Letzter Ausweg: Operation

Bei starkem Übergewicht helfen Diäten kaum. Eine Magenverkleinerung reduziert nicht nur die Pfunde, auch Blutfette und Blutzucker sinken. Ein Spaziergang ist die OP aber nicht, wie Erzgebirgerin Kornelia Bretschneider erfahren hat.

Sie kann es kaum fassen: Diese Hose soll ich einmal getragen haben? Kornelia Bretschneider aus Burkhardtsdorf im Landkreis Stollberg erinnert sich daran, dass das Kleidungsstück am Bauch sogar recht eng saß. Heute würde ihr Körper fast schon in ein Hosenbein passen. Denn nach rund 18 Monaten wiegt sie über 50 Kilogramm weniger - dank Magenbypass. Sie erzählt ihre Geschichte, um anderen Mut zu machen.

Die heute 46-Jährige hat in den letzten 30 Jahren alle Diäten probiert. Doch die verlorenen Kilo hatte sie danach schnell wieder drauf - und sogar noch ein paar mehr. "Ich wurde in der Schule ausgegrenzt, weil ich so dick war, und fühlte mich sehr allein.", erinnert sie sich. "Und gegen Einsamkeit, Demütigung und Langeweile half essen. Vor allem Süßes." Schon mit 19 sei bei ihr eine rheumatische Erkrankung diagnostiziert worden. Sie war auf Schmerzmittel angewiesen, konnte sich kaum bewegen. "Hinzu kommt, dass alle Frauen in meiner Familie stark übergewichtig waren. Wir sind genetisch vorbelastet." Eine fatale Kombination.

Das Gewicht ging weiter nach oben. Mit 41 Jahren bekam Kornelia Bretschneider einen Herzinfarkt. "Mein Leben hing am seidenen Faden." Auch im Krankenhaus erlebte sie Ablehnung. "Mir wurde suggeriert, dass ich an meiner Krankheit selbst schuld bin. Das tat sehr weh."

Wegen des Infarkts hörte Kornelia Bretschneider sofort auf zu rauchen - und nahm weiter zu. "In der Reha nach dem Krankenhaus suchte ich das Gespräch mit Psychologen. Bis in die Kindheit hinein haben wir nach den Ursachen für mein Übergewicht gesucht. Erst da habe ich so manchen Zusammenhang verstanden." In Internetforen las sie viel über Adipositaschirurgie. "Mein Entschluss stand fest. Ich wollte die Operation. Sie war meine einzige Chance."

Doch zu diesem Zeitpunkt waren die Hürden noch hoch, den Eingriff von der Krankenkasse bezahlt zu bekommen. Bei ihrem Gewicht von 120 Kilogramm und einer Größe von 1,78 Metern lag ihr Body-Mass-Index (BMI) bei 38. Über 40 musste er aber mindestens sein, damit die Kasse die OP bezahlt. "Mein erster Antrag wurde dann auch prompt abgelehnt", sagt sie. Unterstützung bekam die gelernte Industriekauffrau dagegen vom Arbeitgeber.

Mit Hilfe der Ärzte vom Adipositaszentrum des Städtischen Klinikums Dresden und ihres Rheumatologen wagte sie einen zweiten Antrag, in dem die gesundheitliche Situation "knallhart geschildert" wurde. "Frühberentung und schlimmstenfalls Pflegebedürftigkeit waren meine Aussichten." Doch die Kasse lehnte erneut ab. Sie solle mit Sport und Ernährungsumstellung die Gewichtsabnahme versuchen, hieß es. "Schwer Rheumakranken schadet die Belastung durch den Sport den Gelenken mehr, als sie nützt", sagt sie. Sie legte mit ärztlicher Unterstützung erneut Widerspruch ein und bekam die Zusage.

