Hoffnung auf eine Medaille: Sportler aus Chemnitz tritt als einer von sechs Sachsen bei den Paralympics an

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Oliver Hörauf aus Chemnitz ist einer von sechs Sportlern aus Sachsen, die zu den Paralympics nach Tokio reisen dürfen. In der Goalball-Nationalmannschaft gilt der 24-Jährige als Schlüsselspieler - trotz Verletzungspech in der Vorbereitungszeit.

Chemnitz.

Damit hatte er nun überhaupt nicht gerechnet. Doch Oliver Hörauf konnte ausgerechnet in der unmittelbaren Vorbereitung auf die Paralympics sein Trainingspensum nicht wie gewünscht durchziehen. Vor allem das Pauken seiner speziellen Würfe, mit denen er schon so manchen Gegner zur Verzweiflung gebracht hatte und das er während der Coronapandemie viele Wochen ganz allein durchzog, fiel weg. "Fast drei Wochen habe ich im Juli keinen Ball angefasst. Ich hatte mir eine Sehnenscheidenentzündung im rechten Arm zugezogen, musste pausieren. Beim Turnier in Litauen habe ich mich wegen der Schmerzen sogar auswechseln lassen, das habe vorher ich noch nie gemacht", berichtet der 24-Jährige und wirkt kurz vor dem Abflug nach Tokio sehr zuversichtlich. Im abschließenden Training mit den Bundesliga-Teamgefährten des Chemnitzer BC wagte er sich wieder an bestimmte Wurftechniken heran, blieb aber noch vorsichtig.

Nichts, aber auch gar nichts soll mehr dazwischenkommen, bis der Countdown für das deutsche Goalballteam beginnt. Bereits am Mittwoch steht gegen die Türkei die erste Vorrundenpartie auf dem Programm. "Ich fühle mich körperlich fit, und die Probleme sind bis dahin behoben", versichert Oliver Hörauf, der bis zuletzt spezielle Behandlungen bekam und selbst - so oft es ging - zu Hause den Arm kühlte. "Tiefkühlpackungen mit Erbsen oder Heidelbeeren eignen sich da am besten", erzählt er schmunzelnd.

Die gute Laune, mit der er meist daherkommt, war ihm dabei zwischenzeitlich schon abhandengekommen. Vor allem in der Zeit, als er noch nicht die Ursachen für seine Beschwerden kannte. Als dann nach einem MRT und der Untersuchung bei einem Handspezialisten am Paralympischen Stützpunkt in Rostock die Diagnose feststand, machte sich große Erleichterung breit. "Ich war ja auch selbst schuld, hätte eher reagieren sollen", ärgert sich der 1,94 Meter große Sachse, dass er die Ankündigungen zunächst nicht so richtig wahrnahm. Zudem hatte er in seiner Laufbahn noch nie mit ernsthaften Verletzungen zu tun, die ihn für längere Zeit ausbremsten. So konnte er in den zurückliegenden Jahren seine Fähigkeiten stetig verbessern, ist aus dem Nationalteam nicht mehr wegzudenken. Bundestrainer Johannes Günther bezeichnet ihn als Schlüsselspieler.


Bereits seit 2013 gehört Oliver Hörauf, der seit der Geburt stark sehbehindert (fünf Prozent, mit Brille acht) ist, der Auswahl an. Mit damals erst 17 Lenzen wurde er bereits in den Kader berufen. Seither war er bei allen Erfolgen dabei, dem Titel bei der Junioren-WM folgten Silber bei der EM 2018 und der WM 2019 sowie als das bisher Größte der EM-Titel 2019 vor heimischer Kulisse in Rostock. In Rio 2016 durfte er erstmals olympisches Flair erleben, mit Platz sechs behauptete sich das junge Team äußerst beachtlich. "Damals waren wir klare Außenseiter, hatten uns ja gerade so qualifiziert. Aber danach haben wir immer dazugelernt, uns als Truppe ständig weiterentwickelt", meint der angehende Ergotherapeut. Die Resultate bei den wichtigsten Meisterschaften bestätigen eindrucksvoll: Das deutsche Team ist in der internationalen Spitze längst angekommen. Nun soll die Krönung in Tokio folgen, am liebsten eine goldene. "Aber die Konkurrenz schläft auch nicht. Deshalb würde sich mit jeder Medaille ein Traum für mich erfüllen", sagt der Chemnitzer und will damit auch zu große Erwartungen ein wenig dämpfen, Schritt für Schritt an das Turnier herangehen.

