Deutschland
Kubicki gewinnt Kampfabstimmung um FDP-Vorsitz

Freie Presse auf Google News folgen

Die FDP ist noch für Überraschungen gut. Beim Bundesparteitag kommt es völlig unerwartet zu einer Kampfabstimmung. Wolfgang Kubicki gegen Marie-Agnes Strack-Zimmermann heißt die Alternative.

Berlin.

Wolfgang Kubicki ist neuer Bundesvorsitzender der FDP. Der bisherige Vizechef der Liberalen setzte sich beim Bundesparteitag in Berlin in einer Kampfabstimmung gegen die überraschend kandidierende Europapolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann mit 59,27 Prozent durch. Auf Kubicki entfielen 390 der 658 gültigen Delegiertenstimmen, auf Strack-Zimmermann 259 Stimmen. 

Die aus Nordrhein-Westfalen kommende Strack-Zimmermann war erst unmittelbar vor den Wahlen von 33 Delegierten nominiert worden. Sie überraschte damit den Schleswig-Holsteiner Kubicki, der seine Kandidatur schon vor Wochen bekanntgegeben hatte.

Strack-Zimmermann begründete ihren Schritt mit der Enttäuschung vieler Mitglieder über den Rückzieher des NRW-Landesvorsitzenden Henning Höne für den Posten des Bundesvorsitzenden. Sie kritisierte den teilweise hämischen Umgang mit Höne in sozialen Medien im Vorfeld des Parteitags.

Strack-Zimmermann kritisiert Brandmauerdebatte

Hart ging die Europaabgeordnete mit der von Kubicki und seinem designierten Generalsekretär Martin Hagen wegen der auch von ihnen geführten "unsägliche Brandmauerdebatte" ins Gericht. Es gebe in Bund und Ländern überhaupt keine Konstellation, in der diese Frage relevant wäre. 

Allerdings hatte auch Kubicki zuvor eine Kooperation mit der AfD klar abgelehnt. "Es wird mit Liberalen nie eine Zusammenarbeit mit der AfD geben, niemals." Kubicki rief die FDP zu Geschlossenheit auf. "Unser politischer Gegner steht außen und nicht innen", betonte er.

Zweiter personeller Neuanfang innerhalb eines Jahres

Die FDP vollzieht mit der Wahl Kubickis nach einer Serie von Wahlniederlagen einen personellen Neuanfang - den zweiten innerhalb von zwölf Monaten. 

Nach dem Scheitern der Liberalen an der Fünf-Prozent-Hürde bei der Bundestagswahl im Februar 2025 war der frühere Fraktionschef Dürr an die Spitze der Partei getreten. Ihm gelang es aber nicht, das Ruder herumzureißen. In diesem Jahr kassierte die FDP bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bittere Niederlagen. In beiden Ländern kamen sie nicht mehr in den Landtag. Daraufhin traten Präsidium und Bundesvorstand zurück. 

Dürr attackiert zum Abschied die Regierung Merz 

Dürr verabschiedete sich mit scharfer Kritik an der schwarz-roten Bundesregierung von der Spitze seiner Partei. Er warf Union und SPD eine maßlose Schuldenpolitik und fehlenden Reformwillen vor. Nach einem Jahr Amtszeit von Kanzler Friedrich Merz (CDU) stecke Deutschland mehr denn je in einer wirtschaftlichen Krise und habe die unbeliebteste Regierung in seiner Geschichte. "Nach nur einem Jahr schon unbeliebter zu sein als Olaf Scholz am Ende seiner Amtszeit, das muss man erst mal hinkriegen", sagte Dürr mit Blick auf den amtierenden Kanzler und seinen Vorgänger. 

Die Europapolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann kandidierte überraschend für den FDP-Vorsitz
Die Europapolitikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann kandidierte überraschend für den FDP-Vorsitz Bild: Michael Kappeler/dpa

Dürr verzichtete auf einen Rückblick auf seine wenig erfolgreiche Amtszeit und auf Selbstkritik. Auch den Delegierten war nicht nach einer Abrechnung mit der bisherigen Parteispitze zumute.

Lange Abgeordnetenjahre im Kieler Landtag und im Bundestag

Mit Kubicki wählten die Delegierten zwar jemanden zum Vorsitzenden, der nicht gerade ein Signal für einen Generationenwechsel ist - der aber über jahrzehntelange politische Erfahrung verfügt. Der neue Parteichef trat 1971 in die FDP ein. Von 1989 bis 1993 war er Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein, seit 2013 war er stellvertretender Bundesvorsitzender. 

Kubicki saß von 1992 bis 2017 im Landtag von Schleswig-Holstein. Dem Bundestag gehörte er von 1990 bis 1992, kurz von Oktober bis Dezember 2002 und dann von 2017 bis 2025 an. In diesen acht Jahren war er auch Vizepräsident des Bundestags.

Mit seiner politischen Erfahrung und seinem hohen Bekanntheitsgrad warb Kubicki auch bei seiner Kandidatur für sich. Der Golfspieler, Motorbootbesitzer und Weißweinfreund versteht sich darauf, provokant zu formulieren und Schlagzeilen zu liefern. So nannte er jüngst Kanzler Merz einen "Eierarsch", nachdem der CDU-Chef die FDP für politisch tot erklärt hatte. 

