Freie Presse auf Google News folgen
In Ontario können Reisende die Uhr zurückdrehen bis zur Besiedelung durch die Europäer. Die Metropole Toronto im Süden scheint dagegen der Zeit voraus, dort gibt es mehrere Rekorde zu erleben.
„Préparez“ ruft Daniel und die Passagiere des Kanus halten die Ruder nach oben. „En avant“ lautet das nächste Kommando, seine Mannschaft stößt die Ruder in‘s Wasser und zieht sie kräftig nach hinten durch. Als das Boot Fahrt aufnimmt, beginnt Daniel zu singen und die Crew stimmt mit ein. „Goûtons voir, oui oui oui. Goûtons voir, non non non.“
Daniel ist Französisch-Kanadier und Steuermann auf dem Kanu der North-West-Company. Gleich wird sein Boot Fort William im Norden Ontarios erreichen. Anfang des 19. Jahrhunderts war das Fort einer der größten Warenumschlagplätze in Nordamerika und damit maßgeblich für die Besiedlung des Landes verantwortlich. Hunderte Händler kamen dort zusammen; die einen brachten Alkohol und Waffen von den europäischen Schiffen aus dem Osten, die anderen Biberfelle aus den Wäldern im Westen.
200 Jahre später wurde Fort William in der Nähe der Stadt Thunder Bay als historischer Freizeitpark mit Wachtürmen, Häusern und Tipis wieder aufgebaut. Schauspieler spielen die damaligen Bewohner. Daniel heißt eigentlich Matthew Jollineau und studiert Jura. Jeden Morgen schlüpft er in die Rolle eines Voyageur – also ein Reisender im Dienste der North-West-Company – und gibt im Kanu den Ton an. Seine Mannschaft sind Touristen, die singend ein paar Runden auf dem Fluss drehen.
Mit anderen Schauspielern kann man sich im Fort William in den Disziplinen Axt werfen, Bogenschießen oder im Lacrosse-Spiel messen. Bis heute ist der Ballsport, den man mit einem Schläger spielt, neben Eishockey der Nationalsport in Kanada.
Lacrosse hat seinen Ursprung bei den indigenen Völkern Nordamerikas, die schon lange vor den Europäern in Ontario siedelten. Die Angehörigen der Anishinaabe und der Cree leben heute größtenteils in Communities in den Wäldern nördlich von Thunder Bay, die oft nur mit kleinen Flugzeugen zu erreichen sind.
Wie in den USA wurden diese Völker lange unterdrückt. Viele schmerzhafte Eingriffe wie die Trennung der Familien und die Umerziehungsanstalten, in die man die Kinder steckte, um ihnen die Traditionen zu nehmen, wurden erst 1996 verboten. In den letzten Jahren vor allem unter Premier Justin Trudeau hat die kanadische Gesellschaft diese Geschichte aufgearbeitet.
Heute werden die indigenen Traditionen wieder neben der westlichen Kultur gelebt. Jedes Jahr Anfang Juli wird der Tag der indigenen Völker gefeiert, der „Indigenous Peoples Day“, bei dem die Stämme in ihren spirituellen „Pow Wow“-Zeremonien ihre Tänze zeigen und feiern. In Thunder Bay haben die „Anishinaabe“ dafür auf ihrem Berg Mount McKay ein Stadion aufgebaut.
Stundenlang tanzt Tyrell Moonias um seine Stammesangehörigen in der Mitte des Kreises, die gemeinsam auf eine große Trommel schlagen und singen. Der mit Federn geschmückte Mann zelebriert einen Medizintanz, der helfen soll, schlechte Energie abzugeben und neue Energie aufzunehmen. „Dieser Tag ist uns wichtig, um das Erbe der indigenen Völker zu leben und zu zeigen“, erklärt Moonias.
Neben den „Pow Wow“ gibt es in Thunder Bay regelmäßig Picknicks, zu denen indigene Menschen und andere Kanadier zusammenkommen. Auch im neuen Museumsbau, der bis 2027 in Thunder Bay entstehen soll, werde es einen großen Bereich für das Erbe der indigenen Völker geben, sagt Tourismusmanager Paul Pepe, dessen Ehefrau Bildungsprojekte innerhalb der indigenen Communities entwickelt.
Ontario heißt in der Sprache der Ureinwohner „Schöner See“, davon gibt es mehrere in der Provinz. Der Lake Superior im Norden ist der größte Süßwassersee der Welt. Niemand kennt ihn so genau wie Zack Kruzins, dessen zweites Zuhause sein Kajak ist. Der Abenteurer ist in mehr als 50 Tagen am Stück die Küstenlinien abgefahren und hat darüber ein Buch geschrieben. Kruzins hatte dafür sein Zelt dabei, um auf den einsamen Inseln zu übernachten, den Fisch hat er gleich vom Kajak aus gefangen.
