Die Helden von morgen

Chemnitz entwickelt sich zu einem Zentrum für die Softwareentwicklung. Hier wird an selbstfahrenden Autos oder neuen Schuhen vom Onlinehändler getüftelt. Dafür brauchte es auch schnell reichlich Kapital und gute Mitarbeiter. Manche Gründer scheitern daran.

Chemnitz. Es sieht noch ziemlich neu und sehr übersichtlich aus im dritten Stock des Möbelhauses Tuffner an der Zwickauer Straße in Chemnitz. Ein paar Schreibtische und Stühle, eine Küchenzeile, viel Platz. Und dazwischen wuselt die zehn Monate alte Labradorhündin Coco herum. "Wir sind erst vor wenigen Tagen eingezogen", sagt ihr Herrchen Martin Böhringer. Bisheriger Firmensitz war der Kaßberg. Der promovierte Wirtschaftsinformatiker will nun in diesen Räumen die noch junge Firma Staffbase zu einem Weltmarktführer aufbauen. Sie soll den bei Informationstechnologien tonangebenden US-Firmen immer einen Schritt voraus sein. Staffbase ist ein Start-up - ein junges, sehr stark wachsendes Unternehmen. Böhringer kennt sich aus mit Start-ups, Staffbase ist sein zweites. 2011 gründeten er und drei Mitstreiter die Firma Hojoki. Es sollte ein Dienstleister für die Kreativbranche werden. "Das Wichtigste bei einem Start-up ist die Finanzierung", sagt Böhringer. Denn die jungen Gründer haben zumeist kein Eigenkapital. Die Banken halten ihren Geldtresor jedoch geschlossen. Für sie besitzen solche Ideen viel zu wenig Sicherheiten. Deshalb müssen Start- ups andere Finanzierungsmöglichkeiten finden.

Hojoki hatte solche Geldgeber gefunden. Das waren ein Venture Capital Fonds, der Risikokapital zur Verfügung stellt, sowie Business Angels - Privatleute, die ihr Geld nicht zur Bank bringen, sondern in die Wirtschaft investieren. Doch der Traum endete früh. Die Geschäftsidee hat nicht eingeschlagen. Das Projekt wurde nach vier Jahren begraben. Die Geldgeber hatten da bereits mehr als zwei Millionen Euro investiert. Böhringer und Lutz Gerlach, einer der Mitgründer, wollten ihre Unternehmerkarriere damit aber nicht beenden und suchten nach neuen Geschäftsideen.

Zu dieser Zeit wurde der Dresdner Frank Wolf auf die Chemnitzer IT-Fachleute aufmerksam. Er hatte bislang für Firmen Intranet entwickelt. In diesen Portalen versorgen Geschäftsführung und Betriebsrat die Mitarbeiter mit den neuesten Entwicklungen. Doch Intranet hat einen entscheidenden Nachteil: Es kann nur von Mitarbeitern an einem Computerarbeitsplatz genutzt werden. Vertrieb oder Montage beispielsweise bleiben außen vor. Wolfs Idee ist einfach: Mitarbeiter können sich auf ihr Handy ihre spezielle Firmen-App herunterladen.

Gesagt, getan. Ende 2014 gründen der Dresdner Frank Wolf und die beiden Chemnitzer Martin Böhringer und Lutz Gerlach die Firma Staffbase. Das Projekt interessiert auch die Geldgeber der ersten Firma, den Wagniskapitalfonds Capnamic Ventures aus Köln und ein Konsortium aus privaten Geldgebern - und mit ihnen die ersten großen Kunden. Siemens, Heineken, Viessmann und T-Systems MMS kauften die App. Damit war der Bann gebrochen.

Anderthalb Jahre nach der Gründung ist das Start-up nun den nächsten Schritt gegangen und hat in New York eine Niederlassung gegründet. Frank Wolf wird mit seiner Familie dahinziehen Diese Niederlassung managt künftig Kundenbetreuung und Vertrieb, die Entwicklung bleibt in Chemnitz. "Wir wollen ein großer internationaler Marktführer werden", meint Böhringer. Für die Expansion in die USA haben die Investoren weitere zwei Millionen Euro freigemacht. Sie wollen dafür allerdings auch schnell Ergebnisse sehen. Der Plan: Nach fünf, sechs Jahren geht Staffbase an die Börse oder wird an einen Konzern verkauft. Die schnelle Expansion kostet, verdienen wird das Unternehmen bis dahin nichts. Trotzdem erwartet die Investoren eine sehr gute Rendite für ihr Kapital. Die Gründer können bleiben - oder etwas Neues wagen.

Staffbase wächst schnell, derzeit sind es 15 Mitarbeiter. Bereits zum Jahresende sollen es 20 Mitarbeiter sein, 2016 doppelt so viele. Gesucht werden gute Leute mit sehr gutem Englisch. Gibt es diese in Chemnitz? An der TU? Böhringer sieht ein großes Problem: Das Potenzial von guten IT-Leuten in der Region ist klein und die Uni hat in diesen Studienfächern zu wenig Studenten. Und: Chemnitz sei nicht der Top-Wunscharbeitsort für die Branche. "Chemnitz ist ein Exot in der Szene, zum Arbeiten kommt kaum jemand hierher. Wer hier arbeitet, macht das wegen der Menschen, Freunde, Familie oder der Liebe wegen."

