karriere zu machen. Schon der Begriff war negativ besetzt. Es bedeutete ja: man ist angepasst und macht im System mit. Das hat sich jahrzehntelang eingeprägt, da muss man erst mal rauskommen und sagen: Ja, ich will Führung und Verantwortung übernehmen, etwas bewegen. Viele verstehen darunter nur: die haben Macht und Geld.

FP: Das bleibt über Generationen?

Kowalczuk: Sozialisierung wird vererbt, weitergegeben, egal in welchem Kontext. Ich kann als junger Mensch eine Diktaturprägung über Eltern und Großeltern bekommen. Wichtigster Sozialisationspunkt ist nicht die Schule oder Medien, sondern die Familie. Es ist anstrengend, sich mit seinem Elternhaus auseinanderzusetzen. Viele glauben ja, dass der marxistisch-leninistische Propagandaunterricht bei ihnen keine Folgen hatte, nach dem Motto: das ging links rein und rechts wieder raus. Es stimmt aber nicht, weil in einem System, in dem man nichts anderes hört, kann man zwar der Meinung sein: „ich glaube denen kein Wort, nicht mal den Wetterbericht“. Trotzdem bleibt ganz viel hängen. Das zu überwinden, kostet viel Arbeit und Selbstdisziplin, weil ich mir erst mal bewusst machen muss, dass ich etwas zu überwinden habe.

FP: Die Menschen verschließen die Augen vor dieser Spätwirkung?

Kowalczuk: Man merkt das auch daran, wie im Osten über Frieden gesprochen wird. Da wird immer von der bösen Nato, dem bösen Westen und den bösen USA geredet, die Russland provoziert hätten. Dass es nicht nur den US-Präsidenten gibt, sondern liberale Milieus wie in New York und Kalifornien, blendet dieser Antiamerikanismus aus. Alles wird zu einer Soße verrührt, die alte Propaganda.

FP: Wie soll sich das mit Blick auf Führungspositionen ändern?

Kowalczuk: Man muss Verantwortung übernehmen, Gestaltungswillen haben und „ich“ sagen können. Daran fehlt es vielen. Es gibt mittlerweile Studien, die zeigen, dass das auch ein Grund dafür ist, warum in vielen Führungspositionen Ostdeutsche fehlen. Es reicht nicht, sich permanent in den Vordergrund zu schieben mit Transformationserfahrungen, von denen man glaubt, sie sind einzigartig.

„Passiver, schweigender Mehrheit erfolgreich eingeredet, dass alle 1989 Revolutionäre waren.“

FP: Mit Transformationserfahrungen wird vieles im Osten begründet, auch AfD-Wahlergebnisse.

Kowalczuk: Ich glaube, die These vom Transformationsschock stimmt so nicht. Ich spreche lieber vom Freiheitsschock. Der Umgang mit Freiheit unterscheidet sich in Ost und West massiv. Die Revolution 1989 war eine für die Freiheit, aber wie bei allen Revolutionen hat sich nur eine Minderheit daran beteiligt. Die Masse stand hinter den Gardinen und hat zugeguckt, bis sich die Verhältnisse sortiert hatten. Der Mehrheit wurden Freiheit und Einheit geschenkt, sie musste nichts dafür tun. Viele gingen damit sehr achtlos um. Für mich hieß Freiheit: endlich kann ich mich selbst verwirklichen, lesen und schreiben, was ich will, in Freiheit leben.

FP: Viele behaupten, die Freiheit erkämpft zu haben.

Kowalczuk: In den Jahrzehnten nach 1989 ist der passiven, schweigenden Mehrheit erfolgreich eingeredet worden, dass alle Revolutionäre waren. Bis heute können viele im Osten mit Freiheit nicht umgehen. Wir sehen einen viel ausgeprägteren Staatshass als im Westen, der sich aus Vorstellungen speist, was der Staat zu machen hat und was er nicht zu machen hat. Die sind bezogen auf den liberalen Staat völlig überzogen. Das hat auch mit einer völlig überspannten Erwartungshaltung zu tun, die vor 1989 gegenüber dem Westen in der DDR entstanden ist.

