Wenn Kinder missbraucht werden

Hinter jedem Foto steckt ein Missbrauch: Millionenfach sind kinderpornografische Bilder und Videos im Internet zu finden. Fotografiert und gefilmt wird auf einem Campingplatz in Deutschland, in Wohnzimmern oder Kellern irgendwo auf der Welt. Selbst Babys sind unter den Opfern.

Rostock.

Schmal ist der Raum, nüchtern, nichts lenkt ab. An der Wand hängt eine rote Alarmlampe. Sie hat zwar keine Funktion, scheint aber ein Symbol zu sein - für die Arbeit, die hier geschieht. Auf jedem Schreibtisch stehen drei Monitore. Auf diesen sehen sich die vier Ermittler der Kriminalpolizeiinspektion Rostock oft unerträgliche Bilder an. Die Abteilung ist klein, ihr Aufgabengebiet, die Kinderpornografie, erscheint unermesslich groß. "Wir stehen einem riesigen Berg gegenüber", sagt Matthias Ritter. Der Kriminalhauptkommissar denkt dabei an die weltweit wohl in die Millionen gehende Anzahl von Tätern.

Jeder Beamte in der Ostseestadt, ausgestattet mit Expertenwissen im IT-Bereich und einer ordentlichen Portion psychischer Stabilität, kann auf einem Bildschirm die Arbeit der anderen verfolgen. Die vier haben acht eigene Kinder, das älteste ist elf. Viele Opfer auf den Bildern sind in einem vergleichbaren Alter.

Hunderttausende Kinder, auch Babys, werden oft mit unglaublicher Brutalität missbraucht - meist von Männern. Es sind aber auch Frauen dabei. Oft tauchen Fotos und Filme davon später im Internet auf. Anfang dieser Woche gab es im Landtag von Düsseldorf eine Sondersitzung - es ging um den Fall des massenweisen sexuellen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde in Nordrhein-Westfalen. Opfer sind nach derzeitigem Ermittlungsstand mindestens 31 Kinder - im Alter zwischen vier und 13 Jahren.

Auch die Betrachter der Filme und Fotos sind Täter, denn sie sind es, die eine Nachfrage nach derartigem Material erzeugen. Die polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet im Jahr 2017 in Deutschland rund 12.850 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch. In 6512 Fällen ging es um Besitz und Verbreitung von kinderpornografischem Material. Die Deutsche Kinderhilfe schätzt die tatsächliche Anzahl auf ein Vielfaches. "Kinder bedürfen unseres besonderen Schutzes. Doch dafür wird nicht genügend getan", sagt Rainer Becker, Kinderhilfe-Chef und einst Polizeidirektor in Schwerin.

"Schaut mal, was haltet ihr denn davon?" Auf dem Monitor des Ermittlers Matthias Ritter in Rostock taucht ein Foto auf. "Die Kollegin wertet gerade einen Stick von jemandem aus, der ein sehr breit gefächertes Interesse hat - nicht nur an Pornos mit Kindern, sondern auch mit Tieren und extremer Gewalt", versucht der 40-Jährige das nahezu Unbeschreibliche zu schildern.

Fast abgeklärt wirkt er dabei, seine Kollegin auch. "Man gewöhnt sich daran. Anfangs habe ich ein wenig länger hingeschaut, weil ich es gar nicht fassen konnte", sagt sie. Sie lernte die schnelle Einordnung. Aber längere Pausen sind notwendig. Sie dürfe sich nie vorstellen, auf diesen Fotos die eigenen Kinder zu sehen, "sonst geht der Job nicht".

Die meisten Aufnahmen kennen die Kommissare schon. Sie kursieren seit Jahren im Netz. "Und dann kommt der Moment, in dem man etwas Neues sieht. Ein Möbelstück oder eine Blümchentapete." Es folgt mühevolle Polizeiarbeit, die irgendwo auf der Welt möglicherweise in eine Verhaftung münden kann.

Die Arbeit schweißt zusammen, sie ist mit teils heftigen Gefühlen verbunden. Das hält nicht jeder aus. Ein halbes Jahr Probezeit in der Gruppe ist obligatorisch. Jüngst wurde eine sogenannte Supervision eingeführt, die den Ermittlern helfen soll, das Gesehene zu verdauen.

"Es gibt kein Syndrom, mit dem Missbrauchsfolgen beschrieben werden können", sagt Evelin Werner. Sie ist forensische Gutachterin in Rostock und befasst sich mit dem Krankheitsbild von Missbrauchsopfern. Die Symptome hängen vom Alter ab, in dem ein Kind missbraucht wird, von der Gewalt, die es erlebt hat, oder davon, wie lange es den Handlungen ausgesetzt war.

Wenn etwa ein zweijähriges Kind missbraucht werde ohne körperliche Schmerzen zu empfinden, könne dies für das Opfer zu einer Art Normalität werden - wie frühstücken, meint die 60-jährige Expertin. Klarheit über das Geschehen sowie über die mitunter brutalen Auswirkungen auf die soziale und emotionale Entwicklung träten oft erst im späteren Leben zutage.

