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Pünktlich 22 Uhr ging das Licht an

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Bierdeckelgeschichten (3): Reiner Schreier erinnert sich, nur ein einziges Mal im Volkshaus Raschau gewesen zu sein. Doch dieser Besuch bleibt für ihn unvergessen.

Raschau.

Das Volkshaus Raschau gehörte nicht zu den von Reiner Schreier bevorzugt besuchten Lokalitäten in seiner Jugendzeit. Er sei dort auch nur ein einziges Mal zu Tanz gewesen, schreibt er in seinen Erinnerungen an "Freie Presse". Aber dieser Besuch sei unvergessen:

"Es war Samstag, der 14. Mai 1983, das Wochenende nach Christi Himmelfahrt. Ich war damals noch Student und am Wochenende durfte ich an meinem Elternhaus mit Hand anlegen, weil dies gerade umgebaut wurde. Am Abend zuvor war der Polterabend eines meiner besten Freunde. Mit entsprechender Müdigkeit begann für mich der Samstag. Zunächst habe ich mein Motorrad auf Vordermann gebracht, danach durfte ich noch Dachrinnen am Haus streichen. Dies war eine sehr abenteuerliche Arbeit, da ich nur mit einem Seil um die Hüften auf der Dachschräge lag und dabei noch den Farbtopf und den Pinsel halten musste. Entsprechend habe ich mich auch mit Farbe bekleckert.

Wir - eine Truppe von insgesamt sieben Leuten - hatten zum Polterabend vereinbart, dass wir am Samstag nach Grünhain zur Disco in den Kultursaal der VEM gehen wollten, und ich wurde ausgewählt, die entsprechenden Eintrittskarten zu beschaffen. Also machte ich mich, notdürftig gereinigt, aber immer noch mit farbverschmierten Händen, mit dem Motorrad in Richtung Grünhain auf. Von einer dort stattfindenden Disco war allerdings nichts zu sehen. So fuhr ich nach Raschau und sah am Volkshaus auf einen Aushang, dass ab 17 Uhr ,Maschine II' zum Tanz aufspielen würde. Ich bin dann zurück nach Elterlein gefahren und mit den anderen sechs zu beratschlagen, was wir nun tun.

Neben der Tatsache, dass wir jetzt nur noch fünf waren, wurde dennoch beschlossen, ins Volkshaus zum Tanz zu gehen. Nun fuhr ich also nach Raschau, um die Karten zu holen. Einen Vorverkauf der Karten gab es aber nicht. Mir gelang es dennoch, die Leute von der Ordnungsgruppe (die heute Security heißt), zu überzeugen, mir fünf Karten zu überlassen. Ich bezahlte also fünfmal 2,60 Mark, sollte die Karten aber erst in die Hand bekommen, wenn wir alle fünf auch dort erscheinen würden. Quasi als Quittung bekam ich den obligatorischen Disco-Stempel auf meine farbverschmierte rechte Hand gedrückt und fuhr wieder nach Elterlein.

Zu Hause habe ich mich gewaschen und die Hände mit Verdünnung gereinigt, aber so, dass möglichst wenig von dem Disco-Stempel dabei von meinem Handrücken verschwand. Mit etwas guten Willen war der Stempel noch zu erkennen.

Gereinigt begab mich zum vereinbarten Treffpunkt und traf dort auf Siggi, die Schwägerin von meinem Freund, und deren Freundin Anett (beides Studentinnen aus Leipzig). Mein Freund und seine fast Angetraute wollten nun doch nicht mitgehen. Dafür aber waren seine Schwester Anne und ihr Freund Karsten mit dabei. Darüber hinaus war noch eine Freundin von Anne mit ihrem Freund am Start, und in Schwarzbach sollte noch Thomas zu uns stoßen. Jetzt waren wir also acht Leute bei fünf reservierten Karten! Kurz vor 21 Uhr waren wir da.

Die fünf reservierten Karten lagen tatsächlich bereit, und mein kaum mehr zu erkennender Disco-Stempel wurde akzeptiert und erneuert. Die drei ,Überzähligen' durften auch mit rein, da sich zwei davon als Soldaten im Grundwehrdienst auf ,Heimaturlaub' ausweisen konnten. Gleichzeitig haben wir erfahren, dass die Tanzveranstaltung nur bis 22 Uhr geht. Zu trinken gab es auch nichts mehr. Wir beschlossen, diese letzte Stunde durchweg zu tanzen, was uns auch gelang.

In einer Pause der Band ging unser Karsten spontan auf die Bühne, schnappte sich ein Mikro und hat auf seiner Mundharmonika ein wenig Blues gespielt. Da sind die Massen nahezu ausgeflippt. Doch pünktlich 22 Uhr war Schluss, ging das Licht an und alle mussten raus ins Freie.

Wir haben uns dann in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine wollte nach Hause gehen, und die andere noch irgendwo etwas trinken. Mein Plan war, die Gaststätte ,Hirtbrück', die nur unweit vom Volkshaus war, aufzusuchen. Also hin, rein und Platz genommen. Umgehend kam auch ein Kellner mit Schlips und Kragen zu uns und es entspann sich etwa folgender Dialog:

Ober: ,Meine Herrschaften, ich mache Sie hiermit darauf aufmerksam, dass Jugendlichen unter 18 Jahren der Aufenthalt in Gaststätten nach 22 Uhr nicht gestattet ist.'

Ich: ,Das ist mir schon klar! Ein Bier und drei Limo bitte.'

Ober (zu Thomas): ,Darf ich Ihren Ausweis sehen!'

Thomas: ,Isch ho kenn miet.'

Ober: ,Sind Sie bereits 18 Jahre?'

Thomas: ,Naa, noch net.'

Ober (zu den beiden Mädels): ,Ihre Ausweise bitte!'

Siggi: ,Ich habe keinen dabei.'

Anett: ,Ich habe auch keinen mit, aber ich bin bereits 20 und die Siggi auch.'

Ober (zu mir): ,Können Sie sich wenigstens ausweisen?'

Ich: ,Ja natürlich, bitteschön.'

Ober: ,Ich stelle fest, dass Sie der einzige sind, der in diesem Lokal verbleiben darf.'

Ich: ,Dann verkaufen Sie uns wenigstens sechs Flaschen Brambacher über die Straße.' Mit sechs Flaschen Zitronenlimonade zogen wir schließlich wieder los in Richtung Elterlein." (mit matu)