Der Abenteurer liebt vor allem den kalten Nordteil des Lake Superior, dort wo der See besonders tief ist und wo die Sonne am Morgen lange braucht, bis sie den Nebel aufgelöst hat. Die Inseln, an denen seine Wasserwanderungen vorbeiführen, sind bis zu den felsigen Ufern mit dichten Wäldern bewachsen, als ob sie keinen Menschen empfangen wollen. Aber es gibt Karten, die Zugänge mit flachen Ufern in die einsame Inselwelt zeigen.
Deutlich schneller ist Gregory Heroux mit seinem Speed-Boot auf dem Lake Superior unterwegs. Bis zu 60 km/h sind kein Problem, außer der Wind hat zu hohe Wellen aufgeschoben. Dafür sind seine Passagiere in dicke Thermoanzüge eingepackt und damit geschützt, wenn wieder ein kalter Wasserschwall über das Boot klatscht.
Heroux segelte schon als Kind mit seinem Vater über den Lake Superior. Der See hat ihn seitdem nicht mehr losgelassen. Nach einer Modellkariere in Europa ist der Kanadier zurückgekommen und hat seine Firma „Sail Superior“ mit einem Katamaran, Segel- und Speedbooten aufgebaut. Seine Touren führen zu riesigen Container-Schiffen, alten Hafenanlagen, Vogelinseln mit Pelikanen bis zum Sleeping Giant, einer beeindruckenden Felsformation auf einer Landzunge, die einem schlafenden Riesen ähnelt. Auf den Sleeping Giant führt vom See-Ufer ein steiler Trekkingpfad. Die Anstrengung lohnt sich: Wer oben angekommen ist, dem wird ein beeindruckendes Panorama mit Wolkenspiel zwischen tiefen Klippen geboten.
Gregory Heroux hat seine Boote im Hafen von Thunder Bay festgemacht, einer 111.000-Einwohner-Stadt, die größtenteils vom Bergbau lebt. Für Touristen ein guter Spot für Ausflüge in die Natur wie beispielsweise zu den 40 Meter hohen Kakabeka-Wasserfällen oder zum Eagle-Canyon mit der längsten Hängebrücke Kanadas.
Thunder Bay selbst hat eine schöne Küstenlinie, die man gut mit dem Fahrrad entdecken kann. Die lokale Küche bietet alles, was mit Ahornsirup möglich ist: French Toast, Pancake, Waffeln. Überhaupt geht es ziemlich kalorienhaltig zu. Die lokale Köstlichkeit sind „Persian“, frittierte und glasierte Zimtkringel mit rosa Zuckerguss obendrauf, die man am besten in „Nucci‘s Bake-a-deli“ probieren kann. Mit frischen Austern, Pasta, Rinderfilet und Lachs deutlich mehr Vielfalt bietet das Zehn-Gänge-Chef-Menü im Restaurant „Tomlin“.
Nach der Weite und Wildnis in der Mitte Ontarios landet man eine reichliche Flugstunde weiter südlich direkt neben Wolkenkratzern der Millionen-Metropole Toronto: Die Stadt liegt mit dem Lake Ontario ebenfalls an einem riesigen See, was auch zur hohen Lebensqualität beiträgt. Wem der Stadttrubel zu bunt wird, steigt einfach auf eine Fähre und setzt zu den vorgelagerten Inseln mit ihren Parkanlagen und Stränden über.
Die passende Überschrift für einen Artikel nur über Toronto wäre wohl: „Wo die Welt zu Hause ist“. Kanadas größte Metropole, in der 2026 auch Spiele der Fußball-WM stattfinden, gilt als multikulturellste Stadt überhaupt. Egal, welchen Laden man betritt, egal, in welches Taxi man sich gerade setzt, immer wieder hat man einen Menschen aus einem anderen Kulturkreis vor sich, der einen mit einem freundlichen „How are you“ begrüßt. Die Internationalität spürt man auch an den unzähligen Restaurants aus aller Herren Länder. Wer die Essenskulturen der Welt an einem Ort kennenlernen will, der ist in Toronto richtig.
Einen Einblick in die lokale Küche gibt es hingegen in St. Lawrence Market. Sobald die automatische Glastür der Markthalle aufgeht, steigt einem ein warmer Duft von frisch gebratenen Schinken, Butterkuchen und Gewürzen in die Nase. Das historische Gebäude beherbergt auf zwei Ebenen über 100 Stände von Bäckern, Fleischern, Fisch- und Gewürzhändlern.
