Arbeitsmarkt: Integration der Flüchtlinge wird Jahre dauern

Nur wenige Flüchtlinge haben bislang im Freistaat einen Job oder eine Lehrstelle gefunden. Ihre Integration in den Arbeitsmarkt wird Millionen Euro kosten. Zahlt sich das aus?

Chemnitz.

16.300 Flüchtlinge sind derzeit offiziell im Freistaat als arbeitslos oder arbeitsuchend registriert. Bei 1400 Flüchtlingen gelang es, sie im vergangenen Jahr in Arbeit oder in eine Ausbildung zu bringen. Das geht aus Zahlen der sächsischen Arbeitsagentur hervor.

Demnach hat jeder Fünfte der derzeit 6440 als arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge formal einen Bildungsabschluss, mit dem er als Fachkraft arbeiten könnte. Die Mehrheit dieser arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge ist zudem jünger als 35 Jahre, sodass sie eine Ausbildung beginnen könnten. In der Praxis seien sie momentan aber kaum vermittelbar und könnten höchstens als Helfer zum Beispiel in der Gastronomie, bei Speditionen oder bei Kurierdiensten arbeiten, sagt Agentursprecher Frank Vollgold. "Das liegt daran, dass die meisten keinen Berufsabschluss haben, wie wir ihn kennen. Etwa zwei Drittel der Geflüchteten haben zudem kaum deutsche Sprachkenntnisse."

Die sächsische Wirtschaft, die gehofft hatte, die sich abzeichnende Personalnot durch Flüchtlinge lindern zu können, ist entsprechend ernüchtert. Bei der Handwerkskammer Chemnitz kam bislang kein einziger Kursus zustande, der junge Flüchtlinge auf eine Ausbildung vorbereiten sollte. Auch in Dresden hat sich gezeigt, dass zum jetzigen Zeitpunkt nur wenige Flüchtlinge für eine Lehre im Handwerk infrage kommen. "Wir brauchen Geduld", sagt der Dresdner Arbeitsagentur-Geschäftsführer Andreas Finke. "Die Flüchtlinge sind nicht die Fachkräfte von morgen oder übermorgen, sondern von überübermorgen."

Dabei ist das Arbeitskräftepotenzial unter den Flüchtlingen in Sachsen deutlich größer, als die aktuellen Arbeitslosenzahlen ausweisen. Als "arbeitsuchend" gelten laut der Arbeitsagentur momentan nämlich neben den 6440 arbeitslosen weitere rund 10.000 Flüchtlinge, die in der Statistik noch gar nicht auftauchen. Das liegt daran, dass sie zum Beispiel gerade Sprachkurse besuchen, weiterqualifiziert werden oder krank sind.
In 5000 Fällen hat die sächsische Arbeitsagentur nach eigenen Angaben 2016 Flüchtlinge weiterqualifiziert. Ein einziger Kursus kann dabei - wie der zur Ausbildungsvorbereitung - mehr als 1000 Euro pro Teilnehmer und Monat kosten. Da die Agentur dafür zusätzliches Geld erhalten habe, müsse aber kein einheimischer Arbeitsloser Einschnitte fürchten, sagt Frank Vollgold. "Und das ist eine Investition in Menschen und deren Bildung, die sich langfristig rechnet."

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat errechnet: Ein Flüchtling mit guter Allgemeinbildung, sehr gutem Deutsch und einem deutschen Berufsabschluss hat eine um 20 Prozentpunkte größere Chance, eine Stelle zu finden, als einer ohne diese Qualifikationen. Zudem verdient er durchschnittlich 20 Prozent mehr als ungelernte Migranten. Wenn also bundesweit 3,3 Milliarden Euro in die Bildung der Flüchtlinge investiert würden, würden laut IAB durch Mehrbeschäftigung und höhere Verdienste die Kosten der Zuwanderung durch Steuermehreinnahmen bis zum Jahr 2030 um elf Milliarden Euro sinken.

Die Integration der Flüchtlinge brauche Zeit, mahnt Raimund Becker von der Bundesarbeitsagentur. Er erwartet, dass im ersten Jahr zwischen acht und zehn Prozent der Neuankömmlinge Arbeit finden werden. "Im fünften Jahr wird rund die Hälfte einen Job haben", sagte er kürzlich. Nach 15 Jahren könnten es dann 70 Prozent sein.

Der Weg zur Fachkraft ist ein steiniger

Das sächsische Handwerk hatte gehofft, Flüchtlinge könnten die Fachkräftenot lindern. Inzwischen macht sich auf beiden Seiten Ernüchterung breit.

Einem Stück Metall haben Awet Afewerki und Esmael Mahmud den Umriss ihres Heimatlandes Eritrea abgerungen: Seit Juli 2016 probieren sie sich in der Schweißerwerkstatt der Handwerkskammer aus und vertiefen in einem Kursus mit Landeskunde ihr Deutsch. Vor der Kreidetafel büffeln sie Fachbegriffe. Auch bei den Bäckern, Friseuren, Gebäudereinigern und Elektrotechnikern durften sie schon hineinschnuppern.

Awet Afewerki und Esmael Mahmud gehören zu einer kleinen Schar junger Flüchtlinge, die von der Dresdner Arbeitsagentur für eine sechsmonatige Ausbildungsvorbereitung herausgefiltert worden sind. Nur 24 der 270 Kandidaten hätten die Voraussetzungen für dieses Projekt erfüllt, sagt Agentur-Chef Andreas Finke.

Awet Afewerki und Esmael Mahmud sind 2014 nach Dresden geflüchtet. Beide sind anerkannte Asylbewerber, sprechen verständliches Deutsch, sind in Ostafrika elf, zwölf Jahre zur Schule gegangen, noch keine 25 Jahre alt und hatten Interesse an einer handwerklichen Ausbildung. "Die Verlockung ist groß, lieber einen Hilfsjob für 8,50 Euro die Stunde anzunehmen, als eine Lehre zu machen", sagt Andreas Brzezinski, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Dresden. "Da muss man erst vermitteln, dass man in Deutschland nur mit Ausbildung etwas wird."

Brzezinski hatte ursprünglich auf mehr junge Flüchtlinge wie Afewerki und Mahmud gehofft. Auch Frank Wagner, Präsident der Handwerkskammer Chemnitz, ist ernüchtert. Leider hapere es bei vielen Flüchtlingen an ausreichenden Sprachkenntnissen und an der Allgemeinbildung, um im Betrieb und in der Berufsschule bestehen zu können, sagt er. Von acht Bewerbern, die in Chemnitz im Januar in das Ausbildungsvorbereitungsprojekt "Perspektiven für junge Flüchtlinge" (Perjuf) hätten einsteigen sollen, hatte nur einer das Sprachniveau B1, die anderen lagen darunter. "Und dabei gehen wir vom höheren B2-Niveau als Voraussetzung für eine Ausbildung aus", sagt Wagner. "Unsere Standards, was Sprache und Schulwissen angeht, können und wollen wir aber nicht absenken. Denn als Aushilfskräfte werden diese jungen Menschen langfristig nicht im Arbeitsmarkt bestehen können, als voll ausgebildete Handwerker schon."

Von den 24 Perjuf-Teilnehmern in Dresden - "alle sind fleißig und höflich gewesen", sagt Brzezinski - sind sechs nach dem Kursus abgesprungen. Die einen wollten Geld verdienen, die anderen hatten sich als unzuverlässig erwiesen. Die übrigen 18 absolvieren nun einen 13-wöchigen Anschlusskursus, in dem sie unter anderem durch Praktika den Berufsalltag in ihrem Wunschberuf kennenlernen sollen.

Schweißlehrer Harald Mogel, der auch Mahmud und Afewerki unterrichtet hat, zweifelt nicht an den handwerklichen Fertigkeiten seiner Schützlinge. Er ist mit den Fortschritten zufrieden, kennt aber auch Rückschläge: Nach seiner Erfahrung können Migranten gute Arbeiter sein, aber in der Berufsschule trotzdem Schwierigkeiten mit dem Unterricht bekommen. "Das demotiviert sie." Mogel rät deshalb, nicht jeden Flüchtling komplett ausbilden zu wollen, sondern auch kleinere Ziele wie zum Beispiel eine Schweißerausbildung anzustreben. "Dann ist dieser Flüchtling ja auch nicht mehr ungelernt und kann Geld verdienen."

Ob all seine Perjuf-Absolventen eine anschließende Lehre packen würden, vermag auch Brzezinski nicht zu prognostizieren. "Mit Spaniern haben wir die Erfahrung gemacht, dass es eine echte Herausforderung ist, sogar mit B2-Sprachniveau komplexe Aufgaben zum Beispiel in der Metallbearbeitung hinzubekommen", sagt er. "Es gibt ja aber auch die Möglichkeit, eine Lehre zeitlich zu strecken."

Awet Afewerki will etwas mit Metall machen. "Damit hatte ich schon ein bisschen Erfahrung in meinem Land", sagt er. Täglich pendelt er nun von Dresden aus mit dem Zug in ein Metall-Bildungszentrum nach Großenhain. Esmael Mahmud hofft im Sommer auf einen Ausbildungsplatz in dem Elektrotechnikbetrieb, in dem er schon ein Praktikum absolviert hat. "Ich glaube, ich bekomme dort eine Stelle", sagt er. Irgendwann will er aber in sein Heimatland nach Eritrea zurückkehren. Allerdings nicht, solange dort noch ein Diktator an der Macht sei.

Im April sollen in Dresden zwei weitere Perjuf-Kurse starten. Voraussichtlich wird die Arbeitsagentur die meisten Kandidaten wieder aussieben müssen. "Es werden in absehbarer Zeit keine Hunderte oder gar Tausende Flüchtlinge sein, die die freien Stellen bei uns besetzen können", sagt Kammervertreter Brzezinski. "Die Flüchtlinge können nur ein Baustein sein, um die Fachkräftelücke zu schließen. Deshalb sprechen wir uns weiter für eine gezielte qualifizierte Zuwanderung von Fachkräften aus."

Ohne teure Weiterbildung findet kaum ein Flüchtling eine Lehrstelle

1030 Euro pro Teilnehmer und Monat zahlt die Arbeitsagentur an die Handwerkskammer für den Ausbildungsvorbereitungskursus "Perspektiven für junge Flüchtlinge". Beim Anschlusskursus sind es 307 Euro pro Woche. Anerkannte Asylbewerber erhalten zudem 409 Euro monatlich zur Grundsicherung. Zudem werden die Miete und die Heizkosten übernommen.

Eine Ausbildung im Handwerk haben bislang nur wenige Flüchtlinge in Sachsen begonnen. Aussagekräftige Statistiken gibt es allerdings nicht. 2016 haben laut Chemnitzer Handwerkskammer 60 Nicht-EU-Ausländer, darunter auch anerkannte Asylbewerber, eine Lehre angetreten, im Bezirk der Handwerkskammer Dresden waren es nach deren Angaben 28. Sie kamen allerdings nicht mit der großen Flüchtlingsgruppe 2015/16, sondern lebten schon länger in Sachsen.

Von Dezember 2015 bis November 2016 schafften es bundesweit nur 34.000 Einwanderer aus den acht wichtigsten nichteuropäischen Asylherkunftsländern, eine Stelle auf dem ersten Arbeitsmarkt zu finden. Eine Arbeit gesucht haben 425.000 Menschen mit Fluchthintergrund.

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4Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 8
    0
    BlackSheep
    02.03.2017

    So langsam muss doch auch der letzte begreifen das diese Regierung gegen das eigene Volk arbeitet. Wenn man sieht was hier an Geld da ist und dann werden zu wenig Lehrer ausgebildet, Seiteneinsteiger in Schulen eingestel und die Politiker schwafeln von der zunehmenden Altersarmut auf die man sich einstellen muss. Pelz hat Recht, es ist zum schreien!

  • 7
    0
    Tohuwabohu
    02.03.2017

    Ist ziemlich irrelevant ...für die "Flüchtlinge"! Egal ob als Drogenhändler, illegal oder im Gefängnis - allemal besser als im Heimatland. :-(

  • 18
    2
    saxon1965
    02.03.2017

    Frage: Bei einer immer mehr automatisierten Wirtschaft (Roboter, autonomes Fahren auch im öffentl. Verkehr u. ä. m.), werden wir da in 10+ Jahren noch so viele Arbeitskräfte benötigen oder haben wir dann
    a) noch mehr die vom Staat unterstütz werden müssen
    b) einen endlich wieder harten Wettbewerb unter den Arbeitnehmern und entsprechende Möglichkeiten der Arbeitgeber (Lohn, Sozialleistungen)?
    Wie effektiv ist es wirklich, so viel Geld in die mühsame Ausbildung von evtl. 50 Prozent der arbeitsfähigen (zzgl. der nicht arbeitsfähigen) Emigranten zu stecken, wo doch nachweislich sehr viel mehr in unsere jetzige Bildung zu investieren wäre?
    Meiner Meinung nach ist die ganze Veranstaltung eine Augenwischerei, Schönmacherei einer verfehlten Politik oder maximal zum Vorteil der Wirtschaft, die dann wieder noch mehr Gewinne einstreichen kann, während Sozialausgaben verstaatlicht werden.
    Eine vernünftige Politik, gemacht zu erst für die Steuerzahler, human und gerecht auch gegenüber den Flüchtlingen, würde
    a) ernsthaft die Fluchtursachen bekämpfen und das beginnt bei der Einstellung aller deutschen Rüstungsexporte und der Einmischung in die Angelegenheiten anderer Staaten
    b) zwischen Kriegsasyl und Wirtschaftsflüchtling unterscheiden, also eine Einwanderungspolitik gestalten
    c) aufhören durch Globalisierungsextremismus wirtschaftliche Fluchtursachen zu schaffen
    d) und nicht zuletzt mit den Steuergeldern des Volkes, das die Politik treuhänderisch zu verwalten hat, in erster Linie auch das eigene Volk und dessen Entwicklung zu bedenken!

  • 14
    3
    Pelz
    02.03.2017

    Wenn ich das lese, könnte ich schreien...



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