Prostatakrebs ist tückisch

Jedes Jahr erkranken 3500 Männer in Sachsen neu. Eine OP verspricht den größten Erfolg, hat aber auch große Risiken.

Schweißausbrüche, Hitzewallungen - Helmar Frenzel kann ein Lied davon singen: "Mir geht's wie Frauen in den Wechseljahren." Mit dem Unterschied, dass er dieses Schicksal in gewissem Maße selbst bestimmt hat. Vor 13 Jahren wurde bei ihm Prostatakrebs diagnostiziert. "Da war ich aber schon 74", sagt der Chemnitzer. Aus Furcht vor einer Inkontinenz entschied er sich gegen Operation und Bestrahlung und für eine Hormontherapie. Dabei wird die Bildung des Testosterons unterdrückt und das Wachstum der Krebszellen gebremst. Den Verlust der Potenz und die Hitzewallungen habe er hingenommen: "Es war das kleinere Übel."

Diagnose Prostatakarzinom: Etwa 60.000 Menschen in Deutschland sind jedes Jahr neu davon betroffen, darunter rund 3500 in Sachsen. Damit ist es die häufigste Krebserkrankung bei Männern. Ein knappes Viertel verstirbt daran - das sind etwa drei Prozent aller Männer. Wie für alle Tumoren gilt: Je früher er erkannt wird, desto größer sind die Heilungschancen.

Die Symptome: Das Tückische am Prostatakrebs ist, dass er lange Zeit keine Beschwerden bereitet. Erst wenn der Tumor eine bestimmte Größe erreicht hat, bemerken Betroffene typische Symptome wie Schwierigkeiten beim Wasserlassen (vermehrter Harndrang, schwacher Harnfluss, Unfähigkeit zum Urinieren), Blut im Urin oder in der Samenflüssigkeit, Schmerzen bei der Ejakulation sowie in Rücken, Becken oder in Hüfte. "Suchen Sie dann in jedem Fall Ihren Arzt auf", rät die Deutsche Krebsgesellschaft. Die Angst vor der Diagnose ist übrigens oft unbegründet: In den meisten Fällen ist kein Karzinom die Ursache, sondern eine gutartige Vergrößerung der Prostata.

Veränderungen der Prostata treten bei fast jedem zweiten Mann ab 50 auf, die meisten Krebsneuerkrankungen erst ab dem 70. Lebensjahr. Das Hauptrisiko ist demnach das Alter. Auch eine familiäre Veranlagung erhöht die Gefahr, an Prostatakrebs zu erkranken.

Die Diagnose: Im Rahmen der Früherkennung und bei entsprechenden Symptomen führt der Arzt - in der Regel niedergelassene Urologen - eine Tastuntersuchung durch. Vom Enddarm aus fühlt er mit dem Finger Veränderungen an der Drüse und prüft die äußeren Genitalorgane. Weil der Tumor dabei erst ab einer bestimmten Größe erkannt wird, empfehlen Ärzte meist einen zusätzlichen PSA-Test (siehe Pro & Contra). Als ergänzende Untersuchungen kommen Ultraschall, MRT und CT infrage. Bei Verdacht auf eine Krebserkrankung werden mehrere Gewebeproben entnommen. Wissenschaftler der Klinik für Urologie am Dresdner Uniklinikum und des Leipziger Fraunhofer-Instituts entwickeln derzeit einen Urin-Test, mit dem sich die Zahl der Biopsien deutlich reduzieren lassen könnte. "Wir hoffen, dass wir bis Ende 2018 damit fertig sind", sagt Klinikdirektor Professor Manfred Wirth.

Die Behandlung hängt vom Stadium der Erkrankung ab - und den Wünschen des Patienten. Wirth: "Die Nebenwirkungen sind von Therapie zu Therapie verschieden."

Therapien im Frühstadium: Sind Tumoren auf die Prostata beschränkt, bestehen sehr gute Heilungschancen. Welche Behandlung auf lange Sicht am günstigsten ist, sollte im Rahmen einer großen Studie (Prefere) geklärt werden. Allerdings mangelte es an der nötigen Anzahl von Probanden, sodass die Förderer unlängst ihre finanzielle Unterstützung stoppten.

Eine Option ist das Abwarten. Bei älteren Patienten wird der Tumor beobachtet, bei jüngeren aktiv überwacht. So kann der Patient unter Umständen von unerwünschten Nebenwirkungen der Therapie verschont werden. Die größten Heilungschancen bietet aus Sicht von Prof. Wirth die Operation, bei der Prostata und Samenblasen entfernt werden (radikale Prostatektomie): "95 Prozent dieser Patienten überleben den Krebs mindestens zehn Jahre." Einer aktuellen Studie zufolge führen immer mehr Kliniken in Deutschland die OP durch - mit der Folge, dass oft die empfohlene Mindestzahl von 50 pro Jahr nicht erreicht wird. "Dabei ist Erfahrung hier besonders wichtig, um gefürchtete Folgen zu vermeiden", betont der Klinikchef. An seiner Klinik werden jährlich etwa 400 Männer auf diese Weise behandelt. Zu den Risiken gehören eine langfristige Harninkontinenz sowie Impotenz. Roboterassistierte Operationen würden das Ergebnis nicht unbedingt verbessern, bei konventionell-laparoskopischen Eingriffen sei es häufig sogar schlechter.

Eine Alternative ist die Strahlentherapie - entweder von außen oder von innen. Radioaktive Strahlen bekämpfen dabei die Krebszellen, allerdings können sie benachbarte Organe wie die Blase und den Darm schädigen - und dort sogar Krebs auslösen. Potenz- und Inkontinenzprobleme sind seltener als nach einer Operation. Relativ neu ist die Behandlung mit hochintensivem fokussiertem Ultraschall (HIFU), die unter anderem das Städtische Klinikum Dresden anbietet. In den Leitlinien wird sie allerdings gegenwärtig nicht empfohlen.

