Schlange stehen für polnische Besen und tschechische Milch

Der russische Discounter Torgservis hat in Leipzig seine erste Filiale eröffnet. Verkauft wird von Paletten ohne Schnickschnack und zu Niedrigpreisen. Doch das Angebot hat Lücken.

Leipzig.

Für Portitz war das, was sich am Dienstag in dem ländlich geprägten Stadtteil im Norden Leipzigs abspielte, wohl großer Bahnhof. Der Schauplatz: ein kleines, in die Jahre gekommenes Einkaufszentrum. Im Treff Portitz, wie das Areal genannt wird, ist in den Mittagstunden kaum ein Parkplatz zu bekommen. Grund: Der russische Discounter Torgservice hat hier gerade seine bundesweit erste Filiale eröffnet.

Der Laden liegt zwischen einem Getränkemarkt und einer Filiale der Sonderpostenmarktkette Thomas-Philipps und wirkt erst einmal recht unscheinbar, abgesehen von den gelben Schildern, die in die Fenster geklebt wurden. "Mere" steht darauf, so heißt die neue Discountkette, und daneben der Slogan, mit dem der Betreiber wirbt: "Tiefstpreise jeden Tag". Die Waren stehen in Kartons auf Paletten oder in einfachen Regalen. Doch an manche Stapel kommt man kaum heran, denn der Laden ist voll. Schlangen ziehen sich von den drei Kassen bis ans andere Ende des Marktes. Eineinhalb Stunden habe er angestanden, berichtet ein junger Mann, der es geschafft hat. Doch für was eigentlich nehmen die Kunden das in Kauf?

Es gibt kaum etwas, was in anderen Märkten nicht auch zu finden wäre. Die Preise jedoch sind vergleichsweise niedrig. Die Packung Milch mit 3,5 Prozent Fettanteil der tschechischen Marke "Madeta" kostet 62 Cent, Großpackungen mit Würstchen eines deutschen Herstellers werden zum Kilopreis von vier Euro angeboten. Das Angebot in den Kühltheken und Gefriertruhen ist überschaubar, aber billig. Die Ein-Kilogramm-Packung mit gefrostetem Gemüse aus Belgien gibt es für 1,21 Euro, das Kilo Miesmuscheln daneben schlägt mit 4,14 Euro zu Buche. Viele Artikel sind Importware. Ein Großteil stammt aus Polen und Tschechien. Tomatenmark etwa, das hier in 300-Gramm-Gläsern zu haben ist. Oder Kehrbesen für 1,69 Euro. Für die 100er-Beutelpackung Schwarztee der polnischen Marke "Belin" sind 74 Cent fällig. Frisches Obst und Gemüse, Joghurt, Butter oder Margarine fehlen indes.

Für das Geschäft in Deutschland ist die 2017 gegründete Tochter TS-Markt GmbH zuständig. Torgservis existiert seit zehn Jahren und betreibt in Osteuropa und Asien mehr als 900 Läden. Das Unternehmen ist neben Russland auch in Kasachstan, Weißrussland und China präsent. Auch in Rumänien soll es erste Filialen geben. Laut "Lebensmittelzeitung" setzt Torgservis jährlich gut 1,3 Milliarden Euro um. Hierzulande plant die Firma ein Filialnetz mit über 100 Standorten, wie es auf der Homepage heißt. Man suche dafür geeignete Standorte in ganz Ostdeutschland. Die Stadt Zwickau hat TS-Markt dabei wohl schon fest im Blick - dafür sucht die Firma bereits eine Filialleitung. Näheres ist nicht zu erfahren. Eine Anfrage von "Freie Presse" blieb unbeantwortet.

Während sich der deutsche Lebensmittelhandel den Ausbau neuer Filialen einiges kosten lässt - im Schnitt werden laut einer Studie des EHI-Research-Institutes in Köln in die Inneneinrichtungen 622 Euro je Quadratmeter investiert - setzen die Russen auf Sparsamkeit. "Unser Anspruch als Discountmarkt soll sich auch in unserer Ladenausstattung widerspiegeln", heißt es. So werden gebrauchte Kühltruhen bis 400 Euro gesucht, Einkaufswagen dürfen nicht mehr als 50 Euro kosten.

Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule WHU in Düsseldorf räumt dem Konzept aber keine Erfolgschancen ein, denn es rechne sich wirtschaftlich nicht. Um als Discounter erfolgreich zu sein, brauche man Masse, viele Filialen und eine große Nachfrage, um auch mit den Herstellern über niedrige Preise zu verhandeln. "Selbst 100 Filialen reichen da nicht." Ähnlich äußert sich Erik Maier von der Handelshochschule Leipzig. "Wenn Filialen bleiben, dann sind sie eher ein Randphänomen mit einer engen Zielgruppe", sagte er dem MDR.

Bewertung des Artikels: Ø 4 Sterne bei 4 Bewertungen
1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 2
    9
    Interessierte
    01.02.2019

    Also ich habe keine Lust , in Kartons ´rumzuwühlen , das gab es nicht einmal zu DDR-Zeiten und wir wollten doch den ´glänzenden` Westen haben mit den schönen Verpackungen ...

    In einem Beitrag im Fernsehen wurde auf die Anfänge von Aldi hingewiesen und auf die erste Verkaufsstelle , ich glaube das war Chemnitz und auf dem PP vor der Jugendkirche , dort an der Ecke Zschopauer , dort steht jetzt diese Toilette ...

    Dort standen tagtäglich die Massen ´Schlange`, ohne zu wissen , was es darin gab bzw. - wo es doch nun im Westen an sich überall alles gab ...



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