Wachwechsel bei der FDP: Auf Christian Dürr folgt Wolfgang Kubicki an der Spitze der Partei
Wachwechsel bei der FDP: Auf Christian Dürr folgt Wolfgang Kubicki an der Spitze der Partei Bild: Michael Kappeler/dpa

Erste Bewährungsproben schon bei Wahlen im Herbst

Die neue Führungsmannschaft wird nur für ein Jahr gewählt. Seine erste Bewährungsprobe hat das Team Kubicki bereits im September vor sich. Dann werden in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin neue Landesparlamente gewählt.

In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt sitzen die Freien Demokraten noch in den Landtagen, in Magdeburg gehören sie sogar der Landesregierung an. In allen drei Ländern liegt die FDP aktuell in den Meinungsumfragen aber bei unter 5 Prozent.

Noch wichtiger werden die Landtagswahlen im April kommenden Jahres in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen sein. Schleswig-Holstein ist die Heimat von Kubicki, NRW die von Höne, der eigentlich selbst neuer Bundesvorsitzender werden wollte, aber zugunsten von Kubicki zurückzog und nun als dessen Stellvertreter kandidierte. Misserfolge in beiden Ländern würden die neue FDP-Spitze stark beschädigen. (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
Das könnte Sie auch interessieren
16:59 Uhr
3 min.
Ukrainerin gegen Russin: Wenn Politik den Sport überlagert
Ukrainerin gegen Russin: Wenn Politik den Sport überlagert - Beim Tennismatch der Russin Diana Schnaider (l) gegen die Ukrainerin Oleksandra Olijnykowa ging es um mehr als nur Sport.
Kein Handschlag, schwere Vorwürfe, viele Ausflüchte: Beim Tennismatch der Ukrainerin Olijnykowa gegen die Russin Schnaider ging es nicht nur um Sport.
17:11 Uhr
4 min.
Hutzenstammtisch mal anders: Wie in Plauen und Zwickau Menschen „umgarnt“ werden sollen
Hutzenstammtisch mal anders: Wie in Plauen und Zwickau Menschen „umgarnt“ werden sollen - Anna Menzel ist künstlerische Projektleiterin am Theater Plauen-Zwickau, Kornelius Luther leitender Schauspieldramaturg.
Vier Jahre lang dauert ein Projekt, das Menschen im ländlichen Raum zusammenführen soll. Geplant ist ein Hörspaziergang zum Thema Bäckereien. Dessen Premiere ist an einem besonderen Tag vorgesehen.
Sabine Schott
29.05.2026
4 min.
Rumpelbräu in Holzhau: „Ich wollte einen Ofen kaufen und kam mit einer Brauerei wieder“
Rumpelbräu in Holzhau: „Ich wollte einen Ofen kaufen und kam mit einer Brauerei wieder“ - Die Braukessel vom Rumpelbräu betreut nun Daniel Wolfram (mit Ehefrau Christin Wolfram).
In der Mini-Brauerei Rumpelbräu bei Rechenberg-Bienenmühle gibt es einen Betreiberwechsel. Die Neuen haben beim alten Brauer gelernt - und wissen auch sonst, wie die Dörfer am Erzgebirgskamm ticken.
Siiri Klose
15.05.2026
4 min.
FDP-Vorsitz läuft auf Kubicki zu - Höne zieht zurück
FDP-Vorsitz läuft auf Kubicki zu - Höne zieht zurück - NRW-FDP-Landeschef Henning Höne will nicht mehr Bundesvorsitzender werde. (Archivbild)
FDP-Landeschef Höne verzichtet auf seine Kandidatur für den Bundesvorsitz der Liberalen. Er will nur noch Vize werden. Damit scheint der Weg für den FDP-Haudegen Kubicki an die Parteispitze frei.
Dorothea Hülsmeier und Ulrich Steinkohl, dpa
10.05.2026
4 min.
Kubicki oder Höne - Bewerber um FDP-Vorsitz werben für sich
Kubicki oder Höne - Bewerber um FDP-Vorsitz werben für sich - Wolfgang Kubicki und Henning Höne kandidieren gegeneinander für den FDP-Parteivorsitz
Wer kann die angeschlagene FDP retten? Zwei Bewerber gibt es für den Parteivorsitz. Bei einer Vorstellungsrunde der Kandidaten werden schnell die Unterschiede deutlich. Gewählt wird in drei Wochen.
06:11 Uhr
2 min.
Pawlow-Hotel im Erzgebirge eröffnet: So startet das neue Vier-Sterne-Haus
Pawlow-Hotel im Erzgebirge eröffnet: So startet das neue Vier-Sterne-Haus - Betreiber Gregor Kumberger junior und senior sowie Hotelleiterin Melanie Walther durchschneiden ein Band zur Eröffnung des Pawlow-Hotels in Warmbad.
„Aufgeben war für uns keine Option“, sagt Investor Kumberger. Hinter der Eröffnung des Pawlow-Hotels in Warmbad liegen jahrelange Sanierungsarbeiten. Nun soll das Haus neue Gäste in den Kurort locken.
Mike Baldauf
Mehr Artikel