Abgesang auf eine große Zeit

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Privatleute haben das Grab einer alten Handschuhmacherfamilie aus Johanngeorgenstadt restauriert. Es symbolisiert Anfang und Ende einer Ära: Levi Cohn begründete hier einst eine bedeutende Industrie. 150 Jahre später ist davon nichts geblieben.

Johanngeorgenstadt.

Es war die letzte große Adelsparty vor dem Ersten Weltkrieg. Am 24. Mai 1913 heiratete Prinzessin Viktoria Luise von Preußen, die Tochter des deutschen Kaisers Wilhelm II., den Welfenprinzen Ernst August von Hannover. Vertreter des europäischen Hochadels strömten nach Berlin. Ein Riesenspektakel. Zum ersten Mal in der Geschichte hielten Filmkameras eine Adelshochzeit fest. Zu ihrem Brautkleid trug die 20-jährige Hohenzollern-Prinzessin lange weiße Handschuhe - handgefertigt in Johanngeorgenstadt. Wie der Heimatforscher Frank Teller (†2016) herausgefunden hat, waren Viktoria Luises Brauthandschuhe in der La Tosca GmbH genäht worden, einer von gut zwei Dutzend Handschuhmacherfirmen auf dem Fastenberg.

Damals war Johanngeorgenstadt für feinste Lederhandschuhe weltbekannt. Ein Viertel der deutschen Handschuhproduktion stammte von hier. Die größten Betriebe unterhielten Verkaufsbüros in New York, London und Paris. 80 Prozent der in der erzgebirgischen Kleinstadt genähten Handschuhe wurden in die USA exportiert. Zeitweise arbeiteten mehr als 2500 Menschen in der Branche. In fast jedem Haus ratterte eine Nähmaschine, schrieb Frank Teller, denn alle Firmen beschäftigten zahlreiche Heimarbeiter.

Die Handschuhindustrie machte Johanngeorgenstadt bekannter, als es der Silberbergbau vermocht hatte. Erst die Wismut-Bergleute übertrafen die Handschuhmacher an Strahlkraft - im Wortsinn und nicht nur im Positiven. 2021 jährt sich die Eröffnung der ersten Handschuhfabrik in der Bergstadt zum 150. Mal. Der Mann, der damit eine Industrie begründete, hieß Levi Cohn, ein Jude, der 1868 aus Posen (damals Preußen, heute Polen) zugewandert war. "Das war wenige Jahre nach einem Stadtbrand", sagt Diethard Am-Ende (76), der sich mit Cohns Familie beschäftigt hat. "Er kam in eine Ruinenlandschaft und gab den Menschen Arbeit und neue Zuversicht."

Als Dank wurde Cohn 1901 der Albrechtsorden, eine der höchsten Auszeichnungen in Sachsen, verliehen. Die Stadt stiftete ihm 1918 ein Erbbegräbnis auf dem Friedhof: Drei mal drei Meter an der Nordmauer sind seitdem für die sterblichen Überreste von Angehörigen der Familie Cohn reserviert. Es ist ein Familiengrab ohne Ablaufdatum und zugleich ein Denkmal für verdienstvolle Bürger der Stadt, das sich zuletzt jedoch in einem verwahrlosten Zustand präsentierte. "Da war kein Stein mehr auf dem anderen", sagt Klaus Lange (68). Gemeinsam mit Diethard Am-Ende hat er die Grabstätte in Eigeninitiative restauriert.

Die beiden Männer entfernten büschelweise Unkraut, ließen die geborstenen Grabplatten kleben, brachten die verwitterte Friedhofsmauer in Ordnung. Unterstützt wurden sie von der Steinmetzfirma Slama aus Schwarzenberg, der Dachdeckerfirma Zimmermann aus Johanngeorgenstadt und dem städtischen Bauhof. Ein Jahr lang zogen sich die Arbeiten hin. Jetzt, zum Jubiläum der Handschuhindustrie in der Bergstadt, bietet die Grabstätte wieder einen würdigen Anblick. Es sei das Mindeste, was die Stadt für die Erinnerung an die Cohns, von denen heute keine lebenden Angehörigen in Deutschland mehr bekannt sind, tun kann, finden Am-Ende und Lange. "Ohne Levi Cohn und seinen Sohn Johannes Otto ging damals nicht viel", sagt Am-Ende. "Sie waren in fast allen Vereinen und spendeten eine Menge."

Dass Johanngeorgenstadt das 150er-Jubiläum nicht feiert, liegt daran, dass es auch eine Art Gegenjubiläum gibt: Vor 30 Jahren machte die letzte Handschuhfabrik dicht. Der VEB Erzgebirgische Lederhandschuhe, der im letzten Jahr der DDR noch 600 Menschen beschäftigte, stand 1991 zum Verkauf. Es fand sich kein Investor, 1992 schloss der Betrieb.

"Mit den Angeboten aus Fernost konnte die hiesige Handschuhindustrie preislich nicht mithalten", sagt Bürgermeister Holger Hascheck (SPD). "Dass Handarbeit ihren Preis hat, diese Erkenntnis hat sich erst in den letzten Jahren durchgesetzt." Für die Restaurierung der Grabstätte dankte er den Initiatoren. "Es ist ein Stück Stadtgeschichte. Durch die Zerstörungen in der Zeit des Uranbergbaus haben wir fast nichts mehr, das an unsere Handschuhindustrie erinnert." Ein einziges Gebäude aus der Blütezeit existiert noch, die ehemalige Lewinsohn-Fabrik an der Eibenstocker Straße. Zwei Gedenktafeln und vier Stolpersteine auf dem Gehweg erinnern an die von den Nazis ermordete jüdische Familie.

Und dann ist da noch ein Raum in der Heimatstube, dem inoffiziellen Stadtmuseum, das von einem Verein ehrenamtlich betrieben wird. Auf 25 Quadratmetern sind die Arbeitsgeräte eines Handschuhmachers und hunderte Handschuhe zu sehen. "Die ältesten Stücke sind vom Ende des 19. Jahrhunderts", sagt Rosmarie Hennig, die Leiterin der Heimatstube. "Ein Gönner hat sie für uns erworben. Der Verein hätte das nicht bezahlen können."

Die Exponate stammen aus der Werkstatt des letzten Handschuhmachers von Johanngeorgenstadt. Als Frank Zahor (82) 2014 in Rente ging, hatte er ein Kaufangebot aus Dresden, vermachte seinen handwerklichen Nachlass aber zu einem geringeren Preis der Heimatstube. "Ich wollte, dass wir wenigstens diese kleine Ausstellung behalten", sagt er. "Die Handschuhmacherei war mein Leben. Als junger Mann wollte ich Koch werden, aber mein Onkel ließ mir keine Wahl. Dafür bin ich ihm dankbar, denn dieses Handwerk hat mir viel Freude bereitet."

In Zahors Namen werden noch heute Handschuhe maßgeschneidert, allerdings in Schneeberg. Nils Bergauer, der dort unter der Marke "n.b. Zahor" produziert, entstammt einer Johann'städter Handschuhmacherfamilie. Er hat bei Frank Zahor gelernt und ist der allerletzte Funke des Feuers, das Levi Cohn entfachte.

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