Stuttgarter Ausschuss hinterfragt Chemnitzer NSU-Kontakte

Ein Verbindungsmann der Neonazi-Szenen in Sachsen und Schwaben soll offene Fragen zum Mord an der Polizistin in Heilbronn beantworten.

Stuttgart/Chemnitz.

Mit offenen Türen stand der Streifenwagen am Rand der Theresienwiese. Der Körper der sterbenden Polizistin Michèle Kiesewetter (22) hing zur Fahrerseite aus dem BMW, der ihres verletzten Kollegen an der Beifahrertür. Warum aber fuhren Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, denen man den Überfall vom 25. April 2007 inzwischen zuschreibt, weil man bei ihren eigenen Leichen Jahre später die entwendeten Dienstwaffen der Polizisten fand, an jenem Tag im April 2007 von Heilbronn aus nicht zurück nach Sachsen?

Wohin, konkreter zu wem führte ihr Weg? Dieser Frage ging in dieser Woche der baden-württembergische Untersuchungsausschuss zum Rechtsterrorismus des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) nach. Anders als die Bundesanwaltschaft im Münchner NSU-Prozess sieht der Ausschuss Anhaltspunkte für Verstrickungen weiterer Personen in den Überfall. Fakt ist: Am 25.April 2007 wählten Mundlos und Böhnhardt weder den Weg nach Zwickau zum damaligen Unterschlupf, noch Richtung Chemnitz, wo ihr Wohnmobil gemietet worden war. Statt auf der A 81 nach Norden und dann gen Osten zu fahren, lenkten sie ihr Fahrzeug nach Südosten in die schwäbische Provinz.

Das weiß man, weil der Polizistinnen-Mord auf dem belebten Heilbronner Festplatz binnen Minuten entdeckt worden war und eine Ringfahndung ausgelöst hatte. Zwischen 14.30 Uhr und 14.37 Uhr passierte ein Wohnmobil mit dem Kennzeichen "C-PW 87" eine Kontrollstelle der Fahnder im 21 Kilometer vom Tatort entfernten Ort Oberstenfeld. Wie sich erst Jahre später bei den NSU-Ermittlungen herausstellte, hatte Uwe Böhnhardt unter dem Alias Holger G. dieses Fahrzeug bei der Autovermietung Horn gemietet.

In dieser Woche fühlte der Ausschuss Andreas G. auf den Zahn, dessen Adresse man als mögliches Ziel der Uwes an jenem Tag für möglich hält. Niemals habe er in Oberstenfeld gewohnt, betonte der Zeuge im Stuttgarter Ausschuss, musste aber einräumen, dass sein damaliger Wohnort Remshalden genau auf der verlängerten Linie der Richtung lag, die Böhnhardts Wohnmobil am Tag des Mordes genommen hatte. Auch wohnten mehrere seiner Szenefreunde im besagten Oberstenfeld.

Andreas G. war im Januar 2012 im Zuge der NSU-Ermittlungen einer der ersten Kontaktleute aus dem NSU-Umfeld gewesen, die per Razzia Besuch bekamen - nicht nur wegen seiner sächsischen Wurzeln.

Andreas G., genannt "Mucke", stammte aus jener Chemnitzer Skinhead-Szene, die Mundlos, Böhnhardt und Beate Zschäpe 1998 beim Abtauchen in Chemnitz geholfen hatte. Laut Melderegister hatte Andreas G. anderthalb Jahre im Plattenbau Friedrich-Viertel-Straße 85 gewohnt, in dem so viele Szenefreunde eine regelrechte Neonazi-Hausgemeinschaft etabliert hatten. Im selben Gebäude hatte Szenekollege Thomas R. Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe den ersten Chemnitzer Unterschlupf geboten. Andreas G. hatte bisher stets bestritten, das Trio je gesehen zu haben. Und nicht nur das, selbst den Nachbarn und Gesinnungskameraden Thomas R. wollte er in bisherigen Vernehmungen gar nicht gekannt haben. In dem Punkt klopfte ihn der Ausschuss diese Woche weich. Thomas R. habe er nur unter dessen Spitznamen "Dackel" gekannt, versuchte "Mucke" ihm bohrend vorgehaltene Widersprüche zu erklären. Auch Beate Zschäpe ab und an getroffen zu haben, gab er zu. Immerhin war diese vorm Abtauchen mit seinem Chemnitzer Szenefreund Thomas S. liiert gewesen. Was die beiden Uwes betraf, blieb Andreas G. vorerst eisern. Die habe er nie getroffen. Dass er von Mundlos selbst in dessen Korrespondenz als Bekannter genannt wird, könne er nicht erklären, sagte G. Ebenso wenig, warum mehrere Szene-Angehörige in ihm jene Person wiedererkannt haben, die auf einer NPD-Schulung im Januar 2000 im thüringischen Eisenberg verschwörerisch erzählt haben soll, dem aus Jena abgetauchten Trio gehe es gut. "Empörend, dass diese Kamelle immer wieder vorgeholt wird", schimpfte Andreas G. und beharrte, es müsse eine Verwechslung vorliegen. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) hielt dagegen, dass die Zeugen Andreas G. auf Fotos klar identifiziert hätten.

Ein Jahr nach besagter NPD-Schulung zog Andreas G. laut Melderegister nach Baden-Württemberg. Hatte er in Chemnitz in der lokalen Rechtsrock-Band "Auf eigene Gefahr" (AEG) Gitarre gespielt, stieg er in Baden-Württemberg als Gitarrist der Band Noie Werte, die zuvor immer wieder in Chemnitz aufgetreten war, in eine neue Liga auf. Noie Werte (2010 aufgelöst) spielten sich binnen 20 Jahren in den Rang einer nationalen Szene-Kultband. Zwei ihrer Lieder - "Kraft für Deutschland" und "Am Puls der Zeit" - fanden NSU-Ermittler später als Hintergrundmusik auf zwei Vorläufer-Versionen des Bekennervideos zur NSU-Mordserie. Ein Zeuge betonte, die Qualität dieser Aufnahmen sei derart klar, dass sie sogar von Originalbändern stammen könnten. Solche Vorwürfe wies Andreas G. im Ausschuss erneut zurück. Wie die Autoren der NSU-Bekennervideos darauf gekommen seien, Noie-Werte-Titel zu verwenden, könne er nicht erklären.

Just vor Andreas G. war Noie-Werte-Bassist Oliver H. vernommen worden. Auch er hatte angeblich keine Erklärung - und wurde bei manchen Fragen regelrecht fuchtig. Es half ihm nichts: Auf dem Cover eines der fraglichen Noie-Werte-Alben hatte die Band explizit viele nachweisliche Chemnitzer Szene-Kontaktleute des NSU-Trios in ihren Grüßen benannt. Auch grüßten Noie Werte auf dem Cover noch einen "Uwe" aus Mitteldeutschland. Wer damit gemeint war? Diese Antwort blieb Oliver H. schuldig.

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