Mit 38 kämpft Anja Dittrich aus Brand-Erbisdorf gegen die Folgen eines Schlaganfalls. Therapeuten wie Josefine Kurtz helfen ihr dabei. Doch Anja braucht noch etwas anderes.
Es war eine Nacht im Mai 2024. Anja war allein zu Hause, ihr Mann auf Nachtschicht. Plötzlich ging es ihr sehr schlecht. Mehr weiß sie nicht mehr. Als Lukas Dittrich in den Morgenstunden heimkam, fand er seine Frau regungslos. Notruf. Rettungswagen. Krankenhaus. Uniklinik: Mit 37 Jahren hatte Anja Dittrich aus Brand-Erbisdorf einen schweren Schlaganfall am Stammhirn erlitten.
Ein Schlaganfall kann das Leben von einer Minute auf die andere verändern. Laut der Stiftung „Deutsche Schlaganfall-Hilfe“ sind in Deutschland jedes Jahr rund 270.000 Menschen von einem Schlaganfall betroffen. Dabei wird das Gehirn „schlagartig“ nicht mehr mit ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt - mit weitreichenden Folgen.
Wie der Schlaganfall das Sehen beeinflusst
Anja ist seitdem halbseitig gelähmt. Atmen, Essen, Trinken, Sprechen: Alles musste sie neu lernen. Dass sie heute überhaupt im Rollstuhl sitzen kann, ist ein großer Fortschritt. Der Schlaganfall beeinflusst auch ihr Sehen. Die rechtsseitige Augen- und Gesichtsmuskulatur ist erschlafft. Dadurch sieht Anja Doppelbilder; das verursacht Übelkeit. Deshalb hat sie bislang ein Auge mit einer Augenklappe verdeckt. Die kann sie nun aber immer öfter weglassen: Anja hat eine speziell angepasste Brille bekommen. Die ist so verarbeitet, dass sie den Blick lenkt und Anja mit beiden Augen klar sieht. „Das ist schon anstrengend am Anfang. Aber nach und nach wird so das Auge trainiert“, erklärt Lukas. „Ich fühle mich wohl!“, sagt Anja. Es ist ein Stück Freiheit, das sie sich gerade zurückerobert. Ab und an trägt sie die Augenklappe noch, um sich auszuruhen.
Logopädin: Die Atmung muss trainiert werden
Um Freiheit und Selbstständigkeit kämpft sie Tag für Tag. Ihre größte Stütze ist ihr Mann Lukas (36), der sie motiviert, herausfordert, beruhigt, tröstet oder zum Lachen bringt. Kein Tag ist wie der andere. Mal ist sie gut drauf, mal schlecht. Mal fällt ihr das Sprechen leicht, mal schwer.
Josefine Kurtz weiß das. Sie ist Logopädin und hat Anja vor fünf Monaten als Patientin übernommen. Zweimal pro Woche arbeitet sie mit ihr. „Die Atmung macht noch Schwierigkeiten“, sagt die 29-Jährige. Wegen der halbseitigen Lähmung hatten die Ärzte Anja eine sogenannte Trachealkanüle gelegt. Das ist ein Schlauch, der nach einem Luftröhrenschnitt eingesetzt wird, um die Atmung zu ermöglichen oder zu unterstützen. Sie hält die Atemwege offen und leitet die Luft direkt zur Luftröhre. Diese Kanüle braucht Anja nicht mehr, „aber sie muss wieder lernen, durch die Nase zu atmen und tiefer zu atmen“, sagt die Therapeutin. Außerdem übt sie mit ihr die Artikulation von Wörtern, Reimpaaren und kurzen Sätzen. „Wir haben hier zum Beispiel ein Aufgabenblatt“, sagt sie, „und ich spreche vor und Anja spricht nach.“
„Man taucht doch sehr tief ins Private ein“
Josefine Kurtz hat schon vor Anja Schlaganfallpatienten betreut. „Aber ein junger erwachsener Patient mit so einer Erkrankung ist schon besonders“, sagt sie. Wenn Anja gut drauf ist, kann sie etwa zwei Minuten lang sprechen. „Sie hat sich schon ein bisschen gesteigert seit Juli. Fortschritte bemerkt man aber meist besser, wenn man sich längere Zeit nicht sieht“, sagt Josefine Kurtz. Deshalb mag sie das nicht bewerten. „Ich komme gerne her. Die beiden sind sehr freundlich, offen, positiv, unheimlich dankbar und verständnisvoll.“ Bei Hausbesuchen sei es wichtig, dass Patient und Therapeut auf einer Wellenlänge sind, sagt sie. „Man taucht doch sehr tief ins Private ein. Da braucht es Vertrauen.“
Neben Logopädie bekommt Anja auch Ergo- und Physiotherapie. Wichtig ist, dass sie so beweglich wie möglich bleibt und ihre Muskulatur trainiert. Dafür hat sie ein spezielles Trainingsgerät, mit dem sie die Beine oder die Arme trainieren kann. „Das macht sie fast täglich und dann auch mal bis zu einer Stunde am Tag“, sagt Lukas.
Damit die beiden mobiler sein können, ihre Termine bei Ärzten besser wahrnehmen können, brauchen Anja und Lukas ein größeres Auto - so groß, dass der Rollstuhl problemlos mitgenommen werden kann. Aktuell fährt Lukas einen alten Kombi, da passen Anja und der Rollstuhl nicht rein. Deshalb sind sie oft auf Hilfe von außen angewiesen oder müssen sich einen Transporter mieten. (cor)