Bei aller Vielfalt der Symptome gilt, dass die Bindungs- und Beziehungsfähigkeit der Betroffenen häufig gestört sei, erläutert Evelin Werner. Möglicherweise wüssten die Opfer ihr Leben lang nicht, wie man sich anderen Menschen nähert. Ihr soziales Weltbild sei verschoben. "Viele Betroffene werden kein normales Leben führen, sondern ein Leben mit Haltlosigkeit und ohne Grundvertrauen zu anderen."

In der Opferambulanz der Universitätsmedizin Rostock untersucht die Rechtsmedizinerin Verena Blaas Kinder, die die Polizisten in der Regel nur auf dem Monitor sehen. Stofftiere wie Teddybären und ein Storch sitzen am Rand des Wickelbretts, um die Kleinen abzulenken. "Die Diagnostik ist extrem schwierig", erklärt die Ärztin. "Sicher bewiesen ist ein Sexualkontakt nur bei einer Schwangerschaft oder bei Sperma am oder im Körper." Einmal musste ein dreijähriges Mädchen unter Vollnarkose untersucht werden. Der Verdacht war groß. "Wir konnten genitale Verletzungen feststellen. Der Täter wurde verurteilt."

In über 90 Prozent der Fälle gebe es körperlich unauffällige Befunde, doch das schließe die Taten nicht aus. Viele Formen des sexuellen Kindesmissbrauchs führen nicht zwangsläufig zu äußerlichen Wunden. Zudem hätten viele Täter kein Interesse, die Kinder zu verletzen. "Sie wollen ja ihre Handlungen fortsetzen", sagt Verena Blaas.

Gewalt gegen Kinder und Missbrauch seien ein Phänomen, das in allen Schichten der Gesellschaft vorkäme, weiß die 32-Jährige. Die Taten passierten auch in gut situierten Familien. Überhaupt: Sie geschähen meist im familiären Umfeld. "Kleine Kinder haben häufig noch kein Unrechtsbewusstsein und sind in einem tiefen Loyalitätskonflikt." Das bedeutet viel Arbeit für Psychologen und Ärzte - über Jahre hinweg, bis hinein ins Erwachsenenalter. Gleichzeitig stelle die Familie eine Barriere dar, die für Helfer schwer zu überwinden sei. "Später, wenn die Kinder wissen, was passiert ist", sei das Thema so schambesetzt, dass oft nicht darüber geredet werde. Auch "die Angst, die Familie zu zerstören, ist immens groß." Ganz schlimm sei es, wenn die Kinder denken, am Geschehen selbst schuld zu sein.

Die Kinderpornografie sei zu einem Massenphänomen im Internet geworden. "Aber die Gesellschaft will davon nichts wissen", sagt der Chef der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Rogan Liebmann. Der 53-Jährige macht klar, dass er die mehr als 100 Polizisten seiner Dienststelle mit den Ermittlungen zur Kinderpornografie beschäftigen könnte - und doch würde dies nicht reichen.

Besonders viele Hinweise erhalten die Ermittler aus den USA, wo die Provider verpflichtet sind, kinderpornografische Dateien zu löschen und den Behörden zu melden. Wenn aber die Infos von dort einliefen, seien in Deutschland die IP-Adressen meist schon gelöscht.

Ein Ausweg sei die Vorratsdatenspeicherung, also die dauerhafte Speicherung des digitalen Fingerabdrucks, sagt Rogan Liebmann. Derzeit wird auf eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zu dieser aus Datenschutzgründen umstrittenen Methode gewartet. "Das beste Handwerkszeug ist uns verboten", bedauert der Ermittler - auch wenn er weiß, dass etliche Menschen im Speichern der Daten einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Grundrechte sehen.

Ein Trend macht den Ermittlern große Sorgen: das sogenannte Sexting - das unbekümmerte Versenden von Nacktbildern durch Jugendliche selbst. "Man muss wissen, die Anzahl der 14-jährigen Mädchen im Netz ist begrenzt. Die Anzahl der Männer, die sich als Mädchen ausgeben, ist da weit höher", sagt Ritter. Er vermutet sogar, dass sich hinter der Mehrzahl der angeblichen Mädchen im Netz ein Erwachsener verbirgt.

Die Kinder würden früh sexualisiert. Ihre Neugier führe sie auf Internetseiten, wo Täter auf ihre Opfer lauern. "Oft ist Einsamkeit der Grund bei den Kindern, denn auf der anderen Seite ist jemand, der zuhört. Der Täter ist glücklich, er erhält neues Material, an dem er sich ergötzen kann", erläutert Ritter. Und neues Material sei oft der Eintritt in internationale Tauschbörsen.

Die Vorratsdatenspeicherung zieht sich wie ein roter Faden durch die Argumentation der Rostocker Polizei. "Jeder akzeptiert, dass am Auto ein Nummernschild ist", sagt Ritter. Wer zu schnell fährt, wird geblitzt, kann gefunden werden und zahlt Strafe. "Nur im Internet, mit Verbrechen in tausendmal schlimmeren Dimensionen, erlauben wir uns das nicht", kritisiert er.

