Leiharbeit geht in Sachsen deutlich zurück

Binnen eines Jahres ist in Sachsen jeder siebente Job in der Zeitarbeit weggefallen - weil viele Leiharbeiter eine andere reguläre Stelle gefunden haben. Das könnte aber noch zum Bumerang werden.

Chemnitz.

Sächsische Betriebe stellen zunehmend lieber direkt selbst ein, als sich Mitarbeiter auszuleihen. Im Januar 2019 waren noch rund 41.700 Menschen im Freistaat als Zeitarbeiter beschäftigt - 6900 weniger als ein Jahr zuvor. Binnen eines Jahres ist also rund jeder siebente Job in der Leiharbeit abgebaut worden. So wenige Zeitarbeiter wie aktuell gab es im Freistaat seit 2007 nicht mehr. Das geht aus Zahlen der Arbeitsagentur hervor.

Den Hauptgrund für den Rückgang sehen die Industrie- und Handelskammer Chemnitz (IHK) und die Arbeitsagentur in dem wachsenden Bedarf an Fachkräften. "Durch Festeinstellungen von Zeitarbeitern sichern sich die Unternehmen die Fachkräfte, die bisher über Zeitarbeitsverträge flexibel gebunden wurden", sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Hans-Joachim Wunderlich. Zudem dürften strengere gesetzliche Vorgaben dafür gesorgt haben, dass Zeitarbeiter von den Entleihfirmen übernommen werden oder anderweitig einen Job finden, erklärt Agentur-Sprecher Frank Vollgold.

Vor allem für junge Menschen ohne Berufserfahrung, Langzeitarbeitslose oder Geringqualifizierte kann die Zeitarbeit aber weiter nach Einschätzung der Arbeitsagentur eine Brücke in den Arbeitsmarkt sein. Unternehmen und Arbeiter lernten sich kennen, nicht selten ergebe sich daraus eine Festanstellung, so Vollgold. Laut einer Umfrage der Chemnitzer IHK aus dem vergangenen Sommer wird inzwischen jeder fünfte Zeitarbeiter in Südwestsachsen vom Entleihbetrieb nach Ende seines Leiheinsatzes übernommen.

Wer als Zeitarbeiter beschäftigt ist, muss allerdings meist mit weniger Lohn auskommen - im Mittel verdient ein Leiharbeiter in Sachsen 1721 Euro brutto und damit etwa ein Drittel oder 800 Euro weniger als regulär Beschäftigte. Dieser Lohnunterschied ist aber auch darauf zurückzuführen, dass mit 50 Prozent der Helferanteil in der Zeitarbeit überproportional hoch ist.

Hochburgen der Leiharbeit sind in Sachsen die Städte Leipzig, Chemnitz und der Landkreis Bautzen. Grund dafür dürfte sein, dass Zeitarbeiter vor allem an das produzierende Gewerbe und Dienstleister entliehen werden. Dabei sind die meisten sächsischen Leiharbeiter im Lager (22 Prozent) oder in der Metallbearbeitung (12 Prozent) tätig. Aber auch im Maschinenbau, der Luft- und Raumfahrttechnik oder Gastronomie kommen sie zum Einsatz.

Für die Verleihfirmen ist es allerdings aufgrund des Fachkräftemangels selbst schwieriger geworden, Mitarbeiter zu finden. Von den sachsenweit 37.500 offenen Stellen, die aktuell der Arbeitsagentur gemeldet sind, geht etwa jede dritte auf das Konto der Zeitarbeitsfirmen. "Ein Elektriker zum Beispiel hat sich bei uns schon seit drei, vier Jahren nicht mehr beworben", sagt Björn Richter vom Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen. Richter führt von Leipzig aus das Unternehmen Saxonia Personal. Er sagt: "Gute Mitarbeiter von mir wechseln in Industrie- und Handwerksfirmen." Das sei aber auch der Sinn von Leiharbeit. "Wir bieten nur Jobs auf Zeit." Für einige Dienstleister könne die aktuelle Entwicklung zwar schwierig werden. "Ich selbst mache mir aber keine Sorgen." So setze er nun zum Beispiel verstärkt darauf, Fachkräfte zurückzugewinnen, die aus Sachsen weggezogen seien.

Die exportorientierte sächsische Wirtschaft fürchtet unterdessen, durch Engpässe bei der Zeitarbeit weniger flexibel auf die schnell wechselnden Rahmenbedingungen in der voranschreitenden Globalisierung, auf zunehmend schwankende Branchenkonjunkturen und auf den technischen Fortschritt reagieren zu können. Die Leiharbeit sei ein "unverzichtbares Instrument zur flexiblen Steuerung des Personaleinsatzes", erklärt die Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft (VSW). Am Ende sichere die Leiharbeit auch Stammarbeitsplätze.

Die Chemnitzer IHK kritisiert deshalb, dass ausgerechnet die Leiharbeit im geplanten neuen Einwanderungsgesetz außen vor bleibe und Zeitarbeitsfirmen niemanden aus EU-Drittstaaten anwerben dürfen sollen. "Das erschließt sich einem pragmatisch denkenden Menschen nicht", sagt Wunderlich.

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