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Chemnitzer Goalballer in Europas Spitze: Tolles Team voller Glücksgefühle

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Hinter den Goalballern des Chemnitzer BC liegt die bislang erfolgreichste Saison. Neben dem Meistertitel und dem Pokalsieg etablierte sich die Mannschaft erstmals in der europäischen Spitze. Und es soll noch weiter gehen.

Chemnitz.

Der wichtigste der drei Pokale ist zwar der kleinste, doch die Wertigkeit schmälert das in keiner Weise. Aufgekratzt und voller Euphorie präsentierten die Goalballer des Chemnitzer BC (CBC) noch einmal gern ihre drei Trophäen, die sie an den vergangenen drei Wochenenden erkämpft hatten. Dass sie in der Deutschen Meisterschaft und im Ligapokal triumphierten, waren nach den Resultaten über die Serie hinweg fast logische Folgen. Aber der Bronzerang im Finale der Champions League glich einer Sensation. Denn die Sachsen sind reine Amateure, ihr Kontrahenten indes überwiegend Profis und mit den jeweiligen Nationalmannschaften identisch. So dauerte es schon eine Weile, bis alle verinnerlicht hatten, was ihnen da Großes gelungen war.

"Dass ist für unsere Supertruppe bisher die absolute Krönung. Wir wollten uns auf einem anderen Niveau messen und endlich mal beweisen, was wir draufhaben. Dass wir so mithalten, hätten wir aber nie gedacht", wertete Felix Rogge und fügte mit einem Strahlen im Gesicht hinzu: "Jeder ist tief in sich begeistert. Ich bin jetzt über 20 Jahre dabei, aber so viel Spaß trotz der Belastungen hatte ich noch nie." Der Routinier erlebte in seiner Karriere dabei schon einige Höhen und Tiefen, vor allem als Auswahlakteur. Er gehörte beispielsweise zu den Mannschaften, die Vizewelt- und Europameister wurden, aber auch bei den Paralympics 2021 sang- und klanglos in der Vorrunde ausschieden.

Er stammt aus Neverin in Mecklenburg-Vorpommern, begann einst in Königs Wusterhausen mit dem Goalball. 2016 kam er wegen seiner Ausbildung zum Fachinformatiker nach Chemnitz und damit zum Team. Zwischenzeitlich spielte er auch eine Saison noch am Bundesstützpunkt in Rostock. Doch er kehrte auch deshalb zu "seinen Jungs" zurück, weil ihm die außergewöhnliche Atmosphäre, der Zusammenhalt fehlten. Und der 33-Jährige, der etwa zehn Prozent Sehkraft besitzt, hatte auch die Idee, sich einmal für die Champions League anzumelden. Er kümmerte sich dabei um die organisatorischen Dinge, suchte nach Unterstützern und Privatspendern, um die Reisen und Aufenthalte finanziell abzusichern. Besonders berührend fanden er und seine Gefährten, dass die Schüler der Blindenschule einen Kuchenbasar organisierten und den Erlös von 250 Euro beisteuerten.

Schon in der Vorrunde der Champions League hatten die Chemnitzer für Erstaunen bei der Konkurrenz gesorgt, als sie beide Turniere auf Platz eins beendeten und sich souverän für das Finale in Rostock qualifizierten. Felix Rogge und Oliver Hörauf, der aktuell wohl stärkste deutsche Nationalspieler, liefen dabei zu Höchstform auf und ballerten die Bälle nur so ins gegnerische Netz. Auf der Centerposition entwickelte sich Rouven Schetelich, der erst seit 2019 Goalballer ist und vor seiner Augenerkrankung (jetzt drei Prozent Sehvermögen) Eishockey spielte, zu einer festen Größe. Der 28-Jährige zeigte starke Leistungen wie noch nie.

Das gelang auch André Platen, der im kleinen Finale gegen eine finnische Mannschaft durchspielte. Sonst meist Wechselspieler, begeisterte ihn dieses Erlebnis derart, dass er sein angekündigtes Laufbahnende zurücknahm und nun weiter im wahrsten Sinne des Wortes am Ball bleibt. Zumal die Einsätze auf nationaler Ebene mehr wurden, weil auch die sogenannte zweite Reihe besser agierte als die Vertretungen anderer Vereine. Trat der CBC-Stamm an, hatte selbst Rostock als jeweils Zweiter keinerlei Chance. Die Finals wurden jeweils noch in der ersten Halbzeit abgebrochen - das passiert, wenn der Unterschied zehn Tore beträgt.

Natürlich fühlten sich auch für die beiden Trainer die Resultate, vor allem der Bronzerang in der Champions League, überwältigend und einmalig an. "Die Mannschaft hat das taktisch alles so gut hingekriegt. Ich war baff, als wir in der Vorrunde gegen die Auswahl Litauens, immerhin Paralympicssieger und aktueller Europameister, mit 12:6 gewannen", berichtete Sascha Timaeus, der seit 2009 dabei ist. Erst als Aktiver, seit 2014 vor allem als Coach, der sich seither eine Unmenge an Fachwissen angeeignet hat, auch seine Masterarbeit über das Metier schrieb. Dabei wertete der 34-jährige Experte, der großen Anteil an der sportlichen Steigerung aller Akteure hat: "Felix und Oli bilden die beste Flügelzange Europas. Das sucht seinesgleichen. Aber auch die anderen haben ihre Rollen toll angenommen." Beinahe wäre sogar noch mehr möglich gewesen. Doch im Halbfinale gab es eine Niederlage gegen Montenegro, wobei in der Vorrunde noch ein Sieg gegen dieses Nationalteam gelang. Doch der Ärger währte nur kurz, nach sieben Partien in enger Folge war einfach der Akku mal leer. "Bronze steht uns gut zu Gesicht. Wäre es gleich Gold geworden - wo wäre der Hunger geblieben? So haben wir das nächste Ziel", meint der Grundschullehrer, der sich bei der Betreuung bestens mit Jürgen Müller ergänzt. Der 69-Jährige hatte nach der Wende das erste Goalballteam in Chemnitz aufgebaut, seitdem brennt er für diese Leidenschaft, ist dabei immer auf der Suche nach neuen Mitstreitern. "Nur zuschauen wäre nichts für mich, mir würde was fehlen. Loslassen kann ich nicht, schon gar nicht nach so einem Jahr", meint das Urgestein nach dem schönsten Lohn für sein unermüdliches Wirken.

Die eingeschworene Truppe trifft sich weiter regelmäßig, erstmal mehr zum lockeren Training oder zum Plauschen danach. Sie unterstützen vor allem Oliver Hörauf, der sein Pensum von vier Einheiten, davon zwei im Fitnessstudio, noch nicht reduzieren kann. Für den Auswahlakteur, der am Sonntag 26 Jahre alt wurde, steht im Dezember die nächste WM auf dem Programm.

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