Ein Schlaganfall hat Anja Dittrich aus Brand-Erbisdorf aus der Bahn geworfen. Mithilfe ihres Mannes Lukas kämpft sie sich zurück. Für „Leser helfen“ begleitet Reporterin Cornelia Schönberg die beiden.
Wenn sie gut drauf ist, knallt Anja ihrem Mann gern mal einen frechen Spruch an den Kopf. Lukas bringt das nicht aus der Ruhe, im Gegenteil: Er knallt ihr einen zurück - und beide lachen. Das Lachen übertüncht die Mühen des Alltags, die Schmerzen, den Stress.
Anja und Lukas Dittrich, ein Paar, das das Schicksal so hart getroffen hat, dass es Humor braucht, um nicht verrückt zu werden. Anja ist heute 38. Mit 36 fanden die Ärzte einen Tumor in ihrem Herzen. Mit 37 erlitt sie einen schweren Schlaganfall. Seitdem ist Anja halbseitig gelähmt. Weil ihr rechtes Auge betroffen ist, trägt sie eine Augenklappe.
Er pflegt seine Frau
Die beiden wohnen in einer kleinen Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Brand-Erbisdorf. Das Wohnzimmer ist Anjas Lebensraum - 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Für alles, was sie braucht und was sie tut, braucht sie Lukas - beim Waschen, beim Anziehen, bei jedem Meter, den sie sich bewegen will. Lukas ist 36, hat in der Gießerei im Ort gearbeitet. Den Job hat er gerne gemacht. Um Anja zu pflegen, hat er ihn vorerst aufgegeben. Jetzt versucht er, mit Pflegegeld und Bürgergeld über die Runden zu kommen.
Im August startete Lukas einen Spendenaufruf über die Crowdfunding-Plattform Gofundme, um sich und Anja den schwierigen Alltag etwas schöner machen zu können. „Freie Presse“-Reporterin Cornelia Schönberg hat die beiden besucht und von ihrem Schicksal berichtet. 4585 Euro sind seitdem gespendet worden. Das Geld wollen sie in eine barrierefreie Wohnung investieren. Wichtiger ist ihnen aber im Moment, mobiler zu werden. Aktuell nehmen sie den Stadtbus oder mieten einen Transporter, „was aber echt teuer ist“, sagt Lukas. Er fährt einen alten Kombi. Keine Chance, Anja da hineinzusetzen. „Wir brauchen dringend ein größeres Auto, in dem wir den Rollstuhl transportieren können“, sagt Lukas. „Braucht nicht neu sein, muss auch nicht schön sein, Hauptsache Anja und der Rollstuhl passen rein.“
Wenn die beiden einen Termin haben, müssen sie mindestens eine Stunde einplanen. „Waschen, anziehen, Haare kämmen“, zählt Lukas auf. Nebenbei zieht er seiner Frau die Socken an. Dann klingelt es an der Tür: Es ist David (33), der beste Freund und Nachbar von Anja und Lukas. Wenn er da ist, hilft er dabei, Anja in den Rollstuhl zu heben. Dafür stellt Lukas das Pflegebett flach, rückt den Rollstuhl neben das Bett und hilft Anja, sich aufzusetzen. Dann greift er ihr unter die Arme, hebt sie in den Rollstuhl und rückt sie zurecht, bis sie gut sitzt. Level 1 geschafft.
Einen Lift gibt es nicht
Die beiden wohnen im ersten Stock; einen Lift gibt es nicht. Also muss Lukas seine Frau nun umsetzen - in einen sogenannten Treppensteiger. Nur so kann er Anja Stufe für Stufe über die Treppe im Hausflur nach unten bringen. Für Lukas immer wieder heikel: Wenn er träumen und den Steiger nicht richtig festhalten würde, würde Anja die Treppe hinabrauschen. Deshalb macht er das nur, wenn eine zweite Person dabei ist, so wie David. Er hat derweil den Rollstuhl aus der Wohnung nach unten geschleppt. Level 2 geschafft.
45 Minuten - und noch nicht wirklich losgekommen
Um nun tatsächlich fortzukommen, zum Arzt, zum Optiker, zum Einkaufen, für einen Ausflug oder einen Besuch muss Anja vom Treppensteiger wieder in den Rollstuhl gehoben werden. Level 3. In 45 Minuten hat Lukas Anja nun dreimal umgesetzt - und sie sind noch nicht wirklich losgekommen.
Lukas ist ein pragmatischer Mensch. Was getan werden muss, wird getan. Für Anja tut er alles. Es ist ein kühler windiger Nachmittag. Lukas flitzt nochmal nach oben. Als er wiederkommt, hat er etwas leuchtend Grünes in der Hand. Anja bricht in schallendes Gelächter aus. Die grüne „Grinch“-Mütze hat Lukas ihr kürzlich geschenkt. Erst jetzt sind sie startklar für einen kleinen Spaziergang. (cor)







