Michael Röschs Abschied unter Tränen

Der Altenberger erklärt seinen Rücktritt. Der Hauptgrund dafür ist ein schöner.

Oberhof. Er hatte kaum geschlafen und sich in der Nacht einen exakten Plan zurechtgelegt, was er sagen wollte. Doch das ging schon nach wenigen Minuten schief. Michael Rösch stockte die Stimme, Tränen stiegen ihm die Augen, als er am Samstag in Oberhof bei einer Pressekonferenz sein Karriereende verkündete. Nächste Woche beim Weltcup in Ruhpolding ist Schluss mit dem Leistungssport: "Der Hauptgrund ist, dass ich Anfang März zum ersten Mal Vater werde. Das ist der Grund, warum ich meine große Liebe Biathlon verlasse", verriet der Altenberger, der für Belgien startet und der einzige noch aktive Biathlon-Olympiasieger aus Deutschland ist. Noch eine Woche lang, dann beginnt das Leben nach dem Sport, indem er sich seiner Familie widmen und sich beruflich orientieren will. Dabei möchte er weiter "sportlich" unterwegs sein.

Begonnen hatte es für den Sohn von Eberhard "Ebs" Rösch, Medaillengewinner bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, optimal - vielleicht zu optimal. 2006 in Turin verblüffte der 22-Jährige, der die deutsche Staffel anlief, als treffsicherer Schnellschütze. Ricco Groß, Sven Fischer und Michael Greis brachten den umjubelten Olympiasieg nach Hause. Ein neuer Stern schien am Biathlon-Himmel aufzugehen. Dreimal gewann Rösch mit der Staffel noch WM-Bronze, erkämpfte zwei Einzelsiege im Weltcup und einige Podestplätze.

Peu à peu ging es ab 2009 sportlich aber abwärts. Der nie um einen Spruch verlegene Sachse zeigte sich resistent gegen Kritik, trainierte falsch, traf falsche Entscheidungen. Schließlich forcierte er den Bruch mit dem Deutschen Ski-Verband (DSV). "Die Fehler lagen aber immer auf meiner Seite, das weiß ich jetzt", sagte er zwölf Jahre später bei einem emotionalen Auftritt im ZDF, als er im südkoreanischen Pyeongchang seinen Traum vom zweiten Olympiastart verwirklichte. "Ich habe gezeigt, was man mit Willensstärke erreichen kann. Ich bin stolz und freue mich, dass ich es geschafft habe", meinte er. Dickschädel "Ebs" hatte es sich, aber auch den Zweiflern bewiesen. Eine Genugtuung. Aber auch der richtige Weg?

Der Weg nach Pyeongchang war steinig, von Enttäuschungen geprägt und erforderte ein Gebirge an Geduld. 2012 beantragte Rösch die belgische Staatsbürgerschaft, auf die er zweieinhalb Jahre warten musste. Vier Wochen nach den Spielen 2014 in Sotschi kam der ersehnte Pass. Verschenkte Zeit, die ihm keiner zurückbringen kann. Ich habe so viel aufgegeben, wirklich alles, was ich habe. Aber das war es wert", meinte er jedoch rückblickend.

Rösch verlor seinen Beamtenstatus auf Lebenszeit bei der Bundespolizei. Erst in der Saison 2014/15 kehrte der vierfache Juniorenweltmeister als Einzelkämpfer nach 990 Tagen Weltcup-Pause zurück auf die große Bühne. Danach bremsten ihn jedoch Erkrankungen (Pfeiffersches Drüsenfieber) und Verletzungen (Achillessehnenriss) aus. Um seinen geliebten Sport zu finanzieren, verkaufte er sogar sein neu gebautes Haus in der Nähe von Altenberg und zog wieder bei den Eltern ein.

Bessere Zeiten wurden im Mai 2016 eingeläutet, als Rösch mit dem Schweizer Team trainierte. Die Zusammenarbeit zeigte im folgenden Dezember Erfolg. Mit zwei sechsten Plätzen im Weltcup, jeweils im Verfolger von Pokljuka und Nove Mesto, meldete er sich in der Weltspitze zurück. Auch auf Pyeongchang bereitete sich der Osterzgebirger mit den Eidgenossen vor. Allerdings war der Weg in den Olymp teuer. Bis zu 60.000 Euro kostet ihn eine Saison.

Was also tun? Mit zwei Freunden drehte Rösch ein Video und stellte es auf einer Crowdfunding-Plattform ein. Das Ziel hieß, 20.000 Euro an Spenden einzuwerben. Etwas mehr als 24.000 Euro kamen zusammen, 303 Unterstützer gaben Geld. Ihre Mini-Porträts waren bei Olympia in Südkorea auf dem Gewehrschaft des Wahl-Belgiers zu sehen. "Dass wildfremde Menschen ihr Vertrauen in mich setzen, das rührt mich sehr", sagte Rösch der "Freien Presse". Er beließ es nicht bei Dankesworten. 1000 Euro spendete der Skijäger an die Deutsche Krebshilfe. Sein aus Elterlein stammender Trainer Klaus Siebert war 2016 an Krebs verstorben.

Siebert hatte Rösch auch seinen sechsten Platz 2016 von Pokljuka gewidmet. Nach diesem bemerkenswerten Comeback ließ der Altenberger vor allem auch als forscher Startläufer der belgischen Staffel aufhorchen. Und diese möchte er im Kampf um Nationenpunkte weiter unterstützen, damit das Land 2022 bei den Olympischen Spielen in Peking eine Staffel stellen kann. Möglicherweise startet Michael Rösch deshalb noch einmal beim Weltcup im kanadischen Canmore. Offiziell ist aber nächste Woche in Ruhpolding Schluss, wo er fast auf den Tag genau vor 13 Jahren seinen ersten Staffelsieg im Weltcup feiern konnte. Die goldene Plakette von damals hatte er am Samstag mitgebracht. Als er sie hervorkramte, stieg ihm wieder das Wasser in die Augen. Der Kreis schließt sich.

Das Lachen ist zurück

Die deutschen Damen rehabilitieren sich mit der Staffel und einer Aufholjagd - Peiffer ist Bö auf den Fersen

Knapp 45.000 Zuschauer säumten am Wochenende in Oberhof die Strecken beziehungsweise jubelten in der Lotto-Arena - und machten den deutschen Biathleten Beine. "Ich darf das jetzt zum zehnten Mal erleben und es ist immer wieder überwältigend", sagte Arnd Peiffer, der im Verfolger einen starken zweiten Rang erkämpfte. Der Sieg ging an Johannes Thingnes Bö, der beim zehnten Einzelrennen der Saison seinen siebenten Sieg feierte. Peiffer lag aber nur 15,1 Sekunden hinter dem norwegischen Dominator, was den Deutschen zuversichtlich stimmte. "Ich glaube, dass wir näher dran sind. Jeder ist schlagbar", sagte der Sprint-Olympiasieger, der seit September Vater einer Tochter ist, mit einem Lächeln.

Das konnten auch die deutschen Skijägerinnen, die im Sprint noch total enttäuscht hatten. In der Staffel holten Karolin Horchler, Franziska Hildebrand, Franziska Preuß und Denise Herrmann bei widrigen äußeren Bedingungen am Sonntag Platz zwei hinter Russland. Die Schlussläuferin vom WSC Oberwiesenthal musste in Führung liegend nach dem Stehendschießen noch zweimal in die Strafrunde und die Russin Jekaterina Jurlowa-Percht ziehen lassen. Danach hielt sie jedoch die Tschechin Eva Puskarcikova souverän in Schach.

Am Sonnabend hatten sich die DSV-Damen bereits im Verfolgungsrennen mit einer beeindruckenden Aufholjagd rehabilitiert. So kämpfte sich beim zweiten Oberhof-Sieg der Italienerin Lisa Vittozzi Franziska Preuß um 39 Ränge auf Platz sechs nach vorn.

Balsam für die Seele war das Jagdrennen auch für Herrmann, die auf der Loipe wieder superschnell unterwegs war. Mit der besten Laufzeit des Feldes konnte sie vier Schießfehler kompensieren und sich von Rang 36 auf Rang neun nach vorn arbeiten. "Wo wir eigentlich hingehören, haben wir heute gezeigt", sagte die ehemalige Skilangläuferin.

Mit Rang neun hat Herrmann, die aus Bockau stammt, auch die Norm für die WM Anfang März im Östersund (einmal ein Platz unter den besten Acht oder zweimal ein Platz unter den besten 15) zur Hälfte erfüllt. Schon am Donnerstag hat die 30-Jährige in ihrer Wahlheimat Ruhpolding die nächste Chance, die WM-Nominierung abzuhaken. Dann werden auch Laura Dahlmeier und Vanessa Hinz wieder dabei sein, sofern sie sich nicht wieder krankmelden.

Vaterfreuden beflügeln Lesser

An Erik Lesser lag es nicht, dass die deutsche Männerstaffel am Sonntag nur auf Rang acht einkam. Der Startläufer wechselte als Zweiter knapp hinter Frankreich, sichtlich beflügelt von einem freudigen Ereignis. Denn am Samstagmorgen hatte seine langjährige Lebensgefährtin Nadine, die Tochter von Ex-Langlauf-Bundestrainer Janko Neuber, die kleine Anouk zur Welt gebracht. Lesser war bei der Geburt seines ersten Kindes dabei. "Aktuell bin ich sehr glücklich, alle sind gesund", sagte der 30-Jährige, der den Verfolger am Sonnabend ausließ. "Davor habe ich nur eine Stunde geschlafen, da wäre keine Klasseleistung möglich gewesen", sagte Lesser. Keine Klasseleistung lieferten vor allem Simon Schempp und Arnd Peiffer in der Staffel ab. Beide kassierten jeweils eine Strafrunde, insgesamt mussten die Deutschen 17-mal nachladen. Viel zu viel, um im Vorderfeld mitzumischen. Den Sieg holte sich das russische Quartett.

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1Kommentare
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  • 7
    0
    suzuki
    12.01.2019

    Alles Gute für Deine Zukunft, Ebbs. Du gehörst zu den sächsischen Sportlern, an die man sich noch lange erinnern wird - gute Erinnerungen!



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