FP: Eine überspannte DDR-Erwartungshaltung an den Westen?

Kowalczuk: Nichts was aus dem Westen kam, war falsch. Der Westen war eine strahlend-weiße Verheißung, es gab keinen Raum für Grautöne. Die Leute haben sogar leere Coca-Cola-Dosen gesammelt. 1989/1990 spielte sich zunächst eine unfassbar große Euphorie ab, die in Enttäuschung umschlug. Darin steckt das Wort Täuschung. Die Leute haben sich selbst getäuscht. Der Kapitalismus konnte ja nicht so sein, wie Honecker und Co. den gemalt haben. Denen hat man nicht mal den Wetterbericht geglaubt, also konnte auch der Kapitalismus keine Schattenseiten haben. Diese überspannte Erwartung richtete sich an den neuen Staat, der wie ein Patriarch jetzt endlich alles richten wird. Da gab es eine Parole, die viele nicht mehr erinnern, die das patriarchale Staatsverständnis zeigt: „Lieber Helmut Kohl, nimm uns an die Hand und führe uns ins Schlaraffenland“.

FP: In Sachsen gab es einen König Kurt, die CDU ist hier praktisch seit 34 Jahren Staatspartei.

Kowalczuk: In Thüringen und Brandenburg gab ähnliche „Landesväter“, denen man sein Schicksal in die Hand drückte und das alle vier Jahre an der Wahlurne erneuerte. Dafür hat einen der „Landesvater“ beschützt. Kurt Biedenkopf sagte: Wir Sachsen kennen keine Rechtsextremisten und sind dagegen immun, obwohl die Sächsische Schweiz zu der Zeit schon halb unter deren Kontrolle war. Manfred Stolpe in Brandenburg sagte: wir sind hier eine kleine schöne DDR und lassen uns nicht auf Stasi und SED reduzieren. Gemeinsam ist ihnen die autoritäre Führungsstruktur mit autoritären Führungspersönlichkeiten. Das hat etwas halbfeudales an sich, aber die besondere Situation im Osten ist, dass das nahtlos an die jahrhundertealten obrigkeitsstaatlichen Traditionen anknüpfen konnte.

FP: Die Ostdeutschen wollten einen Obrigkeitsstaat?

Kowalczuk: Alle haben gedacht, Freiheit und Demokratie sind selbsterklärend. Aber es ist ein harter Prozess. Ich muss jeden Tag mit mir, mit der Gesellschaft und dem Staat verhandeln und Entscheidungen treffen. Wenn ich das nicht gelernt habe und mir die Angst im Nacken sitzt, dass eine getroffene Entscheidung sich als falsch herausstellt und mir den Rest meines Lebens versauen könnte wie in einer Diktatur, dann habe ich ein Riesenproblem. Es ist einfacher, in einer Diktatur zu leben. Wenn man sich an deren Regeln hält, passiert einem auch nichts. Das Problem von Millionen Ostdeutschen ist: Sie sind nie in der Freiheit angekommen, eigenständige Entscheidungen selbstbewusst zu treffen, Verantwortung zu übernehmen, sondern haben alles immer an den Staat delegiert. Das machen sie bis heute und glauben, sie sind totale Staatskritiker.

FP: Hinter den Wahlergebnissen stecken Diktaturwünsche?

Kowalczuk: Nun, diese Menschen werfen sich ausgerechnet zwei Parteien an den Hals, die staatsautoritäre Modelle anstreben, nämlich AfD und BSW. Man muss nur das Zeug von Wagenknecht und AfD-Politikern lesen. Da sieht man, was die für Staatsmodelle favorisieren. Es ist es kein Zufall, dass die Putin anbeten, nicht nur weil der ein Feind des Westens ist, sondern weil er dieses Staatsmodell verkörpert, wie zurzeit kein Zweiter auf der Welt. Als Ende der 2000er-Jahre die große Finanzkrise kam, belebte das die alte leninistische Propaganda: Mein Gott, es war ja gar nicht alles falsch, was die uns damals über den Kapitalismus erzählt haben. Die sogenannte Flüchtlingskrise 2015 war ja keine Flüchtlingskrise, sondern eine Identitätskrise in Deutschland und in Europa, bei der die immer mehr auf Distanz zum Westen gingen. In diese Lücke sprang Putin in Ostdeutschland.

FP: Bei Pegida-Demos in Dresden rief man im Chor „Merkel nach Sibirien, Putin nach Berlin“.

Kowalczuk: Die Leute haben keine Ahnung von Russland und Putin und interessieren sich auch nicht dafür. Das ist alles egal, auch wenn der noch zehn Nawalnys umbringt. Das einzige, was wirklich interessiert und verbindet ist der große Gegner: der Westen, Europa, die USA und die NATO. Deshalb solidarisieren sie sich mit Putin. Nach dem Motto: Ich mache mir den größten Feind meines Feindes zum größten Freund. Das ist auch das Prinzip von Sahra Wagenknecht. Ich glaube ihr, dass sie kein besonders großer Freund von Putin ist. Was sie macht, ist aber noch schlimmer. Wären Wagenknecht oder die AfD-Leute nur ein bisschen ehrlich, würden sie zehnmal in der Woche Friedensforderungen an die USA, an Deutschland, an Europa und an Selensky stellen und wenigstens einmal im Monat an Putin und Russland. Der Krieg tobt zweieinhalb Jahre und sie haben noch nicht ein einziges Mal das Wort an Moskau gerichtet. Da muss man nicht besonders intelligent sein, da muss man kein Verschwörungstheoretiker sein, um eins und eins zusammenzuzählen.

„Kretschmer krault einem Teil der Ostdeutschen den Rücken, weil die das so hören wollen. Aber es ist absolut unverantwortlich.“

FP: Woher kommt dieses Autoritätsdenken ausgerechnet jetzt?

Kowalczuk: Ostdeutsche haben immer die Macht gewählt. Am 8. März 1990 und die ganzen 1990er-Jahre hindurch haben fast immer die Parteien in den Ländern gewonnen, die an der Macht waren. Auch in Sachsen ging es nicht darum, emanzipatorisch voranzugehen. Es war paternalistisch, wie Biedenkopf seine Landeskinder behandelte. Und viele Sachsen haben sich offenbar sehr wohl gefühlt. Nicht wenige denken bis heute: Ihr bösen Wessis wollt uns nur das Schlechte, ihr seid alle ein bisschen blöd, aber wir Ossis sind etwas Besonderes, was Besseres. Das ist ein Erzählmuster, was im Osten landauf, landab gepflegt wird. Das speist sich natürlich auch aus vielen schlechten Erfahrungen, qualifiziert und berechtigt aber noch lange nicht zu solcher Ostdeutschtümelei.

FP: Die Umfrage Sachsen-Monitor ergab, dass viele glauben, in einer Diktatur zu leben, andererseits diese fallweise für die bessere Staatsform halten und einen Führer wollen. Wie passt das?

