Einer, der Weltoffenheit lebt

Forschung braucht internationalen Austausch. Ein Professor der Bergakademie lehrt sogar simultan auf Deutsch und Englisch. Nun leitet er zudem eine globale mathematische Wissenschaftsgesellschaft.

Freiberg.

Ein Drittel der Studierenden in den Vorlesungen "Analysis 3" und "Analysis 4" spricht kein Deutsch. Damit sie ihm dennoch folgen können, hat sich Michael Reissig angewöhnt, die Lehrveranstaltung simultan auf Deutsch und Englisch zu halten. "Ein paar Sätze auf Deutsch, dann auf Englisch. Das mache ich seit gut acht Jahren", sagt Reissig. Der gebürtige Hallenser ist Mathematik-Professor am Institut für Angewandte Analysis an der TU Bergakademie in Freiberg. Der internationale Austausch mit Wissenschaftlern wie Doktoranden, Studenten und Professoren ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. "Man muss sich mit anderen austauschen, sonst läuft die Forschung nicht", ist er überzeugt. Damit ihn Gäste verstehen, die selbst kein Deutsch sprechen, wechselt er die Sprachen. Auch auf Russisch kann er sich unterhalten.

Kürzlich hat die Bergakademie Pins mit dem Slogan der bundesweiten Aktion "Weltoffene Hochschulen gegen Fremdenfeindlichkeit" verteilt und demonstriert damit offen, was Rektor Klaus-Dieter Barbknecht in einer Rede 2017 betonte: "Fremdenhass, Demütigung von Minderheiten, menschenverachtende Redewendungen und Inhumanität haben an unserer Universität und generell an einer Universität des 21. Jahrhunderts nichts zu suchen." Er nahm damit Bezug auf Ein- und Ausreiseverbote für Wissenschaftler, die den Austausch behindern, aber auch auf vereinzelte Äußerungen von Politikern im In- und Ausland, hieß es in der Presseerklärung.

Den Pin trägt Michael Reissig am Revers. "Ich stehe für Weltoffenheit. Für mich ist es eine Lebensaufgabe, internationale Mathematiker zusammenzuführen, mit ihnen zu diskutieren, ihnen Wissen zu vermitteln", schildert Reissig. Gut 80 Gäste aus dem Ausland hatte er schon in seiner Arbeitsgruppe, die länger als einen Monat da waren. "Wenn sich jeder an die Spielregeln hält, klappt das gut", ergänzt er. Darunter versteht er beispielsweise Engagement, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit. Schlechte Erfahrungen habe er bislang nicht gemacht. Derzeit betreut er Doktoranden aus Algerien, Deutschland, Italien, China, Vietnam und der Türkei.

Auch er selbst ist viel im Ausland unterwegs; nun auch in seiner neuen Position als Präsident der Mathematischen Gesellschaft ISAAC (International Society for Analysis Its Applications and Computation). Im Spätsommer 2017 ist er auf dem elften ISAAC-Kongress in Schweden für zwei Jahre gewählt worden. Damit leitet er die Gemeinschaft von Wissenschaftlern, die sich auf das mathematische Forschungsgebiet Angewandte Analysis und deren Möglichkeiten der Simulation spezialisiert haben. Er repräsentiert 300Wissenschaftler weltweit, organisiert Treffen, Workshops, Konferenzen, auf denen sich Experten austauschen und damit ihre Forschungen gegenseitig voranbringen.

"Die Analysis findet beispielsweise Anwendung in der Biotechnologie oder auch im Ingenieurwesen. Mein Ziel ist es, die Kooperation von theoretisch orientierten Mathematikern mit anwendungsorientierten Mathematikern im Rahmen von ISAAC voranzubringen", sagt der 59-Jährige. Zudem will er junge Wissenschaftler als Mitglieder gewinnen. Sein nächster Termin: Die Auszeichnung zweier junger Mathematiker in Rostow am Don (Russland). Auch in Italien, Polen und Serbien hat er noch Termine.

"Mein eigener Doktorvater hatte damals schon Wert darauf gelegt, dass man ins Ausland geht", erzählt Reissig rückblickend. Während sich 1990 in Deutschland große gesellschafts-politische Änderungen vollzogen, forschte er in Moskau und in Tbilisi, später dann auch in Italien, Vietnam, Japan. Insgesamt hat er schon in 27 Ländern Vorträge über seine Forschungsgebiete gehalten. "Das öffnet einfach den Horizont. Man lernt viel dabei." Zum Beispiel, wie ein Japaner Nein sagt, ohne Nein zu sagen. Mittlerweile kennt er sich mit japanischen Gepflogenheiten aus - und beschäftigt sich selbst mit der japanischen Sprache.


"I love Eierschecke": Vier Doktoranden aus aller Welt erzählen

Alessandro Palmieri (27) aus Italien promoviert in Mathematik am Lehrstuhl für Angewandte Analysis an der TU Bergakademie in Freiberg. "Ich war das erste Mal im Jahr 2014 hier und habe in Freiberg meine Masterarbeit geschrieben", erzählt er auf Englisch. "Ich habe einige Deutschkurse besucht, aber das Deutschsprechen außerhalb der Uni ist sehr schwierig", räumt er ein.

Dao Tuan Anh (31) aus Vietnam promoviert seit Dezember 2016 an der Fakultät für Mathematik und Informatik in Freiberg. 2012 hat er Professor Michael Reissig in Vietnam getroffen. Nun ist er Teil von dessen Arbeitsgruppe. "Die Stadt Freiberg gefällt mir. Hier leben viele Vietnamesen. Nur das Wetter, der Winter und der Schnee gefallen mir nicht so sehr", erzählt er.

Halit Sevki Aslan (30) stammt aus der Türkei, hat dort Mathematik studiert und kam im März 2017 im Rahmen des studentischen Austauschprogramms Erasmus nach Freiberg. "In der Türkei bin ich mit meinem Thema nicht weitergekommen. Dann habe ich im Internet vom Forschungsfeld von Professor Reissig gelesen. Ich habe ihn angeschrieben, dann hat er mich als Doktorand hergeholt."

Wenhui Chen (23) aus China ist seit Herbst in Freiberg und ebenfalls Doktorand am Institut für Angewandte Analysis. "Freiberg ist gut zum Studieren. Es ist ruhig, man wird nicht so leicht abgelenkt", erzählt er. An der Bergakademie habe er ein passendes Promotionsthema gefunden. Dann sagt er: "Und das Essen hier ist gut. I love Freiberger Eierschecke." (cor)

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