Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, aufgenommen 2019 vor einer Lesung in Köln.
Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux, aufgenommen 2019 vor einer Lesung in Köln. Bild: Horst Galuschka/dpa
Kultur
Literaturnobelpreis für französische Autorin Annie Ernaux

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In den letzten beiden Jahren hatte die Schwedische Akademie zwei eher überraschende Preisträger verkündet. Diesmal geht der Nobelpreis für Literatur an eine Autorin, die für viele Favoritin war.

Stockholm.

Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux wird in diesem Jahr mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt. Die 82-Jährige bekomme den Preis "für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt", sagte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, bei der Bekanntgabe.

Ernaux glaube an die befreiende Kraft des Schreibens, hieß es von der Akademie. Sie schreibe kompromisslos und in klarer, sauberer Sprache. Mit großem Mut und klinischer Schärfe offenbare sie die Qual der Klassenerfahrung und beschreibe unter anderem Scham, Demütigung und Eifersucht. "Wir haben es noch nicht geschafft, Annie Ernaux telefonisch zu erreichen", merkte Malm bei der Bekanntgabe an. Sie erfuhr erst kurz darauf durch einen Anruf der schwedischen Nachrichtenagentur TT von der Auszeichnung, wie die Agentur berichtete. "Nein! Wirklich?", sagte sie nach TT-Angaben. "Ich habe heute Morgen gearbeitet und das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen", sagte sie demnach und ergänzte: "Ich höre es jetzt die ganze Zeit klingeln."

Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis an den bis dahin eher unbekannten tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gegangen. Er wurde "für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten" geehrt. Im Jahr davor hatte die amerikanische Dichterin Louise Glück den Nobelpreis erhalten - auch sie galt vorab nicht als eine der zahlreichen Favoritinnen und Favoriten.

Ganz anders nun Ernaux: Die Französin wurde vor der Preisbekanntgabe von mehreren Literaturexperten zum engen Favoritenkreis gezählt. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hatte sie als seine große Favoritin auf dem Zettel gehabt. Es handle sich um einen "Festtag für die Literatur", sagte er am Donnerstag. Sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht sei die diesjährige Entscheidung "eine beglückende Wahl". Der Nobelpreis für Literatur gilt als die prestigeträchtigste literarische Auszeichnung der Welt. Auf der sogenannten Longlist für den Preis standen in diesem Jahr 233 Kandidaten - welche Namen darunter sind, wird alljährlich streng geheim gehalten.

Nach der Bekanntgabe der Preisträgerin Annie Ernaux rechnet ihr deutscher Verlag mit einem Ansturm auf ihre Bücher. Aktuell seien alle Bände lieferbar, hieß es beim Suhrkamp-Verlag. Für alle im Verlag erschienenen Bücher von Ernaux seien Neuauflagen geplant. Zudem erscheint in diesen Tagen ein Ernaux-Band neu in deutscher Übersetzung. In "Das andere Mädchen" schreibt Ernaux einen Brief an ihre Schwester, die sie nie kennenlernen konnte. Es geht um Kindheit und wie Schicksalsschläge eine Familie auf immer verändern können. Als Taschenbuch kommt zudem "Das Ereignis", die Geschichte einer schwangeren jungen Frau, die im Frankreich der 60er-Jahre versucht, Wege für eine Abtreibung zu finden.dpa

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