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Reisetipp: Mit dem Hausboot eine Woche von der Havel bis zur Müritz

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Ein Hausboot ist wie ein Wohnmobil – nur auf dem Wasser. Dafür braucht es keinen Führerschein, nach einer Kurzschulung geht es los. Ein Test auf Seen und Flüssen in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Fürstenberg/Havel.

In Fürstenberg/Havel dominiert die französische Firma Locaboat. Boote unterschiedlicher Größen sind im Hafen vertäut. Das Auto kann hier sicher geparkt werden. Es gibt ein Hafenbüro, ein italienisches Restaurant und einen Basisleiter von Locaboat, Guido Gall. Der ist zuständig für die Einweisung. Handwagen für den Gepäcktransport vom Autokofferraum über die Stege bis zum Boot stehen parat.

Wir haben uns für ein Schiff der Kategorie Pénichette entschieden. Es hat die Form eines Lastenkahnes, wie er in Frankreich früher genutzt wurde - viel Platz, gut steuerbar, sicher. Am Bug steht der Name des Heimathafens „Fürstenberg“. Die normale Einweisung dauert zwei Stunden. Wenn keiner einen Bootsführerschein besitzt, gibt es eine zusätzliche Kurzschulung zu den Gewässern für den Charterschein. Dieser berechtigt zum Führen des Bootes während der Mietdauer. Auch alle anderen an Bord dürfen das Boot steuern.

Sicher und ruhig gleitet das Hausboot vom Typ Pénichette durch die Havellandschaft.
Sicher und ruhig gleitet das Hausboot vom Typ Pénichette durch die Havellandschaft. Foto: Locaboat

Unser Boot ist 15 Meter lang, 3,85 Meter breit und hat einen Tiefgang von 85 Zentimetern. Vier Kabinen mit je zwei Kojen, eine Küche mit Gaskochern, Spüle und einen haushaltsüblichen Kühlschrank mit Gefrierfach sind unter Deck. Zu jeder Kabine gehört eine Toilette mit Dusche, eine Nasszelle wie in Wohnmobilen. Im Aufenthaltsraum ist Platz am Tisch für bis zu 8 Personen. Alle Räume haben eine Heizung - betrieben wie eine Standheizung im Auto per Dieselbrenner. Rund 800 Liter Trinkwasser sind gebunkert. Der Schmutzwassertank ist leergepumpt und fasst bis zu 1000 Liter. Treibstoff ist aufgefüllt.

Gesteuert werden kann das Boot vom Oberdeck, mit abklappbarem Sonnensegel, und vom Innenraum. Guido Gall zeigt uns die wichtigsten Schalter, wie der Motor gestartet und abgestellt wird. Wie Wasser nachgefüllt und der Schmutzwassertank geleert werden kann. Gall: „Der Anker hat eine Kette von 30 Metern. Die sollte auch ausgelassen werden, um sicher und fest zu liegen.“ Per Handwinde wird der Anker eingeholt. Die Badeleiter ist am Vorderdeck, neben dem Fahrrad fürs Brötchenholen, vertäut.

Auf einer kurzen Probefahrt bekommen wir das erste Gefühl, wie das Boot auf das Ruder bei welcher Geschwindigkeit und bei welchem Wind reagiert. Wir übernachten noch in der Fürstenberg-Marina. Achtung: Für das Nutzen der Sanitäranlagen an Land sind beim Duschen - spart Wasser an Bord - 50-Cent-Stücke einzuwerfen.

Tag 2: Anlegen beim Weihnachtsmann in Himmelpfort

Hausbootschippern macht Spaß, auch weil unterwegs reizvolle Ziele angesteuert werden können. Unser erster Stopp: Himmelpfort, ein Ortsteil von Fürstenberg, eine Stunde Fahrt über Havel und den Stolpsee. Hier ist der Weihnachtsmann gleich neben der Tourist-Info zuhause. Rund 320.000 Briefe mit Wünschen aus 72 Ländern kommen im Jahr an und werden von 22 ehrenamtlich schreibenden Frauen alle beantwortet. Gleich daneben haben die Einwohner mit einer von Jörg Bergmann geleiteten Stiftung das Brauhaus des einstigen Zisterzienserklosters zu einer Kulturstätte für Kammermusik, Disco und Ausstellungen saniert und umgestaltet.

Nach dem Mittag legen wir wieder ab. Kurs Lychen. Der Stadthafen ist besetzt. Wir bekommen an den Stegen von BunBo, dem Vermieter von Bungalowbooten, noch einen Liegeplatz. Alternativ hätten wir auch ankern können. Doch in der Nacht soll ordentlich Wind aufkommen. Da ist ein kleiner Hafen sicherer. Lychen liegt an sieben Seen und ist die Stadt, in der Uhrmachermeister Johann Kirsten 1902 die Heft- oder Reißzwecke erfand. Ein mit überdimensionalen Reißzwecken markierter Weg führt durch den 3200-Einwohner-Ort. Entlang der größten Feldsteinkirche der Uckermark und hin bis zur Helenenkapelle neben der ehemaligen Heilklinik, die ein Verein mit Liebe zum Detail saniert und wieder für Besucher und Konzerte und Lesungen geöffnet hat.

Tag 3: Fangfrisches aus der Havel vom Fischer

Die längste Etappe liegt vor uns - fünf Stunden Fahrt gen Norden, zurück und vorbei an Fürstenberg, über den Röblinsee, viele Havelkilometer, über den Ellbogensee, Richtung Hafen Priepert. Seeadler, Fischadler, roter Milan und sogar der Eisvogel mit seinem rot-blauem Gefieder sind hier heimisch. Drei Schleusen müssen wir passieren. Der Wind frischt auf und erreicht bis zu Stärke 8. Die Penichette liegt dennoch sicher in den Wellen, auf denen sich Schaumkämme bilden. Wir klappen das Sonnensegel ein, auch weil manche Brückenhöhe dafür nicht reicht. In den Havelkanälen ist es wesentlich ruhiger. Jetzt im Herbst sind die Wartezeiten vor der Schleuse kurz, maximal eine Viertelstunde.

Ein- und Ausfahrt verlangen Gefühl fürs Boot. Erst recht, wenn Seitenwind drückt. Die Bugstrahlruder helfen, mal steuer-, mal backbord ein paar Zentimeter auszugleichen.

Es gibt auch Schleusen ohne Schleusenwärter. Hier muss ein Hebel betätigt und den Anweisungen auf einem Display gefolgt werden. Wir kommen ohne Anrempler durch - auch, weil das Boot außenbords gut mit Fendern als Puffer bestückt ist. Am Nachmittag legen wir in Priepert an.

Wolfgang Bork leitet die Genossenschaft der Seenfischerei Obere Havel. 30 Seen werden hier bewirtschaftet.
Wolfgang Bork leitet die Genossenschaft der Seenfischerei Obere Havel. 30 Seen werden hier bewirtschaftet. Foto: Peter Redlich

Wir wollen noch zum Binnenfischer in Ahrensberg und leihen uns Fahrräder aus. Wolfgang Bork leitet hier mit seinem Sohn die Seenfischerei Obere Havel als Genossenschaft. Barsch, Schlei, Hecht, Aal und Forelle werden aus dem See per Netz oder aus der Reuse gezogen. 50 bis 60 Tonnen im Jahr. Es könnte mehr sein, wenn nicht jeder Kormoran jeden Tag mindestens ein halbes Kilo Fisch räubern würde.

Zurück im Hafen Priepert überschlagen wir unsere Bordkasse. Drei Euro kostet der Meter Schiff als Liegegebühr über Nacht. In Priepert gibt es mit Guthaben aufladbare Chipkarten. Davon können Landstrom (ein Euro/Kilowattstunde), Dusche (zwei Euro für drei Minuten) und Wasser bezahlt werden. Wir müssen auffüllen. 100 Liter kosten einen Euro.

Tag 4: Die Prinzessinnen-Torte im Schloss Mirow

Die Preise in den anderen Häfen sind ähnlich. Auch in Mirow, unserem nächsten Ziel. Vier Stunden Bootsfahrt liegen vor uns. Havel, Labussee, Vilzsee, Zotzensee heißen die Wasserreviere, die wir passieren, teils kurvenreich. Die Wasserstraßenkarte an Bord oder die Handy-App helfen beim Navigieren und bewahren vor dem falschen Abbiegen in der fast 1000 Seen zählenden Landschaft von Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Der Wind legt wieder zu. Vom Wärter in der Diemitzer Schleuse erfahren wir, dass die nächste Passage in Mirow, hin zur Kleinen Müritz und Rechlin, geschlossen wurde. Der Wind drückt zu stark gegen die Schleusentore. Kein Problem. Wir wollen eh erst am nächsten Tag weiter und uns vorher auf der Schlossinsel umschauen.

Ein Besuch im Schloss lohnt sich. Für acht Millionen Euro wurde es saniert. In den Sälen und Gemächern gibt es die Geschichten der Herzöge von Mecklenburg-Strelitz zu sehen, zu lesen und zu hören. Eine hier Geborene, Sophie Charlotte (1744-1818), verließ 1761 mit 17 Jahren Mirow, heiratete Georg III. von England und wurde zur Königin von Großbritannien gekrönt.

Drei Prinzessinen lebten auf dem Schloss in Mirow: Sophie Charlotte, Luise (1776-1810) und Friederike (1778-1841). Nach jeder ist heute eine Torte im Palais-Cafè benannt. Uns schmeckt die Friederike gewidmete mit Stachelbeere und Rhabarber am besten. Noch eine Empfehlung: Die Restaurants in der Gegend bieten alle reichlich Wild, Fisch und regionales Gemüse an.

Tag 5: Durch die Wellen zur bunten Stadt Röbel

Der Wind hat etwas nachgelassen. Die Schleuse Mirow darf wieder öffnen. Wir tuckern über Kanal und Sumpfsee durch saftig grüne Schilf- und Heidelandschaft zur Kleinen Müritz. Im Kanal sind acht Kilometer je Stunde vorgeschrieben. Die Bootshausanlieger machen mit Schildern darauf aufmerksam, dass sie keinen Wellenschlag mögen. Der allerdings empfängt uns am Ausgang von der Kleinen Müritz in die richtig große. Auf 32 Kilometer Wasserstrecke von Nord nach Süd können sich gehörig Wellen aufbauen. Die Penichette meistert das. Ab Windstärke 4 dürfen gemietete Boote nicht mehr auf der Müritz fahren und müssen im Hafen bleiben oder in einer geschützten Bucht ankern. Bis Röbel schaffen wir es gerade noch.

Der Blick vom Kirchturm von St. Marien in Röbel reicht weit in die Müritzlandschaft.
Der Blick vom Kirchturm von St. Marien in Röbel reicht weit in die Müritzlandschaft. Foto: Peter Redlich

„Bunte Stadt am kleinen Meer“ wird die 5100 Einwohner zählende Gemeinde genannt, weil die Fachwerkhäuser nicht nur mit Liebe saniert, sondern farblich wechselnd in Rot, Gelb oder Blau die Altstadt zieren. Auf den Kirchturm steigen ist zu empfehlen. Der Rundblick von St. Marien bis nach Rechlin oder Waren belohnt für die 176-Stufen-Kletterei auf 45 Meter Höhe.

Am Nachmittag nehmen wir den Bus nach Waren. Die Hafenstadt am Nordufer der Müritz hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zur modernen, stark besuchten Touristenmeile mit Läden, Ferienwohnungen und Hafenfesten entwickelt. Wer rund um die Müritz Urlaub macht, muss mindestens einmal hier gewesen sein. Wir genießen noch ein saftiges Fischbrötchen bei den Müritzfischern und machen uns bereit für die lange Rückfahrt nach Fürstenberg an Tag 6 und 7.


Ab aufs Hausboot

Kosten: Für eine Woche müssen insgesamt 2000 und 3000 Euro eingeplant werden. Kleinere Schiffe sind günstiger zu haben. Neben den Grundkosten muss eine Kaution hinterlegt werden. Außerdem werden Betriebsstunden berechnet.

Besatzung: Es lohnt sich, ein größeres Boot zu mieten und mit mehreren Personen zu fahren - 3000 Euro geteilt durch fünf ist besser als 2000 Euro durch zwei.

Kleidung/Platz: Wetterfeste Kleidung ist auch im Sommer zu empfehlen. Der Stauraum entspricht je Kabine etwa dem in einem Wohnmobil

Essen/Kochen: Gasherd mit zwei bis drei Flammen und ein Kühlschrank zwischen 140 und 200 Liter Fassungsvermögen sind für die An-Bord-Versorgung gut geeignet.

Kontakte: www.deutschlands-seenland.de und www.locaboat.com

Die Reise wurde unterstützt von Locaboat (ab nächstem Jahr Riverly) und der Vereinigung Deutschlands Seenland (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin)

Bild: Tilo Steiner
© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG
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