Kowalczuk: Wenn so viele der Meinung sind, wir leben in einer Diktatur, sind dazu zwei Dinge zu sagen: Erstens ist das eine Verharmlosung echter Diktaturen, wie der nationalsozialistischen und der kommunistischen Diktatur. Zweitens: Wenn man in der DDR öffentlich in kritischer Absicht gesagt hat, „das ist ja eine Diktatur“, ist man dafür sanktioniert worden. Sagt man das hier und heute, zucken alle mit den Schultern nach dem Motto: „Na, du Spinner“ und es passiert nichts. Erhebungen zeigen aber auch, dass etwa zwei Drittel der Ostdeutschen für autoritäre Vorstellungen zu haben sind. Aber nur fünf Prozent der AfD-Wähler haben am Wahlsonntag bejaht, dass sie die Partei für rechtsextrem halten. Die AfD selbst will nicht rechtsextrem oder faschistisch genannt werden. Sie will ja die konservative, bürgerliche Mitte sein. Sie kann ihren Wählern gut einreden, die eigentlichen Verfechter der Demokratie und des Grundgesetzes zu sein, ohne dass die offenkundigen Widersprüche dazu bemerkt werden.

FP: Wie gelingt dieser „bürgerliche“ Anstrich?

Kowalczuk: Dafür hat Alice Weidel sogar Helmut Kohl und die CDU zum Feind erklärt. Wenn man dieses politische Spektrum besetzen will, muss man alle anderen natürlich nach links schieben. Darauf muss man bei Kohl erstmal kommen. Politiker dürfen es nicht öffentlich akzeptieren, Wissenschaftler müssen es: In jeder Gesellschaft gibt es bis zu 25 Prozent Menschen, die für das politische System nicht zu gewinnen sind – in einer Demokratie sind das natürlich andere als in einer Monarchie. In den letzten Jahren haben sich Politik und Medien vorrangig um diese Minderheit gekümmert, statt um jene Mehrheit, die das Land am Laufen hält.

FP: DDR-Bezüge scheinen im Wahlkampf gut zu funktionieren. Ministerpräsident Kretschmer vergleicht etwa die Ampel-Wirtschaftspolitik mit der DDR.

Kowalczuk: Zu Kretschmer habe ich vor ein paar Wochen bei Caren Miosga gesagt, dass es deshalb unlauter ist, weil er nicht vergleicht, sondern gleichsetzt. Er gab mir recht, sagte, das dürfe er nicht machen, um am nächsten Tag beim CDU-Parteitag und seitdem immer wieder genau das Gleiche zu sagen. Das ist Populismus pur. Warum macht er das? Weil er einem Teil der Ostdeutschen damit den Rücken krault, weil die das so hören wollen. Aber es ist absolut unverantwortlich. Er glaubt, so AfD-Wähler einfangen zu können. Der letzte Sonntag hat deutlich gezeigt, dass das nicht funktioniert. Die AfD-Wähler stimmen für das Original, nicht für das Plagiat.

FP: Stattdessen arbeitet sich Kretschmer an den Grünen ab.

Kowalczuk: Ich bin kein Mitglied irgendeiner Partei und sehe die Grünen so kritisch wie jede andere Partei. Dass Kretschmer vor allem sie angreift, ist kein Zufall. Jeder weiß, dass die Themen der Grünen Zukunftsthemen sind wie Energie und andere Dinge, um die hart gerungen werden muss. Da geht es um verschiedene Konzepte und Konservative wie auch Sozialdemokraten fühlen sich am meisten von den Grünen bedroht, weil das deren Kernthemen sind. Das war vor ein paar Jahren zu sehen, als es um die Klimafrage ging. Damit haben die Grünen an der Wählerbasis der Konservativen geruckelt. Kein Mensch kann erklären, warum das drängendste Problem der Welt jetzt in der öffentlichen Meinung zurückgegangen ist. An Absurdität nicht zu überbieten ist aber, wenn man die Grünen als Verbotspartei deklariert, aber selbst in Sachsen Genderverbote erlässt. Und alle fallen drauf rein.

FP: Sachsens Innenminister - obwohl aus dem Westen - bedient das Bild feinerer Antennen im Osten, dass Menschen hier früher merkten, wenn etwas schieflaufe.

Kowalczuk: Es ist absoluter Unsinn, dass die Ostdeutschen ein feineres Sensorium für irgendwelche Krisenerscheinungen hätten. Wenn das so wäre, dann wären im Herbst 1989 viele Millionen auf der Straße gewesen und nicht nur ein paar Hunderttausend. Woher sollte das kommen? Ich sage nur Ostdeutschtümelei.

FP: Wenn das alles Unsinn ist, warum machen das CDU-Leute trotzdem?

Kowalczuk: In der Politik gibt es eine ziemlich einfache Unterscheidung. Der Feind ist destruktiv, der will zerstören, legal an die Macht kommen, um dann etwas zu errichten, was mit dem System nichts mehr zu tun hat. Der politische Gegner zeichnet sich dadurch aus, dass er zwar andere Konzepte und Ideen hat, aber dass ich ihm guten Gewissens unterstellen kann und muss, dass er nur das Beste für das Gemeinwohl will. Das ist ein Grundprinzip des demokratischen politischen Handelns. Ich setze mich zwar mit dem Gegner hart auseinander, kann aber im Zweifelsfall mit ihm auch eine gemeinsame Regierung bilden. Aber der Feind des politischen Systems ist auch mein Feind und den muss ich entsprechend behandeln. Mit denen gibt es keine Gemeinsamkeit, keine Gesprächsthemen, keine Koalition, nichts. Und wenn jetzt die CDU darüber nachdenkt, mit dem BSW zusammenzuarbeiten, ist das an Absurdität nicht zu überbieten. Sie haben das Koalitionsverbot mit der Linkspartei eines Bodo Ramelow, dem niemand unterstellen kann, dass er kein Demokrat ist. Der muss nicht der beste Ministerpräsident in der Weltgeschichte sein und ich bin kein Freund dieser Partei. Aber ich kann das sehr wohl unterscheiden. Mit Wagenknecht zusammenzuarbeiten hieße, mit jener Person zusammenzuarbeiten, die für jenes Hauptproblem der Linken steht, den kommunistischen Flügel, weshalb die CDU nicht mit der Linken zusammenarbeiten will.

FP: Helmut Kohl würde sich vermutlich im Grabe umdrehen...

Kowalczuk: Helmut Kohl hat in einer kleinen Runde mit Bürgerrechtlern und CDU-Politikern, bei der ich dabei war, vor etwa 20, 25 Jahren gewarnt: „Liebe Leute, die Demokratie in Ostdeutschland, die macht mir Sorgen. Wir müssen aufpassen, dass das nicht kippt. Wir müssen uns Gedanken machen, wie wir die SPD stärken.“ Ich war völlig perplex und positiv überrascht, während allen anderen das negativ aufgefallen ist. Aber genau das erwarte ich von Demokraten, wenn man sieht, dass die Demokratie am Kippen ist, dass man sich zusammen tut. In Sachsen und Thüringen sind Demokraten aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, dazu nicht in der Lage, obwohl genau das gebraucht wird: für die Demokratie gemeinsam Flagge zeigen und Differenzen im Kampf gegen Demokratiefeinde zu überbrücken. Das passiert zu wenig. Und Kretschmer ist leider eine absolute Symbolfigur dafür. Auch wie er mit seinen Sprüchen, mit seiner Nivellierung und Verherrlichung der DDR, die Demokratie unterwandert. Er sollte einhalten und auf die Demokraten im Lande zugehen – nur zusammen ist unsere Demokratie zu retten.


Zur Person: Ilko-Sascha Kowalczuk

Der streitbare 57-Jährige, geboren in Ostberlin, ist Publizist und Historiker und einer der bedeutendsten Experten für die Geschichte der DDR und des Kommunismus. Er war sachverständiges Mitglied der Bundestags-Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur“ und arbeitete unter anderem als wissenschaftlicher Referent in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und als Projektleiter der Abteilung Bildung und Forschung bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Kowalczuk Zuletzt erschien eine zweibändige Biografie DDR-Diktator über Walter Ulbricht im C.H. Beck Verlag. (two)

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