Sachsen
Zugunglück vor 40 Jahren: Dem Tod ganz nah

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"Freie Presse"-Redakteurin Gabi Thieme saß in einem der zwei Züge, die vor dem Bahnhof Schweinsburg-Culten kollidierten - Sie traf jetzt zwei Männer, die als erste Retter vor Ort waren

Neukirchen. Der 63-jährige Tischlermeister Falk Löffler aus Neukirchen im Landkreis Zwickau ist kein Mann großer Worte. Und wenn die Rede auf den 30. Oktober 1972 kommt, verfällt er erst recht in nachdenkliches Schweigen. Nur zögerlich kommt er auf das schlimmste Ereignis in seinem Leben zu sprechen: das Zugunglück kurz vor dem Bahnhof Schweinsburg-Culten zwischen Werdau und Crimmitschau - einer der folgenschwersten Eisenbahnunfälle in der DDR. Löffler war 23 Jahre alt, gehörte schon damals der Freiwilligen Feuerwehr Neukirchen an und wurde an jenem Morgen zunächst stutzig, weil "es ganz nahe einen mörderischen Knall gab". "Ich ahnte, dass etwas passiert sein musste.

Etwa zehn Minuten später alarmierten Sirenen die Feuerwehren aller umliegenden Orte. Da wussten wir aber immer noch nicht, was los war." Erst im Feuerwehrgerätehaus erfuhren die 16 Männer der Neukirchener Wehr, dass etwa zwei Kilometer entfernt zwei Züge auf der zu jener Zeit noch eingleisigen Strecke zusammengestoßen waren. "Als wir mit unseren zwei Feuerwehrautos als erste am Unglücksort eintrafen, verschlug es uns die Sprache. Es war nicht nur der Anblick der zwei aufeinandergeschobenen Loks und der entgleisten, teils zerstörten Wagen. Es waren vor allem die Schreie, das Weinen und Wimmern, die Hilferufe von Menschen aus den Waggons, zu denen wir irgendwie vordringen mussten."

100 Rettungskräfte rückten an

Es habe zunächst ein großes Durcheinander geherrscht. "Wir versuchten, in den ersten Doppelstockwagen zu kommen, ohne zu wissen, was uns da erwartete", erinnert sich Thomas Härtel, der, gerade 18 Jahre alt, mit der Crimmitschauer Feuerwehr angerückt war. "Bei einigen Reisenden sah man gleich, dass sie tot waren. Die Verletzten haben wir über Leitern aus dem obersten Stock des Wagens geholt", erzählt Falk Löffler. Noch lebendig vor Augen hat er das Bild eines Mannes, der so eingeklemmt war, dass ihm an Ort und Stelle ein Bein abgetrennt werden musste, um ihn zu befreien. "Wir hatten damals weder Spreizgeräte noch Scheren, um Eingeklemmten zu helfen", ergänzt Härtel. Sie hätten sich auf die ersten Waggons konzentriert. Nur dort gab es Tote und Verletzte. Erst viel später wussten die Männer, dass 25 Reisende bei dem Unglück ihr Leben ließen. Drei weitere starben später im Krankenhaus. Über 70 Fahrgäste wurden zum Teil schwer verletzt.


Viele Studenten im D-Zug

Auch ich saß damals in diesem Zug. Ich hatte einen Monat zuvor mein Studium an der Uni Leipzig begonnen. An jenem Morgen bestieg ich in Aue den D-Zug 273, der 6.05 Uhr nach Leipzig startete und von dort nach Berlin rollen sollte. Ich suchte mir einen Platz ganz vorn im zweiten Wagen. In Zwickau wurden allerdings noch vier Doppelstockwaggons vorn angedockt, wodurch ich nun im sechsten Wagen saß. Dieser Umstand rettete mir das Leben.

Etwa 1000 Reisende waren in dem voll besetzten Schnellzug unterwegs. Kurz vor 7.30 Uhr unterbrach ein kreischendes Bremsen schlagartig jegliche Unterhaltung. Gepäck rutsche aus den Netzen, Reisende fielen ihrem Gegenüber in die Arme. Sekunden später donnerte etwas auf das Dach des Waggons. Jemand rief, die Oberleitung sei gerissen. Ein Mann sprang aus dem Wagen und lief Richtung Lok. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht, dass Scheckliches passiert ist: dass unser D-Zug mit dem Karola-Express Leipzig-Karlovy Vary zusammengestoßen war. Später kam dann die Aufforderung auszusteigen. Erst da begriffen die meisten, wie nahe uns an diesem Morgen der Tod war. Der Trampelpfad entlang der Gleise zum Bahnhof Schweinsburg-Culten führte am Trümmerfeld vorbei. Ich sah Feuerwehrleute, wie sie versuchten, Menschen aus den zerstörten Wagen zu zerren. Immer wieder drangen erschütternde Schreie durch den Morgennebel. Keiner von uns konnte lange den Blick auf den Unglücksort richten.

Plötzlich sind die Bilder wieder da

Als ich in dieser Woche, zum ersten Mal nach 40 Jahren, mit Falk Löffler und Tomas Härtel am Unglücksort stehe, überkommt auch mich ein beklemmendes Gefühl. Erst jetzt erfahre ich, dass nicht genug Rettungswagen da waren und zumindest Leichtverletzte mit einem Feuerwehrauto, Baujahr 1941, ins Krankenhaus gebracht wurden. Der noch immer fahrtüchtige Oldtimer steht - ebenso wie das zweite damalige Einsatzfahrzeug - heute als Rarität geflimmert im Gerätehaus.

Falk Löffler sieht noch den Lokführer des D-Zugs vor sich: "Der war von der Brust abwärts komplett eingeklemmt, lebte aber noch. Ein Arzt stieg über eine Leiter zu ihm hoch, legte ihm zunächst einen Verband an und gab ihm eine Spritze. Eineinhalb Stunden später war er tot." So, wie auch der Lokführer des Karola-Express', der, wie sich bald herausstellte, das Unglück verursacht hatte. Die beiden Züge hätten sich auf der damals eingleisigen elektrifizierten Strecke am Bahnhof Werdau kreuzen müssen. Da der Karola-Express wegen dichten Nebels schon mehr als zehn Minuten Verspätung hatte, entschieden die Dispatcher im Reichsbahnamt Zwickau, den Zug aus Aue bis Schweinsburg-Culten vorfahren zu lassen, wo sich die Züge kreuzen sollten. Der Lok-Führer des Karola-Express' wiegte sich trotz der Verspätung im Glauben, weiter die Vorfahrt zu haben und übersah offenbar am Haltepunkt Culten das ihm geltende Stoppsignal. Mit Tempo 100 raste er 700 Meter weiter in den D-Zug.
Thomas Härtel gesteht: "Als ich mit meinem Moped am Unfallort ankam, ging mir total der Arsch. Ich hatte noch nie einen Unfalltoten gesehen. Und dann so viele. Bei so einem Anblick kommt man nicht zum Nachdenken. Es wurde nicht groß geredet, man verstand sich ohne Worte." Bis Mittag seien alle Verletzten in Krankenhäuser gebracht worden. "Die Toten lagen aufgereiht auf einer Wiese direkt neben dem Trümmerberg. Als uns mittags Makkaroni mit Tomatenmark gebracht wurden, brachten wir keinen Bissen runter", berichtet Löffler.

Thomas Härtel (links) und Falk Löffler an jenem Feuerwehrauto, Baujahr 1942, mit dem sie sogar Verletzte transportierten.
Thomas Härtel (links) und Falk Löffler an jenem Feuerwehrauto, Baujahr 1942, mit dem sie sogar Verletzte transportierten. Bild: Wolfgang Thieme

Die unrühmliche Rolle der Stasi

"Gegen 15 Uhr schickten uns Mitarbeiter der Stasi nach Hause. Die standen zuhauf rum, damit ja keine Schaulustigen dem Umglücksort zu nahe kamen. Der Unfall passte ja nicht zu dem Bild, das man von der DDR vermitteln wollte. Als wir uns weigerten, weil wir doch sehen wollten, wie es weiter geht, sagte einer: ,Das ist ein Befehl!' Zwei Stunden später durften wir wieder anrücken, mussten Fackeln und Feuer entfachen, um den Nebel zu vertreiben und so auch für Licht zu sorgen", erzählt Falk Löffler. "Bergepanzer der NVA zerrten die Loks und den ganzen Schrott auseinander. Alles wurde an Ort und Stelle zerlegt und umgehend abtransportiert. Am nächsten Mittag war die Strecke wieder befahrbar."

Ich stehe mit den beiden Männern, zwei von damals über 100 Einsatzkräften, schweigend am Unglücksort. Dort, wo die Trümmer lagen, steht seit zehn Jahren ein Mahnmal: zwei gekreuzte Schienen, darunter ein Wagenrad im Schotterbett. Eine kleine Tafel erinnert an die Opfer, zu denen auch ich hätte gehören können. Der Bericht der Staatssicherheit vom 27.11.1972 mit dem Vermerk "Streng geheim" zur Untersuchung der Unfallursachen wurde nie öffentlich gemacht. Aus ihm geht auch hervor, dass die überlebende Stewardess gemeinsam mit dem Lokführer des Karola-Express in der Nacht zuvor bis gegen 1.30 Uhr etwa 15 Flaschen Bier getrunken hatte. Danach hätten sie im Zug übernachtet und 5 Uhr morgens die tödliche Fahrt angetreten. "Das garantierte keineswegs die volle Dienstfähigkeit bei Fahrtantritt", stellte das MfS dazu fest.

Mit einer Feierstunde wird am Dienstag ab 16 Uhr am Mahnmal in Neukirchen des Unglücks und der Opfer gedacht. Betroffene und ihre Angehörigen sind willkommen.

Bild: Gabi Thieme
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