Mehr künstliche Kniegelenke

Eine neue Studie offenbart auch in Sachsen einen starken Anstieg. Und es gibt noch einen bedenklichen Trend.

In Deutschland werden immer mehr künstliche Kniegelenke eingesetzt. Zwischen 2013 und 2016 nahm die Zahl solcher Operationen um gut 18 Prozent auf knapp 169.000 Fälle zu, wie die Bertelsmann-Stiftung am Dienstag bei der Vorstellung einer neuen Studie mitteilte. "Erklärbar ist dieser Trend weder durch medizinische noch durch demografische oder geografische Einflussfaktoren", hieß es.

Auffällig: Unter den Patienten, denen eine Kniegelenk-Prothese eingesetzt wurde, waren 2016 rund 33.000 Menschen jünger als 60 Jahre. Ein Zuwachs von 23 Prozent im Vergleich zu 2013. In Sachsen stieg die Zahl der Eingriffe bei diesen Patienten auf 52,6 je 100.000 Einwohner. Der Blick auf die jüngeren Patienten werfe die Frage auf, "ob die Operationen wirklich medizinisch indiziert waren", kritisierte Brigitte Mohn vom Bertelsmann-Stiftungsvorstand.

Die Zahlen hat die Fachredaktion Science Media Center (SMC) in Köln aus Daten des Statistischen Bundesamtes errechnet. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft erklärte in einer Stellungnahme: "Patienten mit Knieproblemen haben in der Regel einen langen Leidensweg hinter sich, ehe operiert wird. Statistische Auswertungen greifen hier zu kurz."

Umso erstaunlicher sind die großen Unterschiede je nach Bundesland beim Kunstkniegelenk-Ersteinsatz. Die meisten OPs gab es 2016 in Bayern mit 260 Eingriffen je 100.000 Einwohner. Sachsen liegt mit knapp 210 OPs je 100.000 Einwohner auf Platz fünf. Die wenigsten künstlichen Kniegelenke wurden in Berlin (153) und Mecklenburg-Vorpommern (164) eingesetzt.

Auch auf Kreisebene variieren die Zahlen enorm. Sachsen ist da keine Ausnahme, wie unsere Tabelle zeigt. Fast schon bayerische Verhältnisse herrschen im Vogtland. Deutlich über dem Landesdurchschnitt liegt auch der Landkreis Görlitz. Die geringsten Durchschnittswerte weisen die Stadt Chemnitz und der Kreis Bautzen auf.

Haben also die Chemnitzer bessere Kniegelenke als die Vogtländer? Hängt die Gelenkfitness vom Wohnort ab? Die Unterschiede hätten damit zu tun, dass die Zugänge zur Krankenhausversorgung je nach Region anders ausfielen, sagte Julia Seifert, Vizepräsidentin des Berufsverbandes der Deutschen Chirurgen. Eine "Verzerrung" bei den Studienzahlen sei möglich, da SMC nach Wohnort gezählt habe, der OP-Ort könne aber ein ganz anderer sein.

Ihrem Verbandskollegen Jörg-Andreas Rüggeberg zufolge hängt es auch von der Zahl der niedergelassenen Orthopäden in einer Region ab, wie oft operiert wird. Und davon, ob diese die manchmal etwas ungeduldigen Patienten von einer konservativen Therapie überzeugen könnten, also etwa Physio- oder Ergotherapie und Gewichtsabnahme. "Viele wollen lieber gleich ein neues Knie und keine lange Behandlung."

Die Studien-Macher glauben dagegen: "Wenn Patienten sorgfältig informiert werden, entscheiden sie sich seltener für eine Operation." Die Prothesen könnten segensreich sein, bereiteten aber oft auch Beschwerden. Am häufigsten werden die Kunstgelenke eingesetzt, weil die Knorpelschicht im natürlichen Gelenk durch Verschleiß schmerzhaft zerstört ist (Arthrose). Aber auch Fehlstellungen, Verletzungen, Arthritis oder Tumorbehandlungen können Grund für eine OP sein.

Besonders problematisch aus Sicht der Bertelsmann-Stiftung: Je jünger die Patienten bei der Erst-OP sind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Prothese im Laufe ihres Lebens ausgewechselt werden muss. Wer zwischen 50 und 60 Jahren ein künstliches Kniegelenk erhalte, habe ein Risiko zwischen 15 und 35 Prozent, ein zweites Mal auf den OP-Tisch zu kommen. Solche Wechseloperationen seien belastend, führten häufiger zu Komplikationen und zu schlechteren Ergebnissen als der Ersteingriff.

Bertelsmann und SMC sehen hinter dem OP-Zuwachs auch finanzielle Gründe, wie Dutzende Interviews mit Fachärzten, Krankenkassen- und Klinikvertretern und Gesundheitsökonomen untermauert hätten: Die OPs seien finanziell lukrativer geworden. Über eine zentrale Fallkostenpauschale erhalten Kliniken für diese Eingriffe laut SMC einen höheren Betrag: "2013 konnten Kliniken für diese OP rund 7200 Euro abrechnen und 2016 fast 7900 Euro", erklärte Meike Hemschemeier von der SMC.

Die Studien-Autoren bemängeln, dass bei niedergelassenen Ärzten das Budget für Therapieansätze, wie Bewegungstraining und Schmerzmittel, oft nicht ausreiche - etwa, um eine längere Physiotherapie zum Muskelaufbau zu verschreiben. Die teuren OPs würden von den Kassen dagegen "anstandslos bezahlt", heißt es. Viele niedergelassene Orthopäden kämen mit ihren Patienten in die Klinken und operierten dort. Je nach Vertragsvereinbarung erhalte der Mediziner dann einen Teil und das Krankenhaus den Rest aus der Fallpauschale, so Hemschemeier. (dpa/rnw)

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