Therapien im fortgeschrittenen Stadium: Haben sich die Krebszellen auf benachbartes Gewebe ausgebreitet und Metastasen in den Knochen gebildet, können Medikamente die Beschwerden lindern und die Lebenszeit verlängern. Je nach Befund stehen verschiedene Hormon-, Chemo- und Immuntherapien zur Auswahl. Gegebenenfalls können diese mit einer Bestrahlung kombiniert werden. Jede Behandlung hat unterschiedliche und unterschiedlich starke Nebenwirkungen.

Unterdessen wird weiter geforscht und getestet. Manfred Wirth ist optimistisch, dass dieser Krebs eines Tages besiegt werden kann: "Ich hoffe auf eine Immuntherapie, die es ermöglicht, selten oder gar nicht operieren oder bestrahlen zu müssen."

Die Prostata: Klein, aber wichtig

Die Prostata - auch Vorsteherdrüse genannt - gehört zu den Fortpflanzungsorganen des Mannes.

Das Organ ist etwa vier Zentimeter groß. Bei jungen Männern wiegt sie etwa 20 Gramm, im Alter kann ihr Gewicht das Fünffache erreichen.

In der Drüse sowie in den anliegenden Samenblasen wird die Samenflüssigkeit produziert, die bei der Ejakulation mit den Spermien in die Harnröhre geleitet werden.

Testosteron steuert Wachstum und Funktion der Prostata. Es wird vor allem in den Hoden gebildet. Ohne das Hormon kann sich die Prostata nicht entwickeln und kein Sekret bilden.

 Pro & Kontra PSA-Test:  Die Früherkennung ist stark umstritten

Ein fremder Finger im Allerwertesten? Auf die meisten Männer wirkt allein die Vorstellung einer Tastuntersuchung über den Enddarm abschreckend - von der praktischen Durchführung ganz zu schweigen. Zumal das Ergebnis noch keine hundertprozentige Gewissheit vermittelt, ob man nun Prostatakrebs hat oder nicht.

Ärzte kennen diese Situation und bieten ihren Patienten gern einen PSA-Test an. Damit kann die Konzentration eines speziellen Eiweißes im Blut nachgewiesen werden. "Es ist nach wie vor der beste Marker", sagt Professor Manfred Wirth, Direktor der Klinik für Urologie am Dresdner Uniklinikum. Je höher der Wert dieses prostataspezifischen Antigens, desto größer die Wahrscheinlichkeit eines Tumors.

Eine große europäische Studie konnte nachweisen, dass durch den PSA-Test mehr Karzinome aufgespürt wurden und auch die Sterblichkeitsrate zurückging. Allerdings offenbarte die Studie auch eine hohe Anzahl falschpositiver Befunde: Von 1000 Männern im Alter zwischen 55 und 69 Jahren hatten zwar 323 einen auffälligen PSA-Wert von mehr als 3 Nanogramm pro Milliliter (ng/ml). Doch der Großteil von ihnen (75 Prozent) hatte gar keinen Krebs, wie anschließende Gewebeproben ergaben. Die Angst vor Krebs und die Risiken der Biopsie wären also vermeidbar gewesen.

Und selbst wenn sich die Diagnose Krebs bestätigt, muss das noch kein Grund zur Operation sein. "Ein Teil der Prostatakarzinome wächst sehr langsam und wenig aggressiv, sodass eine Behandlung in vielen Fällen keine Vorteile für den Patienten bringt", betont Dr. Tobias Jäger, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit (DGMG). Kommt es zur Therapie, könnten Harninkontinenz oder Erektionsstörungen die Folge sein.

Eine geringe Menge PSA im Blut gilt als normal. Laut Prof. Wirth haben lediglich etwa 25 Prozent der Männer zwischen 45 und 49 Jahren einen PSA-Wert von über 1 ng/ml. Bei einem Wert von 4 bis 10 ng/ml liegt die Krebswahrscheinlichkeit bei 25 bis 35 Prozent, bei Werten über 10 ng/ml bei 50 bis 80 Prozent. Die DGMG verweist auf andere Faktoren, die die PSA-Konzentration erhöhen können: Medikamente, ein Samenerguss oder eine Fahrradtour. Deshalb sei vor einer Gewebeprobe ein zweiter Test erforderlich.

Der Gemeinsame Bundesausschuss, dem Ärzte und Krankenkassen angehören, hat den PSA-Test bislang nicht als gesetzliche Leistung anerkannt. Damit zählt der Test als individuelle Gesundheitsleistung, für die Patienten selbst zahlen müssen - in der Regel 25 bis 35 Euro. (sk)

So können Sie vorsorgen

Fachärzte empfehlen, die Prostata ab einem Alter von 45 einmal jährlich untersuchen zu lassen. Gesetzliche Krankenkassen zahlen die Tastuntersuchung erst ab 45 Jahren, bei familiären Vorerkrankungen auch früher.

Die Lebensweise hat Studien zufolge einen Einfluss auf das Krankheitsrisiko. Regelmäßige Bewegung hilft, das Gewicht unter Kontrolle zu halten.

Sojaprodukte beeinflussen den Hormonhaushalt positiv. Auch Tomaten, Wassermelonen und Fisch sollen einen vorbeugenden Effekt haben.

Häufiger Sex könnte das Prostatakrebsrisiko senken. Andere Studien behaupten aber das Gegenteil.

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