Motiv für blutigen Mord bleibt schwammig

Die massive Gewalt gegen Christopher W. ist kaum zu begreifen. Einer der Angeklagten sprach kurz nach der Tat über sein Motiv. Aber entspricht seine Aussage der Wahrheit?

Aue/Chemnitz.

Als Christopher W. (27) am 17. April 2018 in einem abrissreifen Gebäude am ehemaligen Auer Güterbahnhof starb, war er entsetzlichen Martern ausgesetzt. Seine Peiniger verprügelten ihn mit einer Eisenstange, stachen ihn mit einer abgebrochenen Leuchtstoffröhre ins Gesicht, schnitten ihm die Pulsadern auf und malträtierten ihn mit einem Türblatt. Dieses wurde mit solcher Wucht geführt, dass es in Christophers Körper stecken blieb. Was trieb die Täter zu derart brutaler Gewalt? Im Mordprozess vor dem Landgericht Chemnitz gibt es darauf auch nach fünf Verhandlungstagen keine Antwort.

Staatsanwalt Stephan Butzkies nannte in seiner Anklage als Motiv, dass Christopher W. Lügen über die drei Angeklagten verbreitet hatte. Er habe überall herumerzählt, dass sie Drogen nehmen, sagte einer aus dem Trio der Polizei. Das aber waren keine Lügen, und vermutlich werden die Verteidiger sogar geltend machen, dass ihre Mandanten während der Taten unter Alkohol und Drogen standen. Außerdem war Christopher W. selbst schwer süchtig nach Crystal Meth und Alkohol. Er saß also im Glashaus.

Bisher haben sich die Angeklagten Terenc H. (26), Jens H. (22) und Stephan H. (22) nicht zu einem Motiv geäußert. Terenc H. behauptet, er könne sich an nichts erinnern.

Einen Tag nach dem Mord hat sich Stephan H. einer Mitarbeiterin aus dem betreuten Wohnen in Bad Schlema anvertraut. Er lebte dort, um vom Alkohol wegzukommen und eine Ausbildung zu machen.

"Ich merkte, dass es ihm nicht gut geht", sagte die Frau (41) am Donnerstag vor Gericht. "Er sagte, er habe etwas ganz Schlimmes gemacht. Dann hat er mir alles erzählt." Als Grund habe Stephan H. angegeben, dass seine Freundin ihn wegen Christopher W. verlassen hat. "Er sagte, sie hat Schluss gemacht, weil Christopher ihn angemacht und auf Facebook mitgeteilt hat, er sei jetzt mit Stephan zusammen." Den als homophob geltenden Stephan H. könnte das in extreme Rage versetzt haben. Allerdings sind Zweifel an dieser Aussage angebracht. So ist beispielsweise nicht bekannt, dass der getötete Christopher eine Facebook-Seite besaß.

Gegenüber der Mitarbeiterin des Wohnprojekts schob Stephan H. die Hauptschuld Terenc H. zu. Dieser soll ihn zudem angestachelt haben: "So, jetzt mach du ihn fertig!"

Stephan H. selbst geriet wegen seiner rechtsradikalen Einstellung ins Gerede. Das Titelbild auf seiner Facebook-Seite zeigt die Dienstgrade der SS, in seinem Zimmer hingen Nazi-Symbole, er hörte Rechtsrock. Der Landtagsabgeordnete Valentin Lippmann (Grüne) vermutete einen politischen Hintergrund der Tat. Dafür gibt es bislang keine Anhaltspunkte. Der psychiatrische Gutachter des Verfahrens interessiert sich aber auch für Stephan H.s persönliche Überzeugungen.

Der Prozess wird am 11. Februar fortgesetzt.

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