Untreue soll sich lohnen

Tarifoptimierer versprechen, Stromkosten durch regelmäßige Anbieterwechsel zu drücken. Doch Verbraucherschützer bezweifeln, dass die Firmen ein Rundum-sorglos-Paket liefern können.

Untreue soll sich lohnen

Von Andreas Rentsch

Die Verschnaufpause bei den Strompreisen ist vorbei - auch für Haushalte in Sachsen: Laut dem Vergleichsportal Verivox erhöhen 19 von 40 Grundversorgern im Freistaat zum Jahreswechsel
ihre Preise um durchschnittlich 2,5 Prozent. Das ist weniger als in anderen Bundesländern. Allerdings liegen die Strompreise in Sachsen schon über dem Bundesschnitt. Dennoch zahlen viele Betroffene den Aufschlag, statt sich günstigere Versorger zu suchen. Statistiken der Bundesnetzagentur zeigen, dass nach wie vor über 70 Prozent der Haushalte in Deutschland beim lokalen, oft teuren Grundversorger sind. Diese Passivität wollen sich Tarifoptimierer zunutze machen. Ihr Versprechen: Kunden bekommen den Vertragswechsel und die regelmäßige Suche nach besseren Angeboten abgenommen.

Wie nutze ich einen solchen Tarifoptimierer?

Zuerst müssen Nutzer in einem Onlineformular ihre Postleitzahl, den aktuellen Tarif, den Jahresverbrauch und einige Präferenzen angeben. Etwa die Vertragslaufzeit, ob es Ökostrom sein soll, oder ob Tarife mit Neukundenbonus berücksichtigt werden. Danach kommt per Mail eine Liste, die von einem "Empfehlungsalgorithmus" erstellt wurde. Aus der kann man einen Wunschtarif wählen. Stimmt man zu, kümmert sich der Optimierer um die Modalitäten des Wechsels. Auf Wunsch prüft er den Tarif auch in regelmäßigen Abständen - und schickt rechtzeitig eine Erinnerung. In der steht, wie viel teurer der Tarif im Folgejahr werden würde und wie viel die günstigere Alternative kostet. Hat man keine Einwände gegen den Wechsel, vollzieht ihn der Dienstleister nach einer Frist von beispielsweise sieben Tagen.

Wie viel Geld lässt sich durch Tarifwechsel sparen?

Die Anbieter werben mit einem jährlichen Einsparpotenzial von mehreren Hundert Euro. In einem Beispielangebot, das die "Freie Presse" online bei der Berliner Firma Switchup anforderte, lag die Ersparnis im ersten Jahr bei 126 Euro. Dafür wurde ein Chemnitzer Haushalt (Postleitzahlgebiet 09127) angenommen, der noch nie den Anbieter gewechselt hat und pro Jahr 2000 Kilowattstunden Strom verbraucht. Alle weiteren Suchparameter wurden so übernommen, wie sie von der Plattform voreingestellt waren. Um die genannte Summe zu erreichen, hätte der Musterkunde vom Tarif "Grund- und Ersatzversorgung HH" der Eins Energie in Sachsen GmbH & Co. KG in den Ökostrom-Tarif von Entega wechseln müssen. Das ist ein Energieunternehmen mit Sitz in Darmstadt. Die Rechnung geht aber nur auf, wenn man nach zwölfmonatiger Vertragsdauer wieder kündigt und zum nächsten günstigen Anbieter weiterzieht. Im zweiten Jahr liegt der Entega-Tarif mit einem Preis von 630 Euro nur noch knapp unter der Eins-Grundversorgung (656 Euro).

Wie viele Kunden nutzen diesen Wechselservice bisher?

Über exakte Kundenzahlen schweigen sich die Firmen in der Regel aus. Bundesweit sei man inzwischen "fünfstellig", sagt Switchup-Chef Arik Meyer. Konkurrent Cheapenergy24 kümmert sich eigenen Angaben zufolge um "mehrere Tausend" Kunden. Um Geld zu verdienen, gehen die Unternehmen verschiedene Wege: Einige verlangen einen Anteil von der erzielten Einsparung - bei Cheapenergy24 sind es 20 bis 30 Prozent. Andere bieten den Service kostenlos an und generieren Erlöse durch Provisionen. Switchup agiert so, betont aber, der Algorithmus empfehle auch Tarife, für die keine Provisionen fließen. Meyer sagt, er wolle vor allem Haushalte gewinnen, die schon seit Jahren den teuren Grundversorgertarif bezahlen. Ob das gelingt? Vor allem in Bezug auf Senioren sei er "eher skeptisch", sagt Udo Sieverding, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Wer mit dem Internet fremdele, werde sich wohl kaum einem Start-up anvertrauen. Stimmt so nicht, sagt Switchup - und verweist auf einen hohen Anteil von Kunden über 70.

