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Eine besonders reizende Gesellschaft

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Die Skatrunde, die sich jeden Mittwoch im Ebersbrunner Gasthof "Zum Löwen" trifft, ist in die Sachsen-Oberliga aufgestiegen. Auch beim Skaten gibt es Nachwuchsprobleme.

Ebersbrunn.

Eine halbe Stunde vor Spielbeginn ist der Stammtisch im "Löwen" im Lichtentanner Ortsteil Ebersbrunn bereits besetzt. Die erste Runde Bier ist gezapft, das Karten-Set liegt noch verpackt auf dem Tisch, daneben auf einem kleinen Hocker ein Tablet. Dann wird es ja bald losgehen mit dem Reizen und Stechen, denkt der Gast und hat damit nicht ganz Unrecht. Allerdings sind 17 Uhr alle Tische im Gastraum besetzt, zwei weitere müssen aus dem benachbarten Saal herangetragen werden. "Rund 30 Spieler", stellt Präsident Hans Szelig zufrieden fest, "in der Regel sind wir so um die 20." Den landläufigen Begriff "Skatbrüder" verwendet er nicht, er wäre auch falsch. Denn immerhin drei Frauen finden sich regelmäßig zum Skat "beim Schmutzler Lothar" ein. Das ist der Wirt zwar nicht "seit Menschengedenken", wie ein Skatspieler einwirft, aber immerhin seit drei Jahrzehnten.

Und auch die verblüffend große Skatrunde trifft sich hier seit fast 30 Jahren. Gegründet hat sie sich 1994. Früher habe er mitgespielt, sagt der Wirt, aber inzwischen könne er sich als Chef nicht einfach mit an einen Tisch setzen. Dafür hat er zu gut zu tun. Aus den Anfangsjahren ist keiner mehr dabei. Und ein Blick in die Runde zeigt, dass die meisten Skatspieler schon älter sind. Nachwuchs gesucht, heißt es also auch beim Reizen. Dienstältester Spieler ist Paul Reinwald, bestätigt der Präsident.

Der Aufstieg von der Sachsen- in die Sachsen-Oberliga ist den Ebersbrunnern im Spätsommer gelungen. In beiden Ligen spielen 16 Mannschaften, für den Aufstieg muss man zu den besten drei Teams gehören. Es sei ein relativ schwieriges Reglement, verkürzt der Präsident die Erklärungsversuche einiger Spieler - im Wesentlichen aber vergleichbar mit den Fußball-Ligen. Fünf Spieltage sind übers Jahr verteilt, einer davon gilt als Heimspiel. Für den Austragungsort des fünften Spieltages kann man sich bewerben. Hans Szelig erinnert sich nur zu gern, als dieser im "Löwen" stattfand. Mehr als 60 Spieler waren dazu angereist. Nun also sächsisches Oberhaus. "Man ist leichter wieder ab- als aufgestiegen", weiß Szelig aus eigener Erfahrung.

Die Spielabende am Mittwoch gelten quasi als Training und natürlich dem Spaß an der Freude. Wer mehr davon haben möchte, trifft sich unter der Woche bei benachbarten Vereinen der Region, beispielsweise dem "Grandouvert" in Zwickau. Die aber spielen im Wortsinne in einer anderen Liga: Bundesliga.

Gespielt werden zwei Serien zu jeweils 48 Spielen, dazwischen gibt es eine Pause. "Wenn die Technik stimmt, sind wir ruckzuck durch", umschreibt Szelig die jeweilige Spieldauer an einem Mittwoch. Und da kommen anfangs erwähnte Tablets ins Spiel. Schreibblöcke und Bleistifte waren gestern, seit diesem Jahr sitzt sozusagen ein virtueller Kollege an jedem der Tische, der alles auflistet, was für das Spiel von Interesse ist. Selbst die Verlosung der Dreier- und Vierertische übernimmt er. Überdies hat der Wirt wie die meisten eine Art Skat-App auf seinem Smartphone und ist so selbst am Zapfhahn immer auf dem Laufenden.

"Heutzutage finden sich die wenigsten zusammen, die noch Skat können", beklagt der Präsident das Nachwuchsproblem und verweist auf eine vermeintlich "hohe Dunkelziffer im Internet." Die regelmäßigen Treffen seien aber sicher auch eine Zeitfrage, fügt er an. Wer glaubt, beim Skat schlage nur die eigene Bierrechnung zu Buche, irrt. Elf Euro sind jeden Mittwoch fällig, davon zehn Euro Preisgeld, 50 Cent für ein Grand Ouvert, weitere 50 Cent für die Tabletnutzung. Deren Anschaffung ermöglichten Sponsoren. Dazu kommt ein sogenanntes "Abreizgeld", beginnend mit 50 Cent, die sich aber steigern können. Eine "Fluch-Kasse", in der jeder einzahlt, der das Spiel mit unflätigen Bemerkungen kommentiert, haben die Ebersbrunner allerdings nicht. "Wäre aber vielleicht nicht schlecht", sagt der Präsident lachend.

Hans Szelig spielt seit seinem zwölften Lebensjahr - seit mittlerweile 60 Jahren. "Meine Frau wusste also von Anfang an Bescheid", meint er und lacht. Bücher könnte er wahrscheinlich darüber schreiben, mit welchen Charakteren er in diesen Jahrzehnten schon am Tisch saß. Ruhig bleiben und sich die Karten merken, mache einen guten Spieler aus, ist er überzeugt. Und immer wieder fällt dabei der Name von Ingo Münch, dem mehrfachen Deutschen Meister und Europameister vom Verein "Grand-Ouvert" in Zwickau. Er sei der Maradona der Skatspieler.

Gespielt wird mittwochs mit dem Altenburger Blatt, bei Punktspielen mit einem Vier-Farben-Blatt, einer Kombination aus französischem und Altenburger Blatt und seit 1994 das offizielle Turnierblatt des Deutschen Skatverbandes.

Die Frage, wie lange so ein Skatblatt im Einsatz ist, ist schnell beantwortet. "Die Karten werden jeden Abend weggeworfen, nicht erst seit Corona", sagt Schmutzler. Seit langem schmücken die Grand Ouverts eingerahmt hinter Glas nicht mehr seinen Gastraum. "Das war einmal." Und auch bei Hans Szelig zu Hause fristen die Erfolgsblätter nur noch ein Dasein auf dem Dachboden. "Irgendwann wurden es zu viele", sagt der Präsident.

Wer selbst einmal probieren möchte, wie gut er oder sie im Reizen und Stechen ist: Am morgigen Buß- und Bettag wird ab 17 Uhr in Ebersbrunn um den "Löwenpokal" gespielt.

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