Böhringer hat eine ganze Menge Erfahrung bei der Gründung von Firmen gesammelt. Er gibt sie als Mentor beim Gründungsnetzwerk Saxeed weiter. Saxeed berät Studenten und Wissenschaftler der vier Partnerhochschulen Chemnitz, Freiberg, Zwickau und Mittweida bei der Existenzgründung und der Verwertung von Forschungs- und Entwicklungsergebnissen. Und es werden Leute verschiedener Bereiche zusammengebracht - Betriebswirtschaftler, Marketing- und Vertriebsexperten. Als Netzwerk für vier Hochschulen/Universitäten ist Saxeed bundesweit einmalig.

Gibt es einen bestimmten Gründungstyp? "Nein", sagt Gründungsberater Markus Braun. "Die Zaghaften sind genauso erfolgreich wie die Forschen." Seit 2006 hat Saxeed knapp 1000 Gründungen begleitet, aus denen allein in Chemnitz rund 130 Firmen entstanden sind. Finanziert wird es vom Freistaat Sachsen und den vier Hochschulen, die den Gründern in den Technologiezentren zudem gute Startbedingungen geben. Auch die Städte profitieren, denn Auswärtige bleiben nicht selten hier. "Chemnitz ist keine Liebe auf den ersten Blick. Aber die Stadt entwickelt sich immer noch, und das begeistert die Leute", sagt Braun.

So ähnlich erging es Holger Löbel, kaufmännischer Geschäftsführer von Baselabs. Der Softwarehersteller arbeitet an einer Schlüsseltechnologie für automatisches Fahren. "Unsere Software interpretiert die Daten aus verschiedenen Sensoren und verknüpft sie", erklärt Löbel. Ursprünglich kommt er aus Hannover. Für sein Studium wollte er eine kleine Uni, an der man zur Betriebswirtschaftslehre Wirtschaftsinformatik kombinieren kann. Also Chemnitz. Nach dem Studium folgte für drei Jahre ein Job bei Infineon. "Der Job war toll, die Bezahlung auch, aber es war nicht meins", sagt Löbel. Die Chance, mit weiteren vier Leuten von der TU Chemnitz Baselabs zu gründen, war sein Rückreiseticket. Unterstützt von Risikokapitalgebern, wurde

Baselabs 2012 gegründet. Danach ging die Firma finanztechnisch einen anderen Weg als Staffbase. Mit der Stuttgarter Firma Vector Informatik wurde ein strategischer Investor gewonnen. Vector war an der Technologie interessiert, bietet den Chemnitzern dafür neben Geld auch Vertriebswege.

Den Finanzierungsweg von Baselabs hat auch die Firma Prudsys gewählt. Der Technologieführer für Echtzeitanalyse im Onlinehandel ist dem Status eines Start-up längst entwachsen. Die meisten Online-Käufer hatten mit der Firma bereits unbewusst Kontakt. Ihr Verfahren Prudsys Realtime Decisioning sorgt dafür, dass bei der Suche nach Schuhen im Internet Modelle an der rechten Seite auftauchen, die den eigenen Wünschen sehr nahekommen. Die Empfehlungen erleichtern dem Kunden die Suche - dem Händler verhelfen sie zum Umsatz.
Das Unternehmen wurde 1998 von Mitarbeitern und Absolventen der TU Chemnitz gegründet. Mit sehr viel Blauäugigkeit seien die elf Gründer damals gestartet, sagt Vorstand Jens Scholz. Geld? Ja, das ist nötig für eine Firmengründung. Das Unternehmen, das anfangs Software für den Energiebereich entwickelte, fand Geldgeber jenseits von privat finanziertem Wagniskapital. Und das bewusst.

"Wagniskapital zu geben ist zumeist keine Wohltätigkeit", meint Scholz. Das Geschäftsmodell zielt vielmehr darauf ab, das junge Unternehmen nach fünf bis sechs Jahren renditeträchtig zu verkaufen. Die Geldgeber diktieren oft die Rahmenbedingungen, der Businessplan ist auf immensen Wertzuwachs in den ersten fünf Jahren ausgerichtet.

Die jungen Softwarefirmen geben der als Maschinenbauzentrum weltweit bekannten Stadt ein neues Image: Das zeigt auch die Auszeichnung gestern Abend beim Wettbewerb der innovativsten Mittelständler. Er kürt seit 23 Jahren die bundesweit einhundert innovativsten Firmen. Chemnitz spielte hier bislang kaum eine Rolle. Ganz anders in diesem Jahr. Mit Baselabs, Prudsys, Community4you, dem uropäischer Marktführer bei Software für Fuhrparkmanagement, und dem Maschinenbauer Heckert sind erstmals vier Firmen dabei. Hinzu kommt die Drymat Systeme aus dem benachbarten mittelsächsischen Niederwiesa - ein Bausanierer, der auf ein elektrophysikalisches Verfahren zur dauerhaften Trockenlegung von Mauern spezialisiert ist. "Die starke Teilnahme zeigt, dass die Firmen in Chemnitz selbstbewusster geworden sind und ihren Marktwert kennen", sagte Sven Kamerar, Sprecher vom Veranstalter Compamedia.

 

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1Kommentare
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    Interessierte
    20.09.2016

    Hier wird wohl die Maschinenbaustadt nun zur Softwarestadt ... Die jungen Softwarefirmen geben - der als Maschinenbauzentrum - weltweit bekannten Stadt ein neues Image: Mit Baselabs, Prudsys, Community4you, dem uropäischer Marktführer bei Software für Fuhrparkmanagement, und dem "Maschinenbauer Heckert" sind erstmals vier Firmen dabei .....



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