Der amtierende Leiter der Oberschule Schönau/Siegmar, Karsten Schott, konnte zum neuen Schuljahr auf elf zusätzliche Lehrkräfte zurückgreifen.
Der amtierende Leiter der Oberschule Schönau/Siegmar, Karsten Schott, konnte zum neuen Schuljahr auf elf zusätzliche Lehrkräfte zurückgreifen. Bild: Toni Söll
Chemnitz
Abordnungen an Chemnitzer Oberschulen: „Meine Erwartungen sind übertroffen worden“

Freie Presse auf Google News folgen

Um den massiven Ausfall zu verringern, wurden Lehrkräfte von anderen Schulen abgezogen und vorrangig an Oberschulen geschickt. An der Oberschule Schönau/Siegmar hat das gefruchtet. Andernorts kommt es nun aber zu Ausfällen.

Chemnitz.

Es war wohl die ungewöhnlichste Lehrersuche, die es in Chemnitz je gegeben hat: Per Aushang an einer Tankstelle suchte der amtierende Leiter der Oberschule Schönau/Siegmar, Karsten Schott, im Frühjahr Physiklehrer. Weil sich in der Region nahezu keine ausgebildeten Fachkräfte für dieses Fach finden ließen, fiel an seiner Schule bis zum Sommer der Physikunterricht für die 8. und 9. Klassen aus. Die Tankstellen-Aktion war ein Hilferuf, ein „Akt der Verzweiflung“, der letztlich keine direkte Wirkung entfaltete.

Unterrichtsausfall ist seit Jahren das Kernproblem der sächsischen Bildungslandschaft. Dabei konzentrierte sich der Ausfall überwiegend auf eine Schulart: Während an Grundschulen und Gymnasien oftmals planmäßiger Unterricht stattfand, fiel an einzelnen Oberschulen der Stadt jede dritte Stunde aus. Hauptgrund dafür ist der Lehrermangel.

Weil absehbar nicht ausreichend Lehrkräfte vorhanden sind, griff das Kultusministerium zu Beginn dieses Schuljahres zu drastischen Mitteln: Hunderte Lehrkräfte wurden vorrangig von Gymnasien und Grundschulen an Oberschulen abgeordnet, zum Teil für einige Stunden, zum Teil komplett. Fast jede zweite der landesweit 290 Oberschulen profitierten davon.

Elf Abordnungen an eine Schule

„Meine Erwartungen sind übertroffen worden“, sagt Karsten Schott. Elf Lehrkräfte seien an seine Schule abgeordnet worden, einige davon aus dem Umland, beispielsweise Jahnsdorf und Beutha. Sie leisteten zusammen wöchentlich 74 Unterrichtsstunden. Dazu kam ein Seiteneinsteiger, der nun den zuvor ausgefallenen Physikunterricht abdecke. Fiel bis vergangenes Schuljahr wegen Lehrermangel (und auch Krankheit) jede vierte Stunde aus, sind es nun nur noch einzelne Stunden. „Unsere Schüler mussten über Jahre hinweg massiven Ausfall hinnehmen und haben jetzt eine volle Stundentafel verdient“, freut sich Schott. Leider weiterhin nicht angeboten werde eine zweite Fremdsprache, räumt er ein. Die sei für einen Wechsel ans Gymnasium aber auch nicht erforderlich.

Auch an anderen Oberschulen hat die Maßnahme des Landes offenbar durchgeschlagen. An der Alexander-von-Humboldt-Oberschule, an der in den vergangenen Jahren jede vierte Stunde wegen Lehrermangels ausfiel, sei man im neuen Schuljahr nun runter auf drei Prozent, sagt Thomas Brewig, Vorsitzender des Kreiselternrates. „Die Schulen, die aus dem Loch des Ausfalls rauskommen, sind positiv gestimmt.“ Die Schulleitung wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern.

Kürzungen nun auch an Gymnasien

Die Kehrseite: Einzelne Gymnasien, die bislang kaum Ausfälle zu verzeichnen hatten, müssen nun Lehrkräfte abgeben und kürzen deswegen ihre Stundepläne, beispielsweise in Chemie, Geografie und der zweiten Fremdsprache, hat Brewig von anderen Eltern erfahren. Die Schulleitungen seien bei der Unterrichtsplanung zusätzlich belastet. Insgesamt seien die meisten Eltern trotzdem „überwiegend einsichtig“, hat er beobachtet.

