Abgezockt: Betrogene wird selbst zur Betrügerin

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Eine 67-Jährige geriet offenbar ins Netz eines Kriminellen - und plünderte Familie und Bekannte aus, um ihm Geld zu schicken.

Reichenbach/Auerbach.

Wie ein Häufchen Elend saß die Rentnerin aus Reichenbach am Mittwoch im Auerbacher Amtsgericht. Zwischendurch wischte sie sich die Tränen aus den Augen. Weinte sie wegen der eigenen Lage? Oder wegen der Menschen, die sie betrogen hat? Grund hätte die 67-Jährige zu beidem: Wie die Verhandlung ergab, lernte sie beim Kurzurlaub vor zwei Jahren in der Türkei einen angeblichen Österreicher kennen, mit dem sie seitdem permanent etwa per Whatsapp in Kontakt steht. Dieser Bekannte meldete sich dann aus einem Krankenhaus in Dubai: Er sei schwer krank, müsse mehrfach operiert werden, könne dies jedoch nicht bezahlen.

Tatsächlich schluckte die Vogtländerin den Köder dieses offensichtlichen "Liebesbetrügers" und überwies ihm immer wieder Geld - insgesamt etwa 50.000 Euro, wie sie vor Gericht kleinlaut zugab: "Er wollte es mir ja zurückzahlen, wenn er wieder gesund ist." Sie überwies Geld, dass sie gar nicht hatte, denn ihre Rente beläuft sich auf 770 Euro. Zunächst verkaufte sie ihren Schmuck. Dann plünderte sie das Konto, das sie gemeinsam mit ihrem Ehemann hatte - er trennte sich von ihr. Anschließend pumpte sie offenbar Mutter und Bruder, Freunde und selbst weitläufige Bekannte an.

Angeklagt war die Rentnerin zunächst wegen des Betrugs an zwei etwa gleichaltrigen Frauen: Im Krankenhaus hatte sie eine Zwickauerin kennen gelernt, von ihr lieh sie sich später 600 Euro - deren Urlaubsgeld. Das andere Opfer war eine frühere Klassenkameradin, die in Reichenbach wohnt und von der sich die Angeklagte 4000 Euro pumpte. In beiden Fällen gab es ordentliche Darlehensverträge, in beiden Fällen hielt sich die betrogene Betrügerin nicht daran: Irgendwann ging sie nicht mehr ans Telefon, Briefe kamen ungeöffnet zurück.

Ihren Opfern hatte die Angeklagte unter anderem vorgeflunkert, ihr Mann werde das gemeinsame Haus verkaufen - dann könne sie zurückzahlen. Dies stimmte ebensowenig wie die Behauptung, sie bekäme bald Geld von einer Versicherung. Inzwischen ging es ihr finanziell so schlecht, dass sie bei Globus in Weischlitz Lebensmittel stahl - und prompt ertappt wurde.

Wegen Betruges und Diebstahl wurde die bisher nicht vorbestrafte Angeklagte zu einer Geldstrafe von rund 2000 Euro - also fast drei Monatsrenten - verurteilt. Richter Helmut Böhmer würdigte zwar ihr "formales Geständnis", hielt aber auch fest: "Echte Schuldeinsicht und Reue kann ich nicht sehen." Zudem ordnete der Richter die Einziehung von 4600 Euro an, die den beiden betrogenen Frauen zurückgezahlt werden sollen. Dabei ist klar, dass bei der 67-Jährigen wohl nichts zu holen ist: Sie stottert andere Schulden in Zehn-Euro-Raten ab. Offenbar wird es weitere Strafverfahren geben. "Das heute ist nur die Spitze des Eisberges", erklärte die Staatsanwältin, und prophezeite: "Die Betrogenen sehen ihr Geld nie wieder."

Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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