Zehntausende Sachsen gehen im Rentenalter noch einer Beschäftigung nach. Nun sollen Rentner ab 2026 bis zu 2000 Euro steuerfrei im Monat hinzuverdienen dürfen. Das gilt allerdings nicht für alle gleichermaßen.
Schon ab dem kommenden Jahr sollen Menschen, die das gesetzliche Renteneintrittsalter erreicht haben, jeden Monat bis zu 2000 Euro brutto hinzuverdienen dürfen - und zwar steuerfrei. Ziel dieser „Aktivrente“ ist es, mehr Menschen im Rentenalter zum Weiterarbeiten zu motivieren, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Doch das Ganze hat gleich mehrere Haken.
60.000 Senioren im Rentenalter arbeiten in Sachsen noch
So gehen zum Beispiel in Sachsen aktuell etwa 60.000 Menschen im Rentenalter einer Tätigkeit nach. Darunter sind nach Angaben der Arbeitsagentur allerdings 46.000 Minijobber. Die sind von der geplanten Aktivrente aber ausgeschlossen. Es bleiben also lediglich etwa 14.000 Menschen im Rentenalter, die im Freistaat einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit in Voll- oder Teilzeit nachgehen und die von dem steuerfreien Hinzuverdienst profitieren könnten. Weil darunter aber auch viele Selbstständige und Beamte sind, die ebenfalls ausdrücklich ausgenommen sind, dürfte die Anzahl der Nutznießer der geplanten Aktivrente im Freistaat noch deutlich geringer sein.
Selbstständige bleiben bei der Aktivrente außen vor
Sachsens Wirtschaft kritisiert das. Die Aktivrente sei ein wichtiger Schritt, um dringend benötigte Fachkräfte länger im Arbeitsmarkt zu halten, sagt Martin Witschaß von der Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK). „Doch die aktuellen Regelungen greifen zu kurz.“ Dass Selbstständige ausgenommen seien, „widerspricht dem Ziel, alle Potenziale zu nutzen. Wer im Alter weiterarbeiten möchte – ob angestellt oder selbstständig –, muss gleiche Chancen erhalten.“
Darum kritisieren die Gewerkschaften die Aktivrente
Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) geißelt ebenfalls die Ungleichbehandlung. „Viele unserer Mitglieder sind im Alter auf zusätzliche Erwerbseinkommen angewiesen“, erklärt Veronika Mirschel von der Gewerkschaft Verdi. „Dass selbstständiges Arbeiten im Alter versteuert werden muss, während bei abhängiger Beschäftigung bis zu 24.000 Euro im Jahr steuerfrei möglich sein sollen, widerspricht nicht nur jedem Gerechtigkeitsgefühl, sondern auch dem im Grundgesetz verankerten Gleichbehandlungsgebot.“
Der DGB kritisiert zudem, dass diejenigen Rentner, die noch arbeiten, aber das gesetzliche Renteneintrittsalter noch nicht erreicht haben, bei der geplanten Aktivrente benachteiligt werden. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt aktuell für alle, die 1964 oder später geboren wurden, bei 67 Jahren. Zudem ist die Entlastung demnach umso größer, je höher das Gesamteinkommen ist. „So liegt der Netto-Vorteil beispielsweise bei 25.000 Euro Einkommen bei 921 Euro im Monat und bei 2000 Euro Einkommen bei 81 Euro im Monat“, so der DGB. „Dies liegt am progressiven Steuersatz.“
Die Aktivrente ist nach Einschätzung des DGB „teuer, ineffizient und ungerecht. In den letzten Jahren ist die Zahl der Beschäftigten jenseits des 66. Lebensjahres ohnehin stark gestiegen – ganz ohne fragwürdige Aktivrente“, so die Gewerkschaft. Fachkräfteengpässe werde die Aktivrente nicht beheben. „Wenn jedoch eine altersabhängige Steuerentlastung mit der Aktivrente kommt, ist eine Gleichbehandlung aller Erwerbsformen geboten“, so der DGB.
Arbeitsagentur: Immer weniger arbeitsfähige Sachsen
Die Arbeitsagentur rät unterdessen allen Unternehmen dringend, wegen des zunehmenden Fachkräftemangels die Rahmenbedingungen für ältere Beschäftigte weiter zu verbessern und an deren persönliche Lebensverhältnisse anzupassen. Denn den Bevölkerungsprognosen zufolge wird die Anzahl der arbeitsfähigen Sachsen in den nächsten Jahren weiter kräftig zurückgehen. „Indem mehr ältere Beschäftigte im Betrieb gehalten werden, sichern sich Unternehmen nicht nur die tatsächliche Fachkraft, sondern vielmehr auch die langjährige Erfahrung dieser Mitarbeiter“, sagt Agentursprecher Frank Vollgold.
Jeder dritte zwischen 65- und 69-jährige Sachse wäre zur Weiterarbeit bereit
Dabei ist die Bereitschaft älter Menschen, länger zu arbeiten, durchaus vorhanden - weil das Geld gebraucht wird, aber auch aus Freude an der Arbeit, dem Wunsch nach Abwechselung und sozialen Kontakten, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung IAB zeigt. So kann sich zum Beispiel jeder dritte 65- bis 69-jährige Sachse vorstellen, neben der Rente noch arbeiten zu gehen. Das gilt gleichermaßen für Frauen wie für Männer. Mit weiter steigendem Alter nimmt das Interesse an einem Job neben der Rente dann aber deutlich ab. Das geht aus einer Studie hervor, für die im Auftrag des sächsischen Sozialministeriums im vergangenen Jahr landesweit 2430 Seniorinnen und Senioren befragt worden sind.
Diese Voraussetzungen müssen erfüllt sein
Demnach stellen die Senioren aber auch Bedingungen an eine Weiterbeschäftigung. So erwarten sie zum Beispiel bessere Arbeitsbedingungen und Weiterbildungsmöglichkeiten für ältere Beschäftigte. Viele der Befragten würden zum Beispiel gern kontinuierlich jedes Jahr weniger Stunden pro Woche arbeiten, nicht jeden Tag so lange im Betrieb bleiben müssen oder die Brückentage frei nehmen dürfen, um an den dann langen Wochenenden besser ausspannen zu können. Gefordert wurde aber zum Beispiel auch so etwas wie die jetzt geplante Aktivrente, also dass Menschen, die im Rentenalter weiter arbeiten, auf diesen Lohn keine Steuern mehr zahlen müssen sollten.
Der Bundestag hat der Aktivrente kürzlich schon zugestimmt, der Bundesrat muss jetzt ebenfalls noch zustimmen. (juerg)






