„Leser helfen“ in Glauchau: Die Familie von Tony hat einen aufwendigen und schweren Alltag. In den ist auch seine 16-jährige Schwester eingebunden. Doch sie hat ihre eigene Strategie.
Sie gucken zusammen Trickfilme, sie spielen miteinander und sie scherzen, so oft es geht. Carina Czok ist 16 Jahre, ihr Bruder Toni acht Jahre jünger und seit der Geburt mehrfach behindert. Er kann weder selbstständig essen, sprechen noch sitzen, geschweige denn laufen und muss über eine Magensonde ernährt werden. Doch nicht nur das belastet die vierköpfige Glauchauer Familie. Auch der Aufwand, um den Jungen zu transportieren, sei es zur Therapie, ins Grüne oder wie am letzten Wochenende zum Glauchauer Weihnachtsmarkt, ist enorm. Für ein entsprechend umgebauten Auto läuft die Aktion „Leser helfen“.
Wahlspruch: Es hätte schlimmer kommen können
Doch wie geht ein 16-jähriges Mädchen mit dieser Situation um? „Ich kenne es ja nicht anders“, sagt sie als Erstes und fügt hinzu: „Ich liebe meinen Bruder, so wie er ist.“ Damals, als sie erfahren hat, dass Mama ein Kind bekommt, „bin ich in der Wohnung herumgetollt habe mich wie Bolle gefreut“, erinnert sich Carina, die die zehnte Klasse im Glauchauer Gymnasium besucht. Und als sie mit ihrem Vater die Mutter und den kleinen Bruder in der Klinik besuchte, wusste sie noch nichts vom Schicksal des Jungen. „Ich bin im Krankenzimmer erst mal zu einem anderen Baby gelaufen.“ War es für sie ein Schock, zu erfahren, dass ihr kleiner Bruder schwer krank ist? „Weiß ich nicht mehr, ich sage mir aber immer, es hätte schlimmer kommen können.“ Das ist auch der Wahlspruch in der Familie, sagt Mutter Nancy Czok. Und sie habe aufgepasst, dass Carina nicht das fünfte Rad am Wagen ist, weil sich im Alltag der Familie vieles um Toni dreht.
Eigenes Buch geschrieben
Carina ist ein aufgewecktes Mädel mit vielseitigen Interessen und Hobbys. Und die Freiheit, ihre Leidenschaften auszuleben, gibt ihr die Familie. Carina tanzt gern und ist Mitglied im Jumpteam Glauchau, einer Truppe, die sich dem Jumpstyle, dem Hip-Hop und dem Shuffle-Dance verschrieben hat und im Freizeitparadies regelmäßig trainiert. Zum Weihnachtsmarkt hatte Carina mit ihrer Tanzgruppe einen Auftritt – klar, dass sich das Toni und seine Eltern nicht entgehen lassen wollten.
Die 16-Jährige ist auch musikalisch, sie lernt das Gitarrespielen, schreibt darüber hinaus gern Geschichten und hat sogar schon ein Buch herausgebracht. „Kann ich euch vertrauen?“, heißt die Geschichte, bei der es um Kara geht, ein in sich gekehrtes Mädchen, das Probleme hat, anderen zu vertrauen. Bei einem Ausflug während einer Klassenfahrt trennt sie sich mit einer kleinen Gruppe von den anderen und findet mit ihnen den Weg zurück ins Camp nicht. Nun müssen sie sich gegenseitig vertrauen. Das Buch schrieb sie im Zuge des Story-One-Projekts bei Thalia, bei dem Leute ermuntert werden, Geschichten zu schreiben. Erschienen ist es im August dieses Jahres. Das macht das Mädchen sichtlich stolz.
Eine Frage des Vertrauens
Hat sie angesichts der Namensähnlichkeit mit der Hauptfigur ihre eigenen Erfahrungen in ihrer Familie einfließen lassen? „Nicht unbedingt“, sagt Carina. Sie habe sich das selbst ausgedacht, obwohl, so räumt sie ein, Vertrauen auch bei ihr eine wichtige Rolle spielt. In ihrem Freundeskreis zum Beispiel. „Ich weiß, dass es Leute in der Schule gibt, die hinter meinem Rücken über unsere Familiensituation reden“, sagt die 16-Jährige. Aber die Leute könnten sie auch direkt ansprechen. Sie beiße nicht. Sie führe mit ihrer Familie so weit es geht ein normales Leben. Freundinnen hätten auch schon bei ihr übernachtet, trotz der ungewöhnlichen und für viele schwierig anmutenden Familiensituation.
„Wir hatten anfangs befürchtet, dass Carina in der Schule oder im Kindergarten gehänselt wird“, sagt Mutter Nancy Czok. Aber das seien eher die Ausnahmen gewesen und Carina wisse, wie man damit umgeht. „Wir sind sehr stolz darauf, wie unsere Tochter das Ganze meistert.“, sagt Nancy Cczok. (sto)






