Mit 40 Fieber zum WM-Titel

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Im Erzgebirge sind viele Sportler groß geworden - Olympiasieger und Welt-, Europa- sowie nationale Meister. In einer unregelmäßigen Folge will die "Freie Presse" aufzeigen, wie es ihnen geht und was sie jetzt so machen. Heute: Carola Ciszewski.

Schneeberg.

In den nächsten zweieinhalb Wochen wird Carola Ciszewski wohl öfter vor dem Bildschirm zu finden sein. Seit Donnerstag kämpfen die Handball-Frauen in Spanien um WM-Meriten. Und die 53-Jährige kann etwas vorweisen, wovon die deutschen Spielerinnen auf dem Parkett bislang nur träumen können: den Titel nämlich. Eingefahren 1993 in Norwegen, es war der bis heute letzte Triumph der DHB-Frauen bei einer Weltmeisterschaft. Lang ist's her. Für Ciszewski, die einst als Rechtsaußen übers Parkett wirbelte, war es der größte Erfolg ihrer an Erfolgen gewiss nicht armen Laufbahn. Die meisten fuhr sie mit dem HC Leipzig ein, gewann vier Meisterschaften und zweimal den Europapokal.

Obwohl in Merseburg geboren, liegen die sportlichen Wurzeln von Carola Ciszewski im Erzgebirge. In Schneeberg, um genau zu sein, wohin sie mit ihren Eltern im Alter von elf Jahren zog. Zunächst in der Leichtathletik als Sprinterin und im Weitsprung aktiv, kam sie durch eine Freundin zur BSG Wismut zum Handball. "Durch Untersuchungen war klar, dass ich mal groß werden würde. Dazu noch Linkshänderin. Ich galt als Rohdiamant, zumal ich mich nicht ganz dumm angestellt habe", erzählt sie. Der weitere Weg war programmiert. Einen Konkurrenzkampf der Vereine um die besten Nachwuchs-Handballer gab es zu DDR-Zeiten nicht, stattdessen war das Staatsgebiet in Areale aufgeteilt. "Die Talente aus dem Bezirk Karl-Marx-Stadt kamen nach Leipzig. Ich habe damals im Internat gewohnt und bin mit dem Zug gependelt", so Ciszewski. 1986 debütierte sie mit 17 Jahren für den SCL in der Oberliga-Mannschaft und wurde im selben Jahr gleich Europapokalsiegerin. 1988 folgte die erste Meisterschaft. "Wir sind schon verwöhnt gewesen. Handball gehörte zu den vom Staat geförderten Sportarten", erinnert sie sich. Von ihrem Verein habe sie ein Auto gestellt bekommen, obwohl sie noch nicht einmal einen Führerschein besessen habe.

Die Wendezeit erlebte Carola Ciszewski vom Krankenbett aus. Sie hatte sich das Kreuzband gerissen und war Stammgast in der Unfallklinik der Hochleistungssportler in Bad Düben. So manche Mitspielerin sei in dieser Zeit dem Lockruf des Geldes gefolgt und habe bei anderen Vereinen angeheuert. "Für mich kam das aber nie in Frage, obwohl es Angebote gab. Ich habe daran aber keinen Gedanken verschwendet." Die Treue zahlte sich umgehend aus. Denn es begann die Ära unter Lothar Doering. Der Olympiasieger, 1980 mit der DDR in Moskau, übernahm als Trainer die Leipziger Frauen und noch im selben Jahr die DDR-Nationalmannschaft. Unter ihm gewann Carola Ciszewski 1990 ihren zweiten Europacup und holte bei der WM in Südkorea Bronze. "Da standen noch zwei deutsche Mannschaften am Start. Und wir waren eine ziemliche Rumpftruppe."

Zwei Jahre später machte es die inzwischen vereinte deutsche Nationalmannschaft in Norwegen noch besser. Im entscheidenden Spiel der Hauptrunde trafen die Deutschen auf Österreich. Die hätten sich damals schon im Finale gewähnt, erzählt Ciszewski. "Aber Lothar war ein Fuchs. Er hatte erkannt, dass die bis dahin erfolgreiche Taktik der Österreicherinnen nur auf einem einzigen gelungenen Spielzug beruhte. Und wir haben im Training nichts anderes gemacht, als diesen zu unterbrechen." Das zahlte sich im Spiel aus: Die Alpenländerinnen wussten nicht, wie ihnen geschah und erlebten beim 10:25 ein Debakel. Was danach kam, sei nur noch Zubrot gewesen. Und so spielten die deutschen Damen auch. Frei von der Leber weg zwangen sie im Endspiel die hoch favorisierten Däninnen zunächst in die Verlängerung und anschließend in die Knie. Gesundheitlich angeschlagen, spielte Ciszewski in dieser Partie allerdings nur ein paar Minuten. "Danach lag ich mit einer Grippe und 40 Grad Fieber im Bett."

Gern erinnert sich die 53-Jährige auch an die Olympischen Spiele in Barcelona 1992, die aus heutiger Sicht als eine der besten der Historie gelten. Ciszewski kann das bestätigen. "Die Atmosphäre war der absolute Wahnsinn. Eine Stadt voller Sportler und Stars, im Grunde ein riesiges Kinderferienlager für Erwachsene." Von der Eröffnung bis zur Abschlussfeier vor Ort, sah sie unter anderem die US-Basketballer, die als "Dream Team" zum Titel spazierten. Sportlich endeten die Spiele für die Handballerinnen mit Blech. Das Gefühl des undankbaren vierten Platzes habe sie damals aber nicht empfunden. "Als DDR-Sportler war man darauf geeicht, im Finale zu stehen. Vor dem kleinen Finale war die innere Spannung völlig weg. Bronze hatte einfach nicht den Stellenwert. Und deshalb war die Niederlage gegen Russland nicht so schlimm für uns."

Mitte des Jahrzehnts wurde es in der Nationalmannschaft ruhiger um Carola Ciszewski. 1994 ging Trainer Doering nach Magdeburg, mit Nachfolger Ingolf Wiegert kam sie nicht zurecht und legte eine Pause ein. Fünf Jahre später wagte sie ein Comeback, nach der verpassten Quali für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney trat die inzwischen 31-Jährige aber endgültig zurück. Auf Vereinsebene blieb die Leipzigerin allerdings weiterhin erfolgreich: 1998 gewann sie mit ihrem inzwischen in HC Leipzig umbenannten Verein den ersten Meistertitel nach der Wiedervereinigung und ließ im Jahr darauf den zweiten folgen. Zum Karriereausklang wechselte sie dann 2001 nach Erfurt - doch schon ein Jahr später war nach einem weiteren Kreuzbandriss Schluss mit Leistungssport.

Das Geschehen bei ihrem Heimatverein verfolgt die Frühtherapeutin, deren Tochter Charlotte in ihren Fußstapfen wandelt und mittlerweile in der Sachsen-Auswahl spielt, nur noch am Rande. 2017 stieg der HC nach Insolvenz aus der Bundesliga ab. Stattdessen gibt es mit dem BSV Sachsen Zwickau seit dieser Saison einen neuen Erstligisten aus der Region, dem sie die Daumen drückt. Mit Alexandra Uhlig, viele Jahre im Rückraum aktiv und inzwischen Co-Kommentatorin der Zwickauer Partien, habe sie einst selbst noch zusammen gespielt. "Da war ich die Erfahrene und sie das ganz junge Küken." Und die WM? "Personell sind wir nicht so schlecht aufgestellt, und wir müssen mal was bringen", so Ciszewski. Mit dem Kampf um die Medaillen werde man aber wohl nicht viel zu tun haben. "Unter die sechs Besten zu kommen, wäre ein Erfolg."

Bereits erschienene Folgen gibt's bei www.freiepresse.de/sportlegenden

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