Seit 2018 gilt eine neue Leitlinie für die Adipositas-Chirurgie, die das Behandlungsziel mehr auf die begleitenden Erkrankungen ausrichtet. Kornelia Bretschneider hätte danach die Voraussetzungen für eine solche metabolische Operation erfüllt. Denn sie ist schwer chronisch krank und hat einen BMI von über 35. "Patienten, die begleitend an insulinpflichtigem Diabetes Typ 2 leiden oder Erkrankungen der Gefäße oder Nieren aufweisen, profitieren selbst bei einem niedrigeren BMI von der Operation", sagt Dr. Miriam Dressler, Chirurgin und Oberärztin am Kompetenzzentrum für Adipositaschirurgie in Dresden.

Ihr zufolge sind die Erfolge für die Behandlung schwerer Begleiterkrankungen revolutionär. Am stärksten beim Magenbypass. Dabei wird neben der Verkleinerung des füllbaren Magenanteils der Dünndarm so umgeleitet, dass sich Nahrung und Verdauungssäfte erst im mittleren Dünndarm vermengen können. Neben einem verminderten Hungergefühl wird weniger Nahrung verwertet. Hormonelle Veränderungen sorgen dafür, dass der Blutzucker schon lange vor der Gewichtsreduktion sinkt. "Viele meiner Patienten brauchen danach kein Insulin mehr zu spritzen, haben niedrigere Blutfettwerte, sind körperlich gesünder, können sich wieder besser bewegen und sind oft wieder voll arbeitsfähig", sagt Miriam Dressler. Die Kosten, die so eingespart werden, übersteigen die OP-Kosten bei weitem. Deshalb begrüßt sie die neue Leitlinie, nach der mehr Adipositaspatienten die Möglichkeit zur OP erhalten.

Einer aktuellen Untersuchung der Barmer zufolge hat sich die Zahl der bariatrischen Operationen zwischen 2006 und 2017 verzehnfacht. Die AOK Plus verzeichnet in Sachsen seit 2014 eine Verdopplung.

Für Sylvia aus Bautzen, die ihren richtigen Namen nicht nennen will, ist das auch ein großes Geschäft für die Kliniken. "Operationen würden schließlich besser honoriert als monatelange konventionelle Behandlungen mit Ernährungsberatung, Physiotherapie, Psychotherapie und Medikamenten." Sylvia wird ebenfalls in einem Adipositaszentrum behandelt. "Mein BMI lag bei 43, als ich mit der Therapie angefangen habe", sagt sie. Hinzu kam ein schwerer Diabetes. Als sie gelesen habe, welch großer Eingriff eine Magenverkleinerung ist, habe sie sich dagegen entschieden. "Plötzlich war ich bereit, alles zu tun, um von meinem extremen Übergewicht herunterzukommen." Jetzt ist sie morgens die Erste in der Schwimmhalle. In der Ernährung verzichtet sie auf Kohlenhydrate. "Das tut meinem Diabetes gut und fällt mir erstaunlich leicht." Sie sei auf einem guten Weg, ihr BMI liege bereits bei 40. Doch habe sie sich diesen Weg erstreiten müssen. "Ich habe mich zur OP gedrängt gefühlt."

Oberärztin Dressler kann das nicht nachvollziehen. "Bei uns wird niemand gedrängt." Fakt sei, dass bei einem BMI von 43 und schwerem Diabetes mit Diät und Bewegung oft die Erfolge einer konservativen Therapie nicht ausreichen, um die schweren Begleiterkrankungen ausreichend zu beeinflussen. "Bringt die OP einen größeren Nutzen, sagen wir das den Patienten. Das ist kein Drängen", sagt sie. Und Sylvia räumt ein, die OP möglicherweise doch noch anzugehen, wenn das Gewicht plötzlich wieder steigt. "Ich will einfach nur leben und gesund sein."

Kornelia Bretschneider aus Burkhardtsdorf überstand den Eingriff gut. "Nach zehn Tagen konnte ich schon wieder nach Hause und habe mich weiterhin gut erholt", erinnert sie sich. Doch einige Wochen später habe sie sich immer schwächer gefühlt, und sie hatte plötzlich Blut im Stuhl - viel Blut.

