Viel Gefühl für Brot

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Martina Faßbender wechselte mit über 60 Jahren ihren Beruf. Aus der Händlerin für Luxusmode wurde eine Bäckerin. Eine ganz besondere: Denn sie gewann den Preis als bestes "Start-up 2022" im Wettbewerb "Sachsens Unternehmer des Jahres".

Leipzig/Dresden.

Wer beim Pitchen gewinnen will, muss überzeugen können. Und das in maximal drei Minuten. Denn mehr Zeit hat man nicht, wenn man beispielsweise in einem Fahrstuhl einen möglichen Geldgeber von seiner Geschäftsidee überzeugen will. Das ist die Idee hinterm Pitchen. In der Gläsernen Manufaktur in Dresden will Martina Faßbender genau wie ihre vier Konkurrenten die Jury von "Sachsens Unternehmer 2022" überzeugen und bestes Start-up werden. Dem Gewinner winken Medialeistungen für 60.000 Euro. Ein Preis, der beim Bekanntwerden und Wachsen helfen soll.

"Die Frau brennt für ihr Unternehmen", heißt es nach dem Auftritt von Martina Faßbender im Publikum. "Das hat überzeugt." Und: "Das Brot schmeckt richtig gut." Genau das ist es, was Martina Faßbender hören wollte und weshalb sie sich selbstständig gemacht hat: "Brot zu backen, das gluten- und weizenfrei ist - und das schmeckt", sagt die Chefin des Start-ups "Brotgefuehle - glutenfreie, vegane Bio-Backmanufaktur".

In Dresden überlässt sie nichts dem Zufall und gewinnt. Während ihres Auftritts verteilt sie Probierhäppchen. Sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der unter den Gästen weilt, darf kosten, und findet lobende Worte für Hilde und Waltraud. Martina Faßbender hat ihren Broten Namen gegeben. Auch der Brownie ist nicht einfach ein Brownie. Er heißt Heinrich. Und das Marzipangebäck Werner.

Die Ü-60-Jährige könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen. Doch das passt nicht zu ihrem Naturell. Sie ist eine Macherin. Ein Verlust wäre es obendrein. Denn mit ihrem Geschäft ist sie in eine Marktlücke gestoßen. Ihr Kundenkreis, sagt sie, wächst täglich.

Der Anstoß zur Selbstständigkeit lag in ihrer eigenen Glutenunverträglichkeit, die der gebürtigen Düsseldorferin vor einigen Jahren bescheinigt wurde. "Herkömmliches Brot führt bei mir zu Magenweh und Bauchkrämpfen." Daraufhin krempelte sie ihr Leben um - nicht nur die Ernährung, sondern auch gleich den Beruf. Fortan führte sie nicht mehr Geschäfte für Luxusmode, sondern absolvierte eine Prüfung für glutenfreies Backen, bekam eine Sondergenehmigung als Quereinsteigerin, ließ sich gleich doppelt zertifizieren - als "Bio" und als glutenfreie Bäckerei und Patisserie. Das Ganze regelmäßig von Prüfern und einem Labor überwacht. Letzteres ist wichtig, wie sie sagt.

"Es gibt heute viele, die auf ihre Produkte ,gluten- und weizenfrei' drucken, aber von dem, was ich darunter verstehe, ist das weit entfernt." Da sie viele dieser Produkte zwangsläufig selbst ausprobiert hat, weiß sie, wovon sie redet. "Gesund ist vieles nicht." Regelrecht an die Decke geht sie, wenn es heißt, dass man glutenfreies Brot im Kühlschrank aufbewahren oder vor dem Verzehr toasten muss, damit es schmeckt. "Das hat doch mit Brot nichts mehr zu tun", wie sie sagt.

Drei Jahre hat sie in ihrer Küche gestanden und Brote gebacken, die ohne Kleber-Eiweiß auskommen. Das gehört normalerweise wie Mehl zum Brotbacken dazu und hält den Teig zusammen.

Doch dieses normale Brot vertragen Martina Faßbender und einige andere nicht. "Genau genommen vertragen es zwischen 20 und 30 Prozent der Menschen in Deutschland nicht", sagt die Unternehmerin. Wenn es also heißt, sie sei in einem Nischenmarkt unterwegs, stimme das nicht einmal im Ansatz.

Ihr Mann, Horst Richter, hat eine Studie zur Hand. Danach liegt der Umsatz in dem Marktsegment bei weltweit über 5,3 Milliarden Euro und soll bis 2025 auf 7,8 Milliarden Euro wachsen. "Der Prozess wird durch die Umstellung auf eine gesündere Ernährung angetrieben", sagt er. Der Unternehmensberater hilft seiner Frau, soweit es geht, "damit sie sich ganz auf ihre Arbeit konzentrieren kann". Als beide noch in Frankfurt am Main lebten, war es umgekehrt, erzählt er.

2018 wechselt Horst Richter beruflich nach Leipzig. Martina Faßbender geht mit und beginnt mit einer Produktionsstätte in Leipzig-Wahren, dem folgt ein Pop-Up-Store in der Nikolaistraße. Aus "Martinas Brotgefuehle" wird einfach "Brotgefuehle". Das Geschäft findet man heute am Brühl, einer der ältesten Straßen Leipzigs.

Während Corona hat sie den Laden, wie sie erzählt, ganz allein geschmissen. "70 Stunden die Woche waren nicht die Ausnahme, sondern das Normale." Ans Aufgeben hat sie nicht gedacht, auch wenn in der Zeit ein Großteil des Ersparten draufgegangen ist. Sie beschreibt sich als jemand "vom alten Schlag". Damit meint sie beispielsweise, dass sie ihr Unternehmen ohne jegliche Fremdfinanzierung aufgebaut hat. "Denk bei jedem Kredit immer daran, dass du ihn zurückzahlen musst." Diese Worte ihres Vaters hat sie noch immer im Ohr, und sie sind ihr auch Wegweiser für Künftiges.

Kunden kommen zum Teil von weither, um ihre Produkte zu kaufen. "Ich werde oft gefragt, warum ich nicht auch in anderen Städten ein Geschäft eröffne. ,So etwas will finanziert werden', antworte ich dann." Mit einem Investor im Rücken würde sie diesen Schritt gehen. Aber auch Lizenznehmer seien willkommen. Für die, die nicht nach Leipzig kommen können, hat Martina Faßbender die Fertigbackmischungen "Fraeulein" für den heimischen Ofen kreiert. Der Kundenkreis wachse von Woche zu Woche. Ab Sommer soll es auch Süßbackmischungen geben. Und dabei wird es nicht bleiben...lvz

Der Wirtschaftspreis "Sachsens Unternehmer des Jahres" und der Gründerpreis "Sachsen gründet - Start-up 2022" sind eine Initiative von "Sächsische Zeitung", "Freie Presse", "Leipziger Volkszeitung" und dem MDR sowie von Volkswagen Sachsen, der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft KPMG, der Landesbank Baden-Württemberg und der Gesundheitskasse AOK Plus.

www.unternehmerpreis.de

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