"Stahl ist nie wirklich out gewesen"

Fahrradexperte David Koßmann über die Ästhetik filigraner Rahmen, ein Diamant-Rad aus dem Jahr 1935 und den leisen Klang von Rost

Eine der wichtigsten Entscheidungen, die Fahrradkäufer treffen müssen, ist die für das Rahmenmaterial. Gängig sind heute vor allem Alu und Carbon. Doch auch Stahl sei nach wie vor eine gute Wahl, sagt Fahrradexperte David Koßmann. Warum, erklärt der 40-Jährige im Interview mit Andreas Rentsch.

Freie Presse: Herr Koßmann, ich habe kürzlich über Ebay mein 23 Jahre altes Mountainbike verkauft. Das Interesse war enorm. Wie mir mehrere Interessenten sagten, ging es ihnen um den Rahmen - der ist aus Stahl. Können Sie sich das erklären?

David Koßmann: Absolut. Das liegt an der Qualität, die man Mitte der 1990er-Jahre in Großserie produziert hat. Damals wurde noch viel mehr Stahl als Aluminium verarbeitet. Es war, wenn man so will, die Blütezeit der Stahlrahmen-Fertigung. Alu hatte sich als Alternative noch nicht durchgesetzt. Diese Stahlrahmen sind meist extrem haltbar und lassen sich auch heute noch gut weiterverwenden.

Wieso war Stahl dann irgendwann out?

Stahl ist nie wirklich out gewesen. Natürlich muss man sehen, dass sich die Industrie in der jüngeren Vergangenheit mehr um andere Materialien , vor allem Aluminium und später Carbon, gekümmert hat. Trotzdem hat der Stahlrahmen immer seine Fans gehabt. Übrigens: In meiner Familie existiert noch ein Rad, das mein Großvater zur Konfirmation bekommen hat - ein Diamant von 1935. Das fährt immer noch. Ich denke nicht, dass man einen über 80Jahre alten Alu-Rahmen heute noch so gut fahren könnte.

Welche Vorteile hat der Stahlrahmen neben seiner Haltbarkeit noch, wenn man ihn mit dem vermeintlichen Allround-Material Aluminium vergleicht?

Zunächst muss man wissen: Die landläufige Meinung, Alu sei leicht und Stahl schwer, ist Unfug. Es gibt bei beiden Metallen günstige und teure Legierungen. Man kann Stahlrohre sehr dünnwandig und damit leicht bauen. Stahl ist zudem ein dankbarer Werkstoff, was Löten und Schweißen betrifft. Aluminium ist deutlich schwieriger zu bearbeiten und muss oft aufwendig nachbehandelt werden.

Woran erkennt man einen guten Stahlrahmen?

Höherwertige Legierungen sind extrem zugfest. Das heißt, mit sehr dünnen Rohren lässt sich ein sehr stabiler und trotzdem komfortabler Rahmen bauen. Wenn man mit einem Finger dranschnipst, gibt dieser einen hellen, glockenartigen Ton von sich. Die Rahmen sehen nicht so brachial aus wie die aus Aluminium mit ihren großen Rohrdurchmessern und fetten Schweißnähten. Vielmehr wirken sie filigran und zeitlos schön.

Gibt es bestimmte Fahrradtypen, bei denen Stahl als Rahmenmaterial am besten passt?

Ja, vor allem Reiseräder. Das hat damit zu tun, dass Stahl Belastungsspitzen eher vergibt und sich gut reparieren lässt. Wenn ich durch Kasachstan radle und dort einen Unfall habe, wird mir das wahrscheinlich jemand in einer Dorfschmiede wieder herrichten können. Gehe ich dagegen mit einem Carbonrad auf Reisen und der Rahmen bekommt einen Treffer ab, dann kann mich der daraus resultierende Schaden von der Weiterreise abhalten.

Fallen Ihnen noch andere Radtypen ein, die für Stahl prädestiniert sind?

Generell gibt es noch alle Fahrradtypen mit Stahlrahmen zu kaufen. Oft muss man sie nur ein bisschen suchen. Das hat damit zu tun, dass Stahl nur noch selten in Großserien genutzt wird. Es sind eher kleine, feine Hersteller, die auf Stahl setzen.

Kann man regional kaufen, wenn man das möchte?

Ja. Es gibt in Deutschland Dutzende Firmen, die Stahlrahmen verbauen. In Sachsen zum Beispiel Veloheld aus Dresden: Dieses Unternehmen stellt in kleinen Serien schlanke Touren-, Stadt- und Sporträder her. Ein Anbieter, der ebenfalls ausschließlich mit Stahl arbeitet, ist Retrovelo aus Leipzig. Wie der Name schon sagt, handelt es sich um Räder, die stilistisch an die 1930er- und 1940er-Jahre erinnern und die teilweise mit dicken Ballonreifen ausgestattet werden. Auch Stahlrahmen kleinerer Serien werden heute oft in Fernost gebaut; entwickelt und montiert wird aber hier. Einer, der jeden Rahmen auf Maß selbst fertigt und mit Kunden abspricht, was sie brauchen, ist Sören Marx aus Leipzig. Er stellt unter dem Namen "Unique Cycles" Rennräder und sogar vollgefederte Mountainbikes her - was wirklich selten ist.

Mit welchem Preis muss man rechnen, wenn man sich einen individuell angefertigten Stahlrahmen zulegen möchte?

Es kommt wie immer darauf an, was man im Detail will. Eine Möglichkeit wäre, sich ein Rad bauen zu lassen, was nur aus elf Rahmenrohren besteht und weder Schaltung noch Bremsen hat.

Ein Fixie?

Genau. Da bekommt man Maßrahmen sicher schon unter 1000 Euro. Wenn man aber viele Details will, also diverse Anlöter und Gepäckträger, oder Sonderwünsche hat, wird es schnell teurer. Man kann auch 3000 oder 4000 Euro nur für Rahmen und Gabel ausgeben.

Jetzt wird klar, warum dieser Gebrauchtmarkt für Stahlrahmen aus den 1990ern existiert: Weil man dort auch für kleines Geld solide, gut gemachte Rahmen bekommen kann.

Auf jeden Fall. Manchmal kauft man schon für 130 bis 150 Euro eine gute Basis für ein Rad, mit dem man dann in der Stadt fahren kann. Ins Gelände geht mit diesen alten Mountainbikes heute kaum noch jemand. Da hat sich in Sachen Schaltung, Federung, Bremsen und Handling schlicht zu viel getan. Die Mountainbikes von heute haben mit denen von vor 25 Jahren kaum noch etwas zu tun.

Was sollten Käufer eines gebrauchten Stahlrads beachten?

Wichtig ist vor allem: Wie hat das Rad all die Jahre verbracht? Ist viel Lack abgeplatzt? Haben manche Rohre Beulen? Wirken Rohre nicht mehr ganz gerade? In solchen Fällen sollte man die Finger davon lassen. Gleiches gilt, wenn es im Inneren des Rahmens rieselt oder klimpert, wenn man ihn bewegt - dann ist da Rost drin.

www.stahlrahmen-bikes.de

David H. Kossmann 

Der Branchenkenner arbeitet seit über zehn Jahren für den Pressedienst Fahrrad in Göttingen, war vorher unter anderem als Radkurier oder Mitarbeiter in Fahrradgeschäften tätig.

Der 40-Jährige ist gebürtig aus Weimar und hat in Leipzig und Bielefeld gelebt. Zählt er seinen privaten Fahrradfuhrpark durch, wird die Zahl zweistellig. (rnw)

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1Kommentare

Die Diskussion wurde geschlossen.

  • 0
    1
    WolfgangPetry
    18.06.2019

    Super Interview. Wobei man sagen muss, in manchen westlichen Gegenden Deutschlands bekommt man alte Marken Mountainbikes mit Stahlrahmen für weit unter 100 Euro - die Preise sind im Keller. Bei den Trekkingrädern in 28" ist es ähnlich. Manchmal kaum gefahren, taufrisch und mit guter Ausstattung. Keine Ahnung, wer 2000 Euro nur für einen Maß-Stahlrahmen ausgibt, aber wer das will soll es machen.



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