Um die Markthalle kann man Torontos Architektur gut entdecken – eine vielfältige Mischung aus Stilen, die von historischen gregorianischen Häusern über moderne Neubauten bis hin zu Wolkenkratzern im Banking-District reicht. Das Banking-District hat viele Ähnlichkeiten zu Manhattan in New York. Aufgrund dessen sieht man in den Straßen häufig Kamerateams. Filme wie „X-Men“ und „The Umbrella Academy“ spielen zwar in New York, wurden aber in Toronto gedreht.
Es gibt auch Stadtviertel ganz ohne Hochhäuser wie China-Town oder Kensington Market im viktorianischen Stil mit seinen Cafés, Restaurants und Second-Hand-Läden. Um die Vielfalt der Stadt kennenzulernen, kann man entweder einen Hop-on-Bus nutzen oder sich eine Fahrradtour buchen. Trotz des Verkehrs kommt man auf zwei Rädern ziemlich gut voran, und die Guides haben viele Restaurant-Tipps parat, wo man nach der Tour wieder zu Kräften kommen kann.
Wer an den bunten Fassaden der Häuser langspaziert, sieht übrigens nur einen Teil Torontos. Denn unter der Erde hat sich mit dem „Path“ eine zweite Stadt entwickelt, laut dem Guinness-Buch der Rekorde das größte Untergrund-Tunnelsystem der Welt. Die Wege unter den Wolkenkratzern erstrecken sich über 30 Kilometer und sind keine schmucklosen Fußgängertunnel, sondern Flaniermeilen mit Geschäften, Cafés und Garküchen. Mancherorts führt eine Tür sogar noch eine Etage tiefer, wo ein Theater oder ein Kabarett auf Besucher wartet.
Wer nicht gerade unter Höhenangst leidet, der kann nach der Unterwelt Torontos die frische Luft der Stadt weit über den Wolkenkratzern aufsaugen – bei einem Spaziergang in 356 Metern Höhe auf dem CN Tower. Beim Edge-Walk ist man an Seilen an einer Schiene über dem Kopf gesichert und geht auf einem Gitterrost einmal um den Turm.
Das Laufen ist dabei noch die leichteste Übung. Die Guides auf der Tour bringen die Teilnehmer dazu, immer waghalsigeren Übungen zu vollziehen: Zur Begrüßung muss man möglichst weit an die Außenkante des Weges gehen. Als zweites soll man sich nach hinten über den Weg hinaus an das Seil hängen; und als schwierigste Übung das Ganze mit dem Kopf nach vorn. Das kostet Überwindung. Wer den Edge-Walk meistert, kann einen weiteren Guinnes-Rekord für sich verbuchen. Er hat den höchsten externen Gebäude-Spaziergang der Welt gemeistert. (cma)
Neue Airline direkt ab Berlin
Flug: Seit Juni fliegt Air Transat zweimal wöchentlich direkt von Berlin nach Toronto. Preise für Hin- und Rückflug gibt es an ausgewählten Tage ab 400 Euro.
Geld: In Kanada gibt es den kanadischen Dollar. Für einen Euro bekommt man 1,6 Dollar. Fast überall kann man mit Kreditkarte bezahlen. US-Dollar werden größtenteils akzeptiert, allerdings zu schlechten Kursen.
Kajaks für den Lake Superior ausleihen kostet pro Tag 55 Dollar, ab zwei Tagen 45 Dollar. 2-Tages-Trips inklusive Guide kosten 350 Dollar. www.suchaniceday.com
Mit dem Speedboat kostet eine Ganztagestour über den See inklusive Wanderung auf den Sleeping Giant 349 Dollar. www.sailsuperior.com
Eine Food-Tour durch den St. Lawrence Market kostet bei culinaryadventureco.com 99 Dollar. In der Zeit von 2,5 Stunden gibt es 15 Verkostungen von Lachs bis Käse.
Fahrradtour durch Toronto: Eine 3,5-stündige Fahrradtour kostet inklusive Rad, Helm und Snacks etwa 100 Dollar. www.torontobicycletours.com
Edge-Walk: Der luftige Spaziergang am CN Tower dauert etwa 30 Minuten und kostet 220 kanadische Dollar. Dazu kommt noch Zeit für Belehrung und Anlegen der Sicherheitsausrüstung. www.cntower.ca
Die Reise wurde unterstützt von www.destinationontario.com





