Sachsen
Mit 93 Jahren – Werner Niehle sorgt für sicheren Schulweg

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Wind und Wetter zum Trotz - jeden Morgen engagiert sich Deutschlands wohl ältester Schulweghelfer für Grundschüler in Dresden. Ans Aufhören denkt der rüstige Senior noch lange nicht.

Dresden.

Jeden Morgen schwingt sich Werner Niehle auf sein Rad, die leuchtend gelbe Jacke mit der Aufschrift "Verkehrshelfer" an, seine beiden Warnkellen auf dem Gepäckträger. Der 93-Jährige sorgt dafür, dass Hunderte Kinder an der 68. Grundschule im Dresdner Stadtteil Prohlis sicher über die Straße kommen. Damit gilt er als wohl ältester Schulweghelfer Deutschlands. 

Kaum an der recht befahrenen Straße angekommen, kommen die ersten Kids mit dem Ranzen auf dem Rücken. "Ihr könnt gehen, die Straße ist frei", sagt Niehle und schwingt seine Kelle zum Zeichen, dass die Mädchen und Jungen losmarschieren dürfen. Jeder Helfer hat sein eigenes System. Mit der linken Kelle dirigiert er die Kinder, mit der rechten die Autofahrer. "Ich bin der Schulweghelfer mit zwei Kellen", sagt er schmunzelnd.

Ein Winken, ein Nicken als Anerkennung

Seit 15 Jahren steht Niehle jeden Morgen in der Heiligenbornstraße in seinem Viertel - bei Wind und Wetter. Kinder grüßen, wünschen ihm einen schönen Tag. Eltern, die mit dem Rad oder Auto vorbeifahren, winken dem Senior zu. 

Für den 93-Jährigen ist die Aufgabe mehr als ein Ehrenamt: Die Begegnungen mit den Kindern und Eltern, das Gefühl, gebraucht zu werden, motivieren ihn jeden Tag. "Das ist schön, ein Winken, ein Nicken", sagt Niehle. "Und natürlich das Lächeln der Kinder." 

Die sieben Jahre alte Emilia steht vorsichtig an der Straße. Zwischen rechts und links zu unterscheiden, findet sie noch schwierig. "Da weiß ich nicht genau, wo ich hingucken muss", sagt die Erstklässlerin. Dabei hilft ihr geduldig und freundlich Werner Niehle. "Deswegen finde ich das sehr schön", sagt Emilia. 

Frank Tiesler von der Verkehrswacht Sachsen sucht ehrenamtliche Schulweghelfer.
Frank Tiesler von der Verkehrswacht Sachsen sucht ehrenamtliche Schulweghelfer. Bild: Robert Michael/dpa

Auch die Lehrer der Grundschule kennen Niehle seit Jahren und wissen es zu schätzen, dass er als Schulweghelfer die Mädchen und Jungen am Morgen sicher über die Straße bringt. "Der Übergang ist schwierig, weil die Autos in zweiter Reihe parken", sagt die stellvertretende Schulleiterin Katrin Stark. Da besteht die Gefahr, dass die Kinder zwischen den Autos auf die Straße laufen. Stark ist begeistert, "wie er das macht, wie er mit den Kindern redet." 

Hingegen kann sie die Reaktion mancher Eltern nicht verstehen, etwa wenn der Schulweghelfer sie darauf hinweist, dass sie falsch parken. "Ich finde es manchmal ein wenig unverschämt, wie manche Leute auf ihn reagieren." 

Für Ärger im Ehrenamt hat Werner Niehle ein einfaches Rezept: "Gelassenheit und Resilienz", sagt der 93-Jährige. "Man muss einiges einstecken, aber das kommt selten vor." Ein Lächeln im Gesicht gehöre zu seinem Arbeitsprinzip, sagt er. Und: Meistens klappe es mit der "freundlichen Zusammenarbeit". 

Seit 15 Jahren im Ehrenamt

Niehle, gebürtiger Thüringer, hatte viele Berufe: Gelernter Schmied, arbeitete er auch als Traktorist und Lkw-Fahrer, später als Lehrer. Seine Berufung hat er als Schulweghelfer im hohen Alter gefunden. Als Rentner hatte er sich auf einen Aushang beim Bäcker beworben. "Ich fühlte mich ein bisschen unnütz und suchte Aktivität und Bewegung." Seit mehr als 15 Jahren ist er mittlerweile im Ehrenamt - und will es so lange wie möglich bleiben. 

"Ich bin hart im Nehmen", so der 93-Jährige. Wenn der Wind pfeift, ob es regnet oder stürmt. "Ich habe es immer durchgehalten, ohne krank zu werden." Wenn die ersten Schüler kurz nach sieben kommen, ist er vor Ort. Gegen acht ist Feierabend. Dann wartet zu Hause seine Frau auf ihn. Für die Liebe kam er nach Dresden - seit 25 Jahren wohnt er in der sächsischen Landeshauptstadt, fit hält er sich durchs Wandern und Klettern. 

Niehle ist einer von 35 Schulweghelfern in Dresden. "Unser Ziel ist es, bis zum Jahresende auf 40 zu kommen", sagt Frank Tiesler, Geschäftsführer der Verkehrswacht Dresden. Schüler ab Klasse acht können das Ehrenamt ausüben - bis hin zu Senioren. Für manche Standorte ist es nicht leicht, Helfer zu finden - etwa für dicht befahrene und gefährliche Straßen. Auch wenn die Verantwortung groß ist, spricht Tiesler von einer dankbaren Aufgabe. "Man beginnt den Tag mit vielen Begrüßungen und Dankbarkeit. Wer einmal Schulweghelfer ist, der bleibt es meist auch sehr lang."

"Bis 100 muss er mindestens"

Schulweghelfer nehmen die Kinder in Empfang und schauen, ob die Straße frei ist. "Wenn eine Lücke da ist blockiert er sie und wartet bis die Kids den gegenüberliegenden Gehweg erreicht haben", erklärt Tiesler.  

Für Astrid Flohr und ihren Sohn Aaron aus der zweiten Klasse gehört Werner Niehle zum Schulalltag. "Ich finde gut, dass es ihn gibt." Immer wieder kommt es vor, dass Eltern etwa am Schuleingang mit dem Auto wenden oder in zweiter Reihe parken. Wenn Schulweghelfer Niehle sie dann darauf anspreche, werde er teilweise angemotzt, berichtet sie. Verstehen kann sie das nicht. "Dabei möchte er ja, dass alle Kinder sicher ankommen." Sie hofft, dass der ehrenamtliche Helfer die Kinder noch lange auf dem Schulweg absichert. "Bis 100 muss er mindestens."

Ans Aufhören denkt der rüstige Senior noch lange nicht. "Ich mache es, solange ich kann." Die 93 ist für Werner Niehle nur eine Zahl. "Entscheidend ist nicht, dass ich 93 bin, sondern dass ich rüstig bin und alles noch schaffe." (dpa)

© Copyright dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH
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