Im Krankenhaus wurde dann ein Geschwür entdeckt und operativ verschlossen. Es hatte sich an der Stelle der Klammernaht gebildet. Dort war ein Loch entstanden, sodass die Nahrung in den stillgelegten Magenteil rutschte. "Das ist eine Komplikation, die hauptsächlich bei Patienten auftritt, die vorher immunmodulierende Medikamente genommen haben. Bei ihnen ist die Abwehr geschwächt", sagt Dr. Dressler. Die Patientin nahm wegen ihren Rheumas solche Mittel. "Auch ein hochgradiger Diabetes oder Rauchen erschweren die Wundheilung. Dennoch haben die Patienten mit der OP größere Überlebenschancen als ohne", sagt die Ärztin. "Riskant ist dieser Eingriff nicht, leichtfertig führen wir ihn aber auch nicht durch."

Die nächste Komplikation stellte sich im November 2018 ein. Der Magenausgang, der mit dem Dünndarm verbunden wird, hatte sich gedehnt, sodass die Nahrung gleich in den Dünndarm rutschte. Das verursacht Symptome einer Unterzuckerung und führt damit zu einer unnötigen Zufuhr kohlenhydratreicher Nahrung, die Gewichtsabnahme stagniert. Die Komplikation heißt Dumpingsyndrom. Sie wird in Dresden mit einer neuen Methode behandelt - ohne Schnitt. "Während einer Magenspiegelung wird der Magenausgang mithilfe eines Endoskops gestrafft. Die Nahrung bleibt wieder länger im Magen und meldet Sättigung ans Gehirn", sagt Dr. Matthias Kandler, Internist am Adipositaszentrum Dresden.

Damit nach dem endoskopischen Eingriff alles gut verheilt, bekommt der Patient über Wochen nur Flüssignahrung. Ganz langsam wird die Kost aufgebaut. "Danach möchte ich wieder arbeiten - möglichst Vollzeit", sagt Frau Bretschneider. Trotz ihrer Schwäche strahlt sie eine große Entschlossenheit aus. "Die Hose hebe ich mir zur Mahnung auf, und mein letztes Foto vor der OP kommt an den Kühlschrank. So möchte ich nie wieder aussehen."

Drei Behandlungsmethoden bei Adipositas

Verstellbares Magenband:

Der Chirurg legt ein Band um den oberen Teil des Magens. Durch einen engen Durchgang werden Nahrung und Flüssigkeiten von der kleinen oberen Magentasche in den Rest des Magens geleitet. Bei den Mahlzeiten sammelt sich Nahrung schnell in der oberen Tasche. Damit fühlt sich der Patient schneller satt. Über einen Port, der unter die Haut implantiert wird, und der durch einen Schlauch mit dem Magenband verbunden ist, kann das Band enger oder weiter gestellt werden. Bei diesem Verfahren wird die Anatomie des Magens nicht verändert. Das Band kann wieder entfernt werden.

Der Magenbypass:

Die OP reduziert die aufnehmbare Nahrungsmenge pro Mahlzeit und deren Verwertung. Außerdem sorgt sie dafür, dass stark fett- und zuckerhaltige Nahrungsmittel nicht mehr vertragen werden. Bei der OP wird der Magen getrennt - in eine kleine Magentasche und den größeren Restmagen. Die Tasche nimmt nur wenig Nahrung auf, man ist schneller und länger satt. Der Dünndarm wird an die Magentasche angeschlossen und so umgeleitet, dass sich Nahrung und Verdauungssäfte erst im mittleren Dünndarm vermengen. Daher werden Nährstoffe nicht vollständig verdaut und liefern weniger Energie.

Der Schlauchmagen:

Bei der chirurgischen Methode wird der größte Teil des Magens entfernt, sodass ein schlauchförmiger Restmagen bleibt. Die Füllmenge des Magens wird auf ein Zehntel reduziert. Damit werden auch Hormone vermindert, die für das Hungergefühl verantwortlich sind. Dieser Eingriff ist jetzt auch endoskopisch - also ohne Bauchschnitt - möglich. Während einer Magenspiegelung wird der Magen mit einer speziell entwickelten Nahttechnik um bis zu 80 Prozent reduziert. Damit können auch Patienten behandelt werden, die keinen bauchchirurgischen Eingriff wollen.

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