Derzeit gilt für den Besitz von Kinderpornografie eine Strafandrohung von maximal drei Jahren. Ein Ladendieb kann fünf Jahre bekommen. Die Mindeststrafe für sexuelle Gewalt gegen ein Kind beträgt aktuell sechs Monate - und werde somit juristisch nur wie ein Vergehen eingestuft, erläutert Kinderhilfe-Chef Becker. Wohnungseinbruch wird dagegen mit mindestens einem Jahr Strafe als Verbrechen geahndet. "Eigentum vor Gericht einen höheren Stellenwert einzuräumen als der körperlichen Unversehrtheit unserer Kinder ist einfach nur peinlich und absurd", schimpft er.

"Primäres Ziel ist es immer, den sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen zu verhindern beziehungsweise zu beenden", sagt Matthias Wenz vom Bundeskriminalamt. Er arbeitet für das BKA-Referat zur Bekämpfung des sexuellen Missbrauchs. "Der Konsum von Kinderpornografie steigert nachweislich das Risiko für die Begehung eigener Missbrauchshandlungen", davon ist Wenz überzeugt. 2017 wurde gegen 5669 Tatverdächtige wegen Kinderpornografie ermittelt, das waren 800 mehr als im Jahr davor.

Der Rostocker Ermittler Ritter kennt die Ausreden, wenn die Fahnder fündig werden: "Zufällig findet man Kinderpornografie nicht", sagt er. Wer solche Bilder auf seinem PC habe, sei ein mutmaßlicher Täter. Einmal fanden sie auf einem Rechner, prall gefüllt mit Fotos und Filmen, auch Einträge in Foren, in denen der Täter "Todesstrafe für Kinderschänder" forderte. Denn manche seien der Meinung, sie begingen beim bloßen Anschauen keinen Missbrauch, da sie selbst das Kind nicht anfassten.

Den Täter, sagt die Rostocker Strafverteidigerin Beate Falkenberg, gehe es in erster Linie um Macht, aber auch um Gewaltfantasien und Praktiken, die sie in einer Partnerschaft nicht ausleben können. Sind diese Täter einmal geschnappt, bräuchten auch sie eine Therapie, sagt Falkenberg.

Das sehen auch die Ermittler in Rostock so. Bei ihrer Arbeit stoßen sie immer wieder auf Wiederholungstäter - auch das ist ein Faktor, für den die rote Alarmlampe an der Wand im Ermittlungsraum der Polizei stehen mag. dpa mit uh

Plädoyers beim "Elysium"-Prozess in Limburg - Landtag in Düsseldorf befasst sich mit Missbrauchsfällen auf Campingplatz

"Elysium" nannte sich eine Kinderpornografie-Plattform, mit der sich seit August vergangenen Jahres in Hessen das Landgericht Limburg auseinandersetzt. An diesem Donnerstag sollen die Schlussplädoyers gehalten werden. Vor Gericht steht die mutmaßliche Führungsriege der Plattform. Angeklagt sind vier Deutsche aus Hessen, Baden-Württemberg und Bayern. Die Männer im Alter zwischen 41 und 63 Jahren sollen das Forum betrieben oder sich am Betrieb beteiligt haben. Ein Angeklagter soll zudem Kinder sexuell missbraucht haben. Die Angeklagten hatten zu Beginn des Verfahrens die Vorwürfe zu einem großen Teil eingeräumt. Die Ermittler hatten "Elysium" im Juni 2017 abgeschaltet. Die im abgeschirmten Darknet betriebene Plattform hatte mehr als 111.000 Nutzerkonten weltweit.

Im Missbrauchsfall von Lügde bei Detmold (Nordrhein-Westfalen), bei dem ein Campingplatz Tatort war, gibt es einen weiteren Tatverdächtigen. Ein 16-Jähriger aus der Region soll kinderpornografisches Material besessen haben, das auf dem Campingplatz entstanden sei, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter am Dienstag. Der Jugendliche sei am Montag vernommen worden, befinde sich aber wieder auf freiem Fuß. Auf dem Campingplatz sollen über Jahre mindestens 31 Opfer missbraucht und dabei gefilmt worden sein - 27 Mädchen und vier Jungen, die meisten Kinder zwischen vier und 13 Jahre alt. Drei Verdächtige sitzen bereits in Untersuchungshaft. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) sagte in einer Sondersitzung des Düsseldorfer Landtags, der heute 56-jährige Hauptverdächtige sei schon vor 17 Jahren verdächtigt worden, eine Achtjährige missbraucht zu haben. Am Mittwoch wurde dessen Campingheim von der Polizei durchsucht. Reul kündigte an, dass auch ältere Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs in Lügde neu aufgerollt würden. "Es sieht so aus, dass es noch schlimmer ist, als ich befürchtet habe." dpa mit uh

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