Oliver Hörauf stammt aus dem Örtchen Wetro nahe Bautzen, ab der vierten Klasse wechselte er an die Schule für Blinde und Sehbehinderte im Förderzentrum von Chemnitz (SFZ) und kam da erstmals mit Goalball - als Unterrichtsfach - in Berührung. Aktuell liegen hinter ihm dabei turbulente Monate. Denn neben den intensiven Trainingseinheiten fast täglich absolvierte er das Abschlussjahr samt Prüfungen seiner Ausbildung zum Ergotherapeuten an der Fortis-Akademie. Ursprünglich bat er um die einjährige Verlängerung, um sich 2020 auf die Paralympics konzentrieren zu können. Durch die Verschiebung kam es zur Doppelbelastung, die er nun bewältigen musste. Außerdem zog er innerhalb von Chemnitz kürzlich noch um, wohnt jetzt gemeinsam mit seinem Teamgefährten Felix Rogge in einer WG.

Mit Blick auf die Zukunft durfte Oliver Hörauf bei der Verabschiedung noch eine sehr freudige Botschaft zur Kenntnis nehmen: Dirk Glowka, Geschäftsführer des SFZ, versprach in der Einrichtung eine berufliche Perspektive, die sich mit den sportlichen Ambitionen bestens vereinbaren lässt. Der nächste Olympiazyklus kann kommen ...


Goalball 

Goalball ist eine Ballsportart für blinde und sehbehinderte Menschen. Das Ziel des Spiels ist es, einen 1250 Gramm schweren Klingelball in das gegnerische Tor - jeweils 9 m breit und 1,30 m hoch - zu werfen. Dabei stehen sich die Teams (je drei Spieler) auf einem 9 m x 18 m großen Feld gegenüber. Eine Partie dauert 2x 12 Minuten.

Wegen der Chancengleichheit tragen alle Spieler lichtundurchlässige Brillen. Der Hartgummiball, in dessen Innerem Glöckchen zur akustischen Wahrnehmung sind, muss flach über den Boden geworfen werden. fp


Routinier vor Premiere

Felix Rogge (Foto) gehört zwar als 32-Jähriger zu den Ältesten im Goalballteam. Doch er erlebt in Tokio seine Paralympicspremiere. "Hauptsache, wir haben am Ende das Ding um den Hals - egal, welche Farbe", brachte er es auf den Punkt. Aktuell startet er noch für den Rostocker Verein, zu dem er 2019 wegen der optimalen Bedingungen am Paralympischen Stützpunkt gewechselt war. Auch die kommende Bundesligasaison nimmt er noch mit den Norddeutschen in Angriff, obwohl er kürzlich wieder nach Chemnitz gezogen ist und ab 2022 für den CBC spielt.

Der Auswahlspieler stammt aus der Nähe von Neubrandenburg, wegen seiner Sehschwäche (8 Prozent) besuchte er die Spezialschulen in Neukloster und Königs Wusterhausen, wo er auch mit Goalball in Berühung kam. Mit 14 Lenzen gewann er mit der Jugendnationalmannschaft WM-Gold, später bei den Männer 2007 EM-Bronze. Als die Paralympics 2008 verfehlt wurden, hörte er auf. 2010 kehrte er in die Auswahl zurück, doch 2012 folgte aus dem gleichen Grund wieder eine Pause. Als er 2016 im SFZ Chemnitz eine Ausbildung zum Fachinformatiker begann, wurde der sächsische Verein schnell seine neue sportliche Heimat. Seit 2017 gehört er wieder zum Nationalteam. mm


Paralympics: Fünf weitere Sachsen dabei

Triathlon: Martin Schulz (Foto): Auf dem Leipziger, dem seit der Geburt der linke Unterarm fehlt, ruhen erneut große Hoffnungen. Der Welt- und mehrfache Europameister hatte in Rio die paralympische Premiere im Triathlon gewonnen und untermauert seitdem mit Spitzenplatzierungen bei Welt- und Europameisterschaften seine Ansprüche auf das erneute Podium. Für den 31-Jährigen ist es nach London 2012 (Schwimmen) und Rio 2016 die dritte Paralympics-Teilnahme.

Dressurreiten: Steffen Zeibig: Der Dresdner, dem der rechte Unterarm, der rechte Unterschenkel und der linke Fuß fehlen, startet zum vierten Mal bei den Paralympics. Bei jeder seiner bisherigen Teilnahmen errang der 44-Jährige Edelmetall - jeweils Silber in der Mannschaft sowie Bronze 2016 im Einzelwettbewerb (Kür).

Sitzvolleyball: Alexander Schiffler: Der Dresdner (ein Unterschenkel amputiert) steht vor seinen fünften Paralympics. Damit ist er sächsischer Rekordhalter. Der 39-Jährige, mehrfacher WM- und EM-Medaillengewinner, gehörte somit auch jenem Team an, das 2012 Bronze gewann.

Florian Singer: Der 23-Jährige startet ebenfalls für den Dresdner SC, lebt mit zwei Klumpfüßen. 2019 gewann er mit der Mannschaft Bronze bei der EM. Er steht vor seiner Paralympics-Premiere.

Tom Wannemacher: Mit 17 Jahren ist der Leipziger der Jüngste im deutschen Team, feiert ebenfalls sein Debüt. Als Kind verlor er bei einem Verkehrsunfall das linke Bein. mm


Entscheidungen in 23 Sportarten

Insgesamt 134 Athleten mit Handicap sind aus Deutschland am Start

Historie: In Rom fanden 1960 die ersten offiziellen Spiele von Sportlern mit Behinderung statt. Die Anfänge sind auf das Krankenhaus "Stoke Mandeville" im südenglischen Aylesbury zurückzuführen. Der dort arbeitende Arzt Ludwig Guttmann rief am 28. Juli 1948 erstmals die sogenannten "Stoke Mandeville Games" aus. Erst 1988 in Seoul wurde der Begriff "Paralympics" offiziell eingeführt.

Sportarten: Es werden in Tokio Wettbewerbe in insgesamt 23 Sportarten ausgetragen, es stehen vom 24. August bis zum 5. September 539 Medaillenentscheidungen auf dem Programm. Para-Badminton und -Taekwondo erleben in Japan ihre Premiere.

Deutsches Team: Zum Aufgebot gehören 134 Athleten (58 Herren, 76 Damen). Dazu kommen zwei Guides in der Leichtathletik sowie ein Pilot im Radsport. Im Blindenfußball, Gewichtheben, Taekwondo und Rollstuhlrugby ist Deutschland nicht vertreten.

Debüt: Tim Focken wurde bei einem Einsatz als Fallschirmjäger 2010 in Afghanistan schwer an der Schulter verletzt. Der 36-jährige Sportschütze ist der erste einsatzgeschädigte Bundeswehrsoldat, der an den Paralympics teilnimmt. Bei der WM 2019 verfehlte er im Liegendschießen Bronze nur knapp.

Brüder: Zum ersten Mal in der Geschichte ist ein deutsches Geschwisterpaar bei beiden Spielen vertreten: Der 23-jährige Schwimmer Ole Braunschweig aus Berlin war bei den Olympischen Spielen am Start. Sein Bruder Malte (20) steigt bei den Paralympics im Tokyo Aquatics Centre ins Wasser.

Fernsehen: ARD und ZDF berichten live von den Paralympics. Zusätzlich zu den Fernsehübertragungen bieten beide Sender ausgewählte Livestreams von den verschiedenen Wettbewerben an. Über 60 Stunden Übertragung sind geplant. Startschuss ist am Dienstag, 24. August, um 13 Uhr mit der Eröffnungsfeier (ARD). Die Sendezeiten sind meist zwischen 9 und 13 sowie zwischen 14 und 15 Uhr. mm

www.sportschau.de

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