Half ein V-Mann bei NSU-Morden?

Ein Geheimdienst-Spitzel soll das untergetauchte NSU-Trio in seinen Firmen in Zwickau beschäftigt haben. Zudem mietete er zur Zeit zweier Morde Autos an. Was wusste V-Mann "Primus" vom Terror?

Zwickau/Chur.

Ralf Marschner hatte viele Namen. In der Zwickauer Neonazi-Szene hieß er bis zu seinem geheimnisumwitterten Verschwinden im Jahr 2007 "Manole". Beim Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) führte man ihn unter dem Tarnnamen "Primus" als V-Mann. Im Schlussbericht des ersten Bundestags-Ausschusses zum Terror des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) tauchte Marschner als "Q3" auf, als eine von drei im Papier dokumentierten Top-Quellen des Bundesamts. Ursprünglich hatte der Dienst die Passage über seine Quellen komplett aus dem Bericht getilgt sehen wollen, doch setzte der Ausschuss unter Leitung des früheren SPD-Abgeordneten Sebastian Edathy zumindest eine anonymisierte Veröffentlichung durch.

In der Zwickauer Neonazi-Szene war Marschner zuvor über Jahre einer der wichtigsten Männer gewesen. Seine Band "Westsachsengesocks" reihte sich ein in den Reigen rassistischer Musiker unterm Schirm der inzwischen verbotenen Vereinigung "Blood & Honour" (englisch für "Blut und Ehre", wie der Schriftzug auf der Gürtelschnalle der Hitlerjugend lautete - Anm. d. Red.). 1997 gründete Ralf Marschner in Zwickau auch einen Szene-Laden. Den taufte er "Last-Resort"-Shop, wiederum eine Verbeugung vor der "Blood-&-Honour"-Bewegung. "Last Resort" hatte jener Londoner Treff geheißen, in dem "Blood-&-Honour"-Gründer und Szene-Ikone Ian Stuart Donaldson seine rassistische Band "Skrewdriver" rekrutiert hatte.

Während "Manole" im Zwickauer "Last-Resort"-Shop bot, was Neonazi-Herzen höher schlagen ließ, eröffnete er mit einem Partner unweit des ersten Ladens eine weitere Boutique namens "Heaven & Hell". Dort gab es Klamotten für Hooligans. Von 2005 bis 2007 tauchte dort angeblich regelmäßig auch eine Frau auf, die inzwischen zweifelhafte Berühmtheit erlangte: Beate Zschäpe.

"Die kenne ich, da bin ich mir zu 100 Prozent sicher", so schilderte Ralf Marschners Co-Inhaber des Ladens seine erste Reaktion, als er nach Auffliegen des NSU-Trios im November 2011 Zschäpes Bilder in den Medien sah. So gab es der Mann in Vernehmungen durchs Bundeskriminalamt an. Ob die Frau, die er auf Zschäpes Foto wiederzuerkennen glaubte, als Kundin, als Marschners "Gespielin" oder als "Aushilfskraft" im Laden gewesen sei, mochte der Zeuge nicht einschätzen. Klar indes sei gewesen, dass "Manole" sie gut gekannt habe. Zwar verfolgten die Ermittler die Spur, indem sie Marschners einstige Belegschaft befragten, doch bestätigt fanden sie die Aussage, Zschäpe sei im Laden gewesen, nicht. Alles nur wichtigtuerische Schaumschlägerei?

Nach jetzigen Erkenntnissen von Dirk Laabs und Stefan Aust - Autoren des Buches "Heimatschutz - Der Staat und die Mordserie des NSU" - wohl nicht. Die beiden haben einen früheren Mitarbeiter des Zwickauer Baulöwen Kurt Fliegerbauer ausgemacht, der zeitweise mit einer weiteren von Ralf Marschner gegründeten Firma zu tun hatte. Die "Marschner-Bauservice" nahm bei Bauprojekten Abrissarbeiten vor. Der Zeuge, der nach Angaben von Laabs und Aust noch nie durch Ermittler vernommen wurde, hat auf Fotos von Uwe Mundlos diesen als früheren Mitarbeiter Marschners wiedererkannt. Konkret als den damaligen Vorarbeiter der Marschner Bauservice, mit dem er oft Absprachen getroffen habe. Als Uwe Mundlos habe er den Mann nicht gekannt, doch erkannte der Zeuge Mundlos' Tarnnamen wieder: Max-Florian B.

Dieser Name steht auf der Liste der Beschuldigten im NSU-Verfahren. Der echte Max Florian B. brachte das abgetauchte Trio Mundlos, Zschäpe und Uwe Böhnhardt 1998 über Monate in seiner Chemnitzer Wohnung unter. Außerdem verhalf er Mundlos dazu, Ausweispapiere mit seinem Namen, aber Mundlos' Foto beim Meldeamt zu beschaffen.

Dass er zeitweise einen Max-Florian B. beschäftigt habe, räumte Ralf Marschner bei seiner eigenen BKA-Vernehmung sogar ein. Allerdings beteuerte er, dass dieser seines Wissens nichts mit dem NSU zu tun gehabt habe. Auch seinen Bruder habe Max-Florian B. schon mal mit zur Arbeit gebracht, betonte Marschner in der Vernehmung, wie Laabs und Aust nun in der Zeitung "Die Welt" berichten. Dass Böhnhardt und Mundlos oft als Brüder ausgegeben wurden, haben mehrere Zeugen aus dem Kreis von Zwickauer Nachbarn des Trios im NSU-Prozess betont. Alles sieht danach aus, als ob der V-Mann des Bundesamtes für Verfassungsschutz nicht nur Zschäpe, sondern zeitweise das komplette abgetauchte NSU-Trio bei sich jobben ließ. Zschäpe gegebenenfalls bis 2007. Ab Juli 2007, zwei Monate nach dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn, verschwand Marschner aus Zwickau und gilt als "unbekannt verzogen".

