Erzgebirger hilft Russen bei Doktorarbeit

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Mit seinen Russischen Hörnern schaffte es das Erzgebirgsensemble Aue sogar ins Guinness-Buch der Rekorde. Nun ist das Hintergrundwissen des Chefs in Kanada gefragt - bei einer Promotion.

Schwarzenberg.

Eine Mail aus Kanada hat selbst der Leiter des auch international bekannten Erzgebirgsensembles Aue nicht alle Tage in seinem elektronischen Briefkasten. "Da war ich schon sehr überrascht, als die Anfrage zu den Russischen Hörnern kam", gibt Steffen Kindt zu. "Und natürlich hat es mich gefreut, dass ein Student aus Russland bei seinen Recherchen für seine Doktorarbeit auf uns gestoßen ist."

Roman Golovanov heißt der junge Mann. Der Trompeter ist Doktorand an der McGill-Universität in Montreal und will da promovieren. Sein Thema: "Geschichte und Zukunft der Russisch-Horn-Orchester". Nach der ersten Kontaktaufnahme zu Steffen Kindt, der gern seine Bereitschaft zur Unterstützung erklärte, kam ein ganzer Fragenkatalog aus Montreal im Erzgebirge an. Auf Russisch? Oder auf Deutsch? "Nein, auf Englisch", sagt Kindt. "Es gibt ja Übersetzungsprogramme. Die helfen über einige Klippen hinweg."

2018 schloss der Barock-Trompeter Golovanov seine Ausbildung am Staatlichen Tschaikowski-Konservatorium in Moskau ab. Für das anschließende Promotionsstudium in Kanada beschäftigt er sich intensiv mit russischer Musik des 18. Jahrhunderts, besonders mit der Blechbläserpraxis jener Zeit. "Dabei bin ich auf die Existenz der Russischen Hörner gestoßen", beschrieb er in seiner ersten Mail an Steffen Kindt, wie sich das Thema für ihn auftat. Golovanov fand heraus, dass in den 1830er-Jahren ein Russisch-Horn-Orchester durch Europa tourte. Er fragte sich, ob als Reaktion auf diese Auftritte ähnliche Orchester in anderen Ländern gegründet wurden. Und entdeckte, dass es in Deutschland solche Orchester bereits gab, ehe das erwähnte russische auf Konzertreise ging. Später aber gerieten diese Instrumente in Vergessenheit.

Mit der Wiederentdeckung und Kultivierung der Russischen Hörner erwarb sich das Erzgebirgsensemble seit den 1960er-Jahren Verdienste. Und schaffte es damit 1993 sogar ins Guinness-Buch der Rekorde, "weil es als einziges Ensemble auf der Welt diese Instrumente vollgültig in seinem Programm einsetzt". So wurde Golovanov darauf aufmerksam.

Steffen Kindt leitet seit 1989 das Erzgebirgsensemble (EE), dem er bereits seit 1980 als Trompeter und Sänger angehörte. Als der Landkreis als Träger ausstieg, gründete er 1999 auf privatwirtschaftlicher Basis eine GmbH, um das Ensemble zu retten. Und damit auch die Aufführungspraxis der Russischen Hörner. "Wir verwenden Nachbauten von Originalen, die im Stadt- und Bergbaumuseum Freiberg aufbewahrt werden", erklärt der Kulturwissenschaftler. Mit ihrem warmen, feierlich-orgelhaften Klang haben diese Hörner - jedes erzeugt nur einen Ton - viele Veranstaltungen im In- und Ausland bereichert, im Rundfunk aufhorchen lassen, im TV für Aufsehen gesorgt. Kindt konnte Golovanov auch Historisches über die Russischen Hörner mitteilen: Wie sie der Oberberghauptmann von Herder in das sächsische Bergwesen eingeführt hat, dass 1824 das Freiberger Berghoboistenkorps solche Instrumente bekam, welche frühen Auftritte in Sachsen nachweisbar sind. "Wir bleiben in Kontakt", sagt der Ensemble-Chef. Vielleicht kann er Golovanov auch einmal dessen Wunsch erfüllen, die Russischen Hörner live zu hören - in den Zinnkammern Pöhla.

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