Wie werde ich vor unseriösen Versorgern geschützt?

Switchup erklärt, man tausche sich mit Verbraucherzentralen aus. Zudem seien fast 9000 Beschwerden der Plattform Reclabox ausgewertet worden: "Anbieter mit hoher Beschwerdezahl schließen wir von unseren Empfehlungen aus." Den mittlerweile insolventen Hamburger Energiedienstleister Care Energy beispielsweise habe man "zu keinem Zeitpunkt" empfohlen. Um gegen unvorhersehbare Schwierigkeiten gewappnet zu sein, kooperiert Switchup mit dem Arag-Konzern. Ein "Wechselschutz" übernimmt Mehrkosten, wenn ein empfohlenes Unternehmen zahlungsunfähig wird oder andere Probleme auftreten. Diese Rechtsschutz-Police kostet die Kunden nichts.

Was sagen Verbraucherschützer zu den Tarifoptimierern?

Grundsätzlich finde er die Portale gut, sagt Energieexperte Sieverding. "Ich verspreche mir davon mehr Anbieterwechsel." Das versprochene Rundum-sorglos-Paket könne bisher allerdings niemand liefern, heißt es in einer Analyse des Marktwächter-Projekts Energie der Verbraucherzentrale Niedersachsen. Deren Experten hatten im Mai zehn bundesweit verfügbare Portale analysiert. Grundsätzlich, so das Resümee, scheine das Thema Preiserhöhungen eine Schwachstelle zu sein. "Bei den meisten Dienstleistern haben Kunden keine Garantie, dass es bei steigenden Kosten tatsächlich in jedem Fall zu einem Anbieterwechsel kommt." Haken könne es zum Beispiel, wenn der Anbieter eine Preiserhöhung nur per Brief an den Kunden ankündige und der Wechselhelfer gar nicht davon erfahre, sagt Energieexpertin Christina Peitz. Ein weiterer Kritikpunkt: intransparente Geschäftsbedingungen. Hier hätten einige Anbieter reagiert und Besserung gelobt, so Peitz. Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher mahnt grundsätzlich zur Vorsicht: "Man muss seinen Verstand weiterhin benutzen, wenn man mit einem Tarifoptimierer arbeitet."

Kann ich nicht auch einfach selbst wechseln?

Ja. Als "aktiver Kunde", wie ihn die Stiftung Warentest nennt, zählt man aber zu einer Minderheit. Wer kennt sich schon perfekt mit Check24, Verivox und Co. aus und wechselt jährlich, um Boni mitzunehmen? Entscheidend sei bei diesem Vorgehen, unseriöse Billigheimer auszuklammern, die in den Rankings ganz oben landen, betont Udo Sieverding. Den Experten zufolge gibt es da einige Firmen, die mit versteckten Preiserhöhungen arbeiten oder sich gegen Boni-Auszahlungen sträuben. Der größeren Gruppe der "bequemen Kunden" empfiehlt die Stiftung Warentest Tarife mit günstigen Grund- und Arbeitspreisen, bei denen sich die Verträge im zweiten Jahr monatlich kündigen lassen. Das gebe die nötige Flexibilität bei Preiserhöhungen. www.freiepresse.de/wechselhelfer

Tipps für Selbstwechsler

1. Boni: Berücksichtigen Sie Tarife mit Bonus nur, wenn Sie am Ende des ersten Lieferjahres erneut wechseln wollen. Deaktivieren Sie sonst in den Voreinstellungen den Punkt "Einmaligen Bonus in die Kosten einrechnen".

2. Tarife: Vorsicht ist geboten bei Pakettarifen, die bei Mehrverbrauch saftige "Strafgebühren" berechnen. Laut Bundesnetzagentur sollten auch Tarife mit Vorkasse oder Kaution gemieden werden.

3. Preis: Er sollte für eine bestimmte Laufzeit festgeschrieben sein, auf jeden Fall aber die Mindestvertragslaufