Neue Stromtrassen erhitzen die Gemüter

Bayerns Regierungschef Horst Seehofer stemmt sich gegen die geplanten und umstrittenen "Stromautobahnen". Die Netzbetreiber halten dagegen. Die Kanzlerin vertagt die Entscheidung bis Juni.

Berlin/Chemnitz.

In den Streit um den geplanten Ausbau der Nord-Süd-Stromtrassen hat sich jetzt Kanzlerin Angela Merkel (CDU) eingeschaltet: Eine Entscheidung soll erst im Juni fallen. "Das reicht, um die notwendigen Planungen durchzuführen", sagte Merkel gestern in Berlin. Zuvor hatte die Große Koalition den seit Monaten schwelenden Streit mit CSU-Chef Horst Seehofer auch bei ihrer Koalitionsrunde in der Nacht zu Mittwoch nicht beilegen können.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) forderte Bayern gestern zum Einlenken auf. "Wir brauchen jetzt ein klares Bekenntnis", sagte er dem Sender MDR. "Es kann nicht sein, dass wir eine Vereinbarung, die wir vor Jahren getroffen haben zur Energiewende und auch zum Bundesnetzplan, dass wir diese Vereinbarung nicht umsetzen und ständig infragestellen." Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) wehrt sich vehement gegen zwei geplante "Stromautobahnen" nach Bayern, den Südlink und die sogenannte Gleichstrompassage Südost.

Anfang des Jahres hatte bereits Ulrich Grillo, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, Seehofer aufgefordert, seinen Widerstand aufzugeben. Die bayerische Ablehnung der Nord-Süd-Stromtrassen gefährde die Energiewende. Auch der grüne Regierungschef von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, nennt die Haltung Seehofers zur Energiepolitik unverantwortlich. Das sächsische Wirtschaftsministerium erklärte auf Anfrage der "Freien Presse": "Wir erteilen allen Bestrebungen, den notwendigen Netzausbau zu bremsen oder die Ausbauerforderlichkeit großer Nord-Süd-Verbindungen in Frage zu stellen, eine Absage."

Der Hintergrund des Streits: Die geplanten "Stromautobahnen" vom Norden und Osten Deutschlands in den Süden sind in Bayern hoch umstritten. Anfang Februar endete ein wochenlanger "Energiedialog" mit Bürgern und Verbänden. In der Tendenz sprachen sich die Menschen vor allem gegen die Südost-Trasse aus, die von Hof bis Gundremmingen weitaus länger durch Bayern führen würde als der Südlink. Seehofer kündigte eine Entscheidung im Frühjahr an. 2013 hatte er übrigens im Bundesrat noch allen Trassenprojekten zugestimmt.

Der für die Südost-Trasse zuständige Berliner Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz verweist auf den von der Bundesnetzagentur bestätigten Netzentwicklungsplan. Darin wurde der Übertragungsbedarf von zwei Gigawatt von Bad Lauchstädt in Sachsen-Anhalt bis nach Meitingen in Bayern festgelegt. Nach der Novelle des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im vergangenen Sommer musste der Plan aber überarbeitet werden, weil durch die neuen Förderregeln ein regional veränderter Ausbau der Windkraft erwartet wird. Diese Änderungen liegen jetzt der Bundesnetzagentur zur Prüfung vor. Sprecher Axel Happe: "Auch weiterhin sehen wir den Bedarf, nach 2022 rund zwei Gigawatt Strom von Sachsen-Anhalt nach Bayern zu bringen." Ändern soll sich aber nach Berechnungen von 50Hertz der Korridor der Südost-Trasse. "Da sich mit der EEG-Novelle der Zubau an erneuerbaren Energien in den Nordosten verlagert, wollen wir die beiden Endpunkte der Trasse neu festlegen: Sie soll jetzt im Norden in Wolmirstedt bei Magdeburg beginnen." Im Süden soll die Leitung nicht wie bisher bis Meitingen/Augsburg gehen, sondern weiter westlich in den Raum Gundremmingen. Dort sieht man bessere Chancen, einen Standort für den Konverter, also die Verbindung von Gleichstromleitung und Wechselstromnetz, zu finden.

Der neue Entwurf wird zurzeit geprüft. Die neue Verbindung wäre etwa 150 Kilometer länger. Schon bei der bisherigen Korridorplanung war ein kleiner Zipfel Sachsens - das westliche Vogtland - Teil des Planungsraums. Das wird auch bei der neuen Planung wohl der Fall sein, wie Happe bestätigte. "Bei der bisherigen Vorzugstrasse blieb Sachsen aber außen vor. Grund war die angestrebte Bündelung mit Autobahnen, Zugstrecken oder bestehenden Wechselstromleitungen. Bislang hatte man sich deshalb für eine Bündelung mit der Autobahn 9 entschieden." Mit den neuen Anfangs- und Endpunkten der Südost-Trasse würde der Untersuchungsraum für einen passenden Korridor zwar größer, verlagert sich aber wohl insgesamt eher nach Westen.

Bayerns Ministerpräsident Seehofer wird das egal sein: Er wird weiter versuchen, diese Südost-Trasse zu verhindern.

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