Schülerrat über Unterrichtsstart unter Corona-Bedingungen: "Wir haben kein Problem mit den Tests"

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Oliver Sachsze vom Landesschülerrat spricht im Interview über Schule zu Coronazeiten und die Frage, ob die Schulen unter allen Umständen offen bleiben sollen.

Chemnitz.

Die Schulen in Sachsen starten am Montag ins neue Schuljahr. Es ist der zweite Schulanfang unter Coronabedingungen - und die Gretchenfrage lautet: Genügen die Vorkehrungen des Freistaats für ein möglichst normales Schuljahr? Die GEW etwa, die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft, hatte starke Bedenken geäußert. Wie sehen das die Schüler selbst? Frank Hommel sprach darüber mit Oliver Sachsze. Der Chemnitzer ist stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrats.

Freie Presse: Herr Sachsze, Sie sind stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrats. Mit welchem Gefühl gehen Sie und Ihre Mitstreiter angesichts der derzeitigen Coronalage ins neue Schuljahr?

Oliver Sachsze: Gott sei Dank geht die Schule wieder los, Gott sei Dank können wir erst einmal in den Schulalltag. Das hat jeder gebraucht. Schulschließungen bedeuten ja für uns ein komplett anderes Leben. Wir sitzen nicht mehr zusammen im Bus, sehen keine Freunde, treffen uns nicht in den Pausen. Auch während des Unterrichts ist man sich nicht nah. Wenn der Lehrer seinen Bildschirm teilt, kann er die Schüler nicht mehr sehen, nicht darauf reagieren, wenn sie etwa durch Blicke zeigen, dass sie etwas nicht verstanden haben. Auch die kleinen Zwiegespräche, die oft als Quatschen durchgehen, aber bei denen man sich oft auch gegenseitig kurz helfen kann, fallen aus. Das ist ein grundsätzliches Problem, das digitaler Unterricht mit sich bringt.

Nun hat sich das Kultusministerium festgelegt. Schulschließungen soll es nicht mehr geben. Und ab sofort gilt wieder die Präsenzpflicht für Schüler.

Ich bin froh, dass es in Präsenz losgeht. Ich freue mich darauf, meine Freunde in der Berufsschule zu treffen.

Präsenzpflicht heißt, dass Eltern ihre Kinder wieder in die Schule schicken müssen. Auch wenn sie ein Problem haben mit den vorgeschriebenen Tests oder den Masken. Und auch, wenn sie Angst haben, dass sich ihre Kinder mit Corona infizieren.

Wir haben auch im Landesschülerrat über die Präsenzpflicht oft debattiert. Ich persönlich finde es gut, dass sie jetzt wieder gilt. Kinder haben ein Recht auf Bildung. Dafür treten wir ein. In der Schule sitzen alle nebeneinander, haben alle die gleichen Möglichkeiten, ihre Fähigkeiten zu entwickeln. Zu Hause kommt es schon darauf an, welchen Rechner man hat oder welche Internetverbindung. Ich kenne Leute hier in der Nähe von Stollberg, die mussten Mikro und Kamera ausschalten, weil sonst das Netz sofort zusammenbrach. Auch in der Schule gibt es Möglichkeiten, das Risiko einer Infektion zu minimieren.

Wie steht denn der Schülerrat zur Testpflicht?

Wir finden das regelmäßige Testen echt wichtig. Es gehört dazu, ist Bestandteil des Schulalltags geworden. Wir haben damit kein Problem.

Und wie ist das bei den Masken, die ab einer Inzidenz von 35 in weiterführenden Schulen auch im Unterricht getragen werden müssen?

Wir sehen ganz klar, dass wir bei der Bekämpfung von Corona auf mehrere Pferde setzen müssen. Denn wenn es nicht funktioniert, sitzen wir wieder zu Hause. Deshalb finde ich die Masken ab Inzidenz 35 komplett in Ordnung. Ich kann jeden nachfühlen, der sagt, die Masken nerven enorm. Man kriegt schlechter Luft, irgendwann werden sie warm und feucht und stickig. Aber wir müssen alles tun, um das Risiko gering zu halten. Ja, es gibt Ausnahmen, aber viele haben damit auch gar kein Problem. Ich finde, die Maske ist eins der geringsten Sachen - und nicht so der Eingriff.

Andere Bundesländer setzen zusätzlich auf Luftfilter, Sachsen war da lange zurückhaltend.

Wir haben uns erst kürzlich zur Bundesschülerkonferenz getroffen. Wenn man da hört, dass in Schleswig-Holstein jedes Klassenzimmer Luftfilter hat, wird man schon neidisch.

Stören die Geräte nicht den Unterricht?

Auf der höchsten Stufe hört man sie schon. Aber man kann das ausblenden. Man könnte auch sagen, gut, dann nimmt man zwei Geräte pro Klassenzimmer, die dann aber nicht auf Volllast laufen. Das Thema wird in Sachsen zu stiefmütterlich behandelt. Ich verstehe nicht, warum. Andere Bundesländer haben dazu längst eine Förderrichtlinie, Sachsen kümmert sich nicht wirklich darum.

Dafür strebt der Freistaat Impfungen an Pilot-Schulen an, um die Impfquote ab 12 Jahren zu steigern.

Prinzipiell haben wir dagegen nichts einzuwenden. Uns fehlt aber die Aufklärung Jugendlicher zu dem Thema. Jeder lernt doch etwa von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung: Kondome schützen vor einer Geschlechtskrankheit. Warum also nicht Jugendliche gezielt über Impfungen aufklären? Die Schule wäre dafür ein geeigneter Ort.

Der Freistaat will die Impfungen vor allem damit steigern, dass für Geimpfte wie Genesene die Testpflicht entfällt.

Das können wir nicht für gut heißen, denn damit entstehen soziale Unterschiede in der Klasse.

Und wie sehen Sie es, wenn bei einem positiven Coronafall nicht automatisch mehr die ganze Klasse in Quarantäne muss?

Aus unserer Sicht gibt es nur die Wahl zwischen zwei schlechten Varianten. Entweder Ungleichbehandlung, weil ein Teil der Klasse Online-Unterricht bekommt. Oder man behandelt alle gleich und jeder muss den schlechteren Online-Unterricht mitmachen. Diese Zwickmühle hätte man nicht, wenn das Thema Digitalisierung vor Corona höhere Priorität gehabt hätte.

Dennoch lautet das erklärte Ziel, die Schulen in einer vierten Welle nicht mehr zu schließen. Finden Sie auch, dass Schulen unter allen Umständen offen bleiben müssen?

Schulschließungen sollten wirklich das letzte Mittel sein. Sie führen zu großen Problemen. Wie schaffen wir den Lehrplan? Wie bilden wir die Leistungen in Prüfungen ab? Außerdem braucht junges Leben Kontakte. Erwachsene können immer noch auf Arbeit gehen, für Jugendliche bricht alles weg. Man sollte die Schulen offen lassen, so lange es geht. Aber wenn es nicht mehr geht, muss man auch reagieren. Da geht am Ende der Schutz der Gesundheit vor.

Oliver Sachsze

Der 20-Jährige kommt aus Chemnitz. Sachsze engagiert sich seit Jahren im Stadtschülerrat und ist stellvertretender Vorsitzender des Landesschülerrates in Sachsen. Er lernt inzwischen Groß- und Außenhandelskaufmann und besucht innerhalb der dualen Ausbildung das Berufsschulzentrum für Wirtschaft I in seiner Heimatstadt Chemnitz. (fhob)

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