Dem Kreiselternratsvorsitzenden Thomas Brewig (Mitte) fehlt die Perspektive, wie es nach den Abordnungen weitergeht.
Dem Kreiselternratsvorsitzenden Thomas Brewig (Mitte) fehlt die Perspektive, wie es nach den Abordnungen weitergeht. Bild: Andreas Seidel/Archiv

Persönlich halte er den Schritt des Kultusministeriums für zu spät. „Er hätte früher kommen und von mehr Einstellungen flankiert werden müssen“, sagt Brewig. Außerdem frage er sich, wie es im übernächsten Jahr weitergehen solle. Die Abordnungen seien auf maximal zwei Jahre begrenzt, so der Kreiselternratsvorsitzende. Bis dahin gingen noch einmal hunderte Lehrkräfte in Rente. „Es fehlt die Perspektive. Die jetzige Gleichverteilung des Defizits ersetzt keine Lehrer.“ (lumm)

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
Genießen Sie Ihren geschenkten Artikel!
Das könnte Sie auch interessieren
16.06.2026
3 min.
Tanken in Tschechien: So viel sparen Autofahrer aktuell
Tanken in Tschechien: So viel sparen Autofahrer aktuell - Preisvergleich zwischen Annaberg-Buchholz und Vejprty: Nach dem Mittag können Autofahrer im Erzgebirge bis zu 33 Cent pro Liter Diesel sparen, wenn sie in Tschechien tanken.
Die sinkenden Ölpreise kommen nach und nach an den deutschen Zapfsäulen an. In Kürze droht allerdings ein Preissprung. Und wie sieht es derzeit an den tschechischen Tankstellen aus?
unseren Redakteuren
06:13 Uhr
3 min.
Bonnie Tyler und No Angels abgesagt: Zwickauer Open-Air-Sommer verliert zwei Top-Acts
Bonnie Tyler und No Angels abgesagt: Zwickauer Open-Air-Sommer verliert zwei Top-Acts - Die gute Stimmung auf der Freilichtbühne wird durch die Konzert-Absagen etwas getrübt.
Auf der Freilichtbühne am Schwanenteich sind laut einem Gerichtsurteil nur zehn Abendveranstaltungen im Sommer erlaubt. Drei Juli-Termine fallen weg. Lässt sich kurzfristig Ersatz finden?
Thomas Croy
13:45 Uhr
4 min.
Burgstädter Abiturientinnen erforschen deutsch-deutsche Liebesgeschichte
Burgstädter Abiturientinnen erforschen deutsch-deutsche Liebesgeschichte - Nelly Bretschneider und Hanna Naumann wurden für ihr Schülerprojekt am Gymnasium Burgstädt ausgezeichnet.
Drei Schülerinnen sind am Montag bei einem bundesweiten Wettbewerb zur deutschen Einheit ausgezeichnet worden. Warum ihr Projekt auch für Aha-Effekte sorgte.
Steffi Hofmann
13:45 Uhr
3 min.
20 Prozent der Deutschen fühlen sich stark gestresst
20 Prozent der Deutschen fühlen sich stark gestresst - Viele Menschen in Deutschland haben Stress. (Illustration)
Arbeiten, Familie, Geldsorgen: Besonders Frauen und Berufstätige geben an, besonders gestresst zu sein. Männer und Frauen nutzen verschiedene Strategien dagegen.
08.06.2026
3 min.
Immer weniger Schulanfänger in Chemnitz: „Kleinere Klassen für besseres Lernen nutzen“
Immer weniger Schulanfänger in Chemnitz: „Kleinere Klassen für besseres Lernen nutzen“ - Die zuletzt eher geburtenschwachen Jahrgänge erreichen die Chemnitzer Grundschulen. Dennoch sind viele Klassen recht voll.
Trotz Geburtenrückgangs weiterhin volle Klassenzimmer? Elternvertreter fordern die Schulbehörden auf, in ihrer Personalpolitik umzusteuern. Und sehen neue Chancen für eine erfolgreichere Bildung.
Michael Müller
01.04.2026
4 min.
Unterrichtsausfall in Chemnitz: Einstiges Sorgenkind sticht nun positiv heraus
Unterrichtsausfall in Chemnitz: Einstiges Sorgenkind sticht nun positiv heraus - Auch dank Abordnungen fiel an der Oberschule „Am Hartmannplatz“ zuletzt kaum noch Unterricht aus, sagt Schulleiter Tobias Sowade.
Bei ihrem Start fiel an der Oberschule am Hartmannplatz fast jede zweite Stunde aus. Nun findet nahezu der komplette Unterricht statt – auch dank Abordnungen. Deren Auswirkungen spürt man andernorts in negativer Hinsicht.
Benjamin Lummer
Mehr Artikel