Endlagerstreit: Wenn Fachwissen plötzlich ein Hindernis sein soll

Um die Besetzung eines ehrenamtlichen Gremiums zur Begleitung der Standortauswahl fürs Atommüllendlager ist heftiger Streit entbrannt. Im Zentrum: Ein Professor aus Freiberg.

Dresden/Freiberg.

Dass es an seiner fachlichen Qualifikation keine Zweifel gibt - immerhin darüber besteht Einigkeit unter allen Beteiligten. Nur, dass die einen in den Kompetenzen des Wissenschaftlers Wolfram Kudla einen Vorteil sehen, und die anderen einen Nachteil.

Der gebürtige Münchner ist seit 18 Jahren Professor für Erdbau und Spezialtiefbau an der TU Bergakademie Freiberg - und forscht seit langem zur sicheren Verwahrung von Untertagedeponien. Von 2014 bis 2016 saß er in der von Bundesrat und Bundestag eingesetzten Kommission zur "Lagerung hochradioaktiver Abfallstoffe" - die den durchaus heiklen Auftrag hatte, die Kriterien für die Suche eines Endlagerstandorts festzulegen, den kein Bundesland wirklich haben will.

Kudla gehörte vor zwei Jahren zu denen, die mit einem abweichenden Sondervotum auffielen. Sein Hauptkritikpunkt war, dass die Festlegung der Kommission auf eine Grenztemperatur im Gestein nicht wissenschaftlich begründbar, sondern "eine reine politische Festlegung um des Kompromisses Willen" sei - damit auch der Vertreter Niedersachsens diesem zustimmen konnte.

Der zweite Einwand Kudlas bestand darin, die Einberufung eines wissenschaftlichen Beirats für den Prozess der Standortsuche als "zwingend notwendig" zu erachten - was damals nicht mehrheitsfähig war und sich nun zu rächen scheint.

Kudla soll nämlich eigentlich - so beschloss es in der vergangenen Woche auch der Bundesrat - dem Nationalen Begleitgremium (NBG) angehören, das dem Verfahren zur Suche nach einem Endlager für Atommüll beiwohnen soll. Die Einrichtung des NBG war als vertrauensbildende Maßnahme für die Öffentlichkeit gedacht - mit 18 Mitgliedern: sechs Bürger und zwölf anerkannte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, darunter, auf Vorschlag des Bundesrates, auch Kudla.

Der Bundestag aber hat die Entscheidung vertagt. Dies hängt mit Vorbehalten aus dem Bundesumweltministerium zusammen. In einem der "Freien Presse" vorliegenden Schreiben an drei SPD-Bundestagsfraktionskollegen führt die Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter "durchgreifende rechtliche Bedenken" gegen eine Berufung Kudlas ins Feld - weil schon der Anschein vermieden werden müsse, dass sich ein NBG-Mitglied "von der Aussicht auf künftige Förderungen oder Beauftragungen leiten" lasse. Dass Kudla "wirtschaftliche Interessen" haben könnte, wird von der Sozialdemokratin auch mit Blick auf eine Forschungsförderung aus Mitteln des Bundeswirtschaftsministeriums begründet.

Kudla forscht freilich als festangestellter Professor der Bergakademie, für eingeworbene Forschungsmittel erhält er keinerlei Vergütung. In einem Offenen Brief nennt er die Ausführungen aus dem Bundesumweltministerium, aus dem kein einziger Vertreter je das Gespräch mit ihm gesucht habe, "haltlos" und "für einen Wissenschaftler fast schon eine Beleidigung". Hinter seinen Forschungsanträgen, die er seit mehr als zehn Jahren beim Karlsruher Institut für Technologie zur Endlagerforschung einreiche und die teilweise bewilligt würden, stehe "rein wissenschaftliches Interesse".

Kudla räumt auch mit älteren Vorhaltungen von Greenpeace auf. Es sei "Unsinn", dass er - weil er zwei Patente miterfand - Interesse an einem Endlager im Salzgestein haben könnte: Bis sie auch nur theoretisch zur Anwendung kommen könnten, würden mindestens 100 Jahre vergehen. Dass ein "Beratungsnetzwerk" seine "fachliche Expertise" ausdrücklich als "Hindernis" für die Mitgliedschaft im NBG bezeichnet, kann der Wissenschaftler gar nicht fassen: "Erst mit Fachwissen ist man in der Lage, die wirklich kritischen Fragen zu stellen." Sachsens Staatskanzlei befürwortet seine Berufung auch weiterhin und verbittet sich die Einmischung des Bundesumweltministeriums. Sie sei "ein Risiko" für das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Arbeit des NBG - also auch in die Endlager-Standortsuche.

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1Kommentare
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  • 0
    0
    bürgerenergie
    12.07.2018

    Aber bitte! Dass Drittmittel immer von großem wirtschaftlichen Interesse für unsere Uni-Professoren sind, das ist nun mal eine Binsenweisheit. Etwas anderes zu suggerieren, das wird die Bedenken aus dem Umweltministerium nur bestätigen. Und natürlich hat auch Greenpeace Recht, denn ein wirklich gutes Patent ist schon viel eher etwas Wert, als es zum ersten Mal einsetzbar ist. Folglich kann es - und wenn als aussichtsreiches Spekulationsobjekt - schon weit früher gehandelt werden und dem Besitzer auch zu dessen Lebzeiten viel Geld einbringen.



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