Angesichts der "neuen Erkenntnisse" müsse man dem V-Mann "Primus" im Ausschuss "dringend nachgehen". Das sagte Edathy-Ausschuss-Mitglied Eva Högl (SPD) bereits vor drei Jahren gegenüber der "Freien Presse". Doch brachte auch die folgende Vernehmung des V-Mann-Führers von "Primus'" nicht wirklich Licht ins Dunkel. Das jetzige neue Wissen macht die damaligen Fragen umso drängender: Wie viel wusste V-Mann "Primus" vom NSU? Wie viel von dessen Treiben? Und wie viel von diesem Wissen drang bis zum Bundesamt?

Noch vor Beginn des NSU-Prozesses zog sich die Indizienkette um den Hals von V-Mann "Primus" noch ein Stück weiter zu. Im April 2013 berichtete die Online-Plattform des "Spiegel" aus Ermittlungsakten, V-Mann "Primus" habe zu den Zeiträumen zweier der sogenannten Ceska-Morde Fahrzeuge gemietet gehabt.

Die Verträge der betroffenen Autovermietung liegen der "Freien Presse" ebenfalls vor. Die Zeiträume, zu denen Ralf Marschner alias "Primus" Fahrzeuge mietete, decken sich mit dem Mord am Nürnberger Schneider Abdurrahim Özüdogru im Juni 2001 und dem am Gemüsehändler Habil Kilic im August 2001 in München, also dem zweiten und vierten Mord der dem NSU zugeschriebenen Serie. In seiner Vernehmung bestritt Marschner, dem NSU Fahrzeuge für Mord-Ausfahrten zur Verfügung gestellt zu haben. Die zu entsprechenden Fernfahrten passenden Kilometerstände erklärte er mit einem Verweis auf seine Baufirma. Mitarbeiter hätten zu Einsatzorten transportiert werden müssen.

Auf Anfragen, die die "Freie Presse" seit Februar 2013 per Mail, über Marschners Skype-Adresse und telefonisch an den früheren V-Mann richtete, reagierte dieser bis heute nicht. Nach "Freie Presse" vorliegenden Informationen lebt der Ex-V-Mann nach zeitweisen Stationen in Irland und Österreich nun im Schweizer Ort Chur.

Dirk Laabs machte ihn jetzt nahe der Schweizer Grenze in Liechtenstein ausfindig, wo Marschner laut Laabs einen Antiquitätenhandel betreibt. Vor laufender Kamera konfrontierte Laabs Marschner mit der Frage, ob er Uwe Mundlos beschäftigt habe. Mit übergezogener Kapuze wich Marschner aus und wurde handgreiflich. Immerhin wäre der Frage, ob er Mundlos, ob er das Trio beschäftigte, zwangsläufig auch jene weitere gefolgt: Wie viel wussten Sie von den Taten des NSU? Dazu gibt es bisher nur Indizien.

Da sind die Kontakte, die Marschner schon 2000 zu mutmaßlichen Helfern des Trios hatte, etwa zum Chemnitzer "Blood-&-Honour"-Kopf Jan W. Dieser sollte dem im Januar 1998 abgetauchten Trio angeblich eine erste Schusswaffe besorgen. Jan W. betrieb damals eine Firma für die Produktion rechtsextremer Platten und war 2000 maßgeblich für die Herstellung der CD "Ran an den Feind" der später als kriminelle Vereinigung verbotenen Band "Landser" verantwortlich. Bei der Produktion des "Landser"-Albums gaben sich Helfer und Kontaktpersonen des Terrortrios die Klinke in die Hand. Für den Vertrieb der "Landser"-CD holte Jan W. auch Ralf Marschner ins Boot. Als man die CD-Macher später vor Gericht stellte, wurde das zunächst auch gegen Marschner eingeleitete Verfahren aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen eingestellt.

Das mysteriöseste Indiz aber tauchte Tage nach Auffliegen des NSU im November 2011 an der Zwickauer Kreisigstraße auf, konkret im rechten Szene-Laden "Eastwear": Das Bekennervideo mit der Trickfilm-Figur "Paulchen Panther", das der NSU gefertigt hatte, war soeben bekannt geworden, da fiel in der Auslage besagten Ladens ein T-Shirt mit eben diesem rosaroten Panther über dem Schriftzug "Staatsfeind" auf. Auf Anfrage der "Freien Presse" gab das Personal an, das Shirt habe sich schon lange im Sortiment befunden. Es sei als Muster zugesandt worden. Dass das Shirt schon vor Bekanntwerden des NSU-Videos vorhanden war, mache es zum Indiz, urteilte der Kriminologe Christian Pfeiffer 2012 gegenüber der "Freien Presse". Ein Indiz für Vorab-Kenntnis des Videos in der Nazi-Szene. "Es liegt nahe, dass ein erweiterter Kreis den Film vorab gesehen hat. Worin liegt der Sinn, so detailverliebt ein Video herzustellen und dann keinem zu zeigen?", sagte Pfeiffer.

Dass das T-Shirt ausgerechnet im Szene-Laden "Eastwear" auftauchte, könnte mehr als Zufall sein. Schließlich hieß der Shop nicht immer so. Bis 2007 war es der "Last Resort"- Shop - gegründet von V-Mann "Primus".

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