Zwei Drittel der Industriefirmen nutzt Zeitarbeit

Ein geplantes Gesetz sieht gravierende Einschnitte vor. Das wird auch die Unternehmen in Südwestsachsen treffen.

Chemnitz.

Das Leipziger BMW-Werk gilt in der Branche als besonders effizient. Das liegt nicht nur an hochmodernen Anlagen, sondern auch an motivierten und gut ausgebildeten Mitarbeitern. Darunter befinden sich auch zahlreiche Zeitarbeiter. Vor etwa drei Jahren geriet das Werk deshalb in die Schlagzeilen. Rund 40 Prozent der damals rund 3800 Beschäftigten waren Leiharbeiter und wurden teilweise bereits mehrere Jahre beschäftigt.

Solch hoher Anteil in einer Firma ist nicht üblich. Tatsache ist aber, dass die sächsische Wirtschaft Zeitarbeit überdurchschnittlich nutzt. Bundesweit hat sie einen Anteil von 2,6 Prozent. Mit 3,4 Prozent belegt der Freistaat hinter Bremen und Thüringen den dritten Platz. Demnach ist hier jeder 29. versicherungspflichtig Beschäftigte ein Zeitarbeiter und vor allem in der Industrie, aber auch im Bau oder im Großhandel beschäftigt.

Allein in Südwestsachsen haben im vergangenen Jahr laut Industrie- und Handelskammer 68 Prozent der Industrieunternehmen ihre Stammbelegschaft durch Zeitarbeiter erweitert. Rund 61 Prozent dieser Beschäftigten arbeiten im Helferbereich mit geringem Einarbeitungsaufwand. Mehr als die Hälfte der Zeitarbeiter wird in einem Betrieb drei Monate und länger eingesetzt. In Südwestsachsen haben sechs Prozent der Firmen diese Mitarbeiter länger als 18 Monate.

Für einen längeren Zeitraum war Leiharbeit jedoch nicht gedacht. Ursprünglich diente sie dazu, Produktionsspitzen abzudecken. Zudem sollte Langzeitarbeitslosen so ein schnellerer Wiedereinstieg in den Job gelingen. "Offenbar gibt es aber in Ostdeutschland einen stärkeren Arbeits- und Fachkräftebedarf als im Westen", sagte Professor Steffen Müller vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle. Dieser sollte nach Ansicht des DGB Sachsen jedoch vorrangig durch Festanstellungen und nicht wie in der Leipziger Automobil- und Zulieferindustrie durch Missbrauch der Leiharbeit gedeckt werden. "Zeitarbeit heißt dort Flexibilität zu niedrigen Löhnen, sie verhindert zudem Festanstellungen", sagte Markus Schlimbach.

Solchen Entwicklungen will Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) mit einem neuen Gesetz gegensteuern. Künftig sollen Zeitarbeiter maximal 18 Monate in einem Betrieb eingesetzt und nach dem neunten Monat wie Festangestellte bezahlt werden. Zudem gelten einige Bestimmungen nur für tarifgebundene Betriebe. Wirtschaftswissenschaftler Müller bezweifelt jedoch eine schnellere Übernahme von Leiharbeitern. Es bestehe sogar die Gefahr, dass Firmen Aufträge aus Personalmangel absagen und das Gesetz Wirtschaftswachstum abwürgt. Nach Ansicht des sächsischen Arbeitgeberverbandes VSW schränken Nahles Pläne die Tarifautonomie ein. Der DGB wiederum will Nachbesserung: Die Höchsteinsatzdauer in einem Betrieb dürfe zwölf Monate nicht überschreiten.

 

Die Situation in Sachsen

Berufe: Die meisten Leiharbeiter sind beschäftigt in Metallerzeugung, -bearbeitung, Metallbau, Maschinen- und Fahrzeugtechnik sowie bei Verkehr und Logistik (außer Fahrzeugführer)

Dauer: Die Mehrzahl (51,2 Prozent) der Leiharbeiter arbeitet drei Monate und länger in einem Betrieb.

Entlohnung: Durchschnittlich verdienten die Sachsen 2013 2076 Euro brutto, in der Zeitarbeit 1425 Euro.

Verleihfirmen: 2007 gab es in Sachsen 617 - 2014 schon 716. In Südwestsachsen stieg die Anzahl von 205 auf 245, bundesweit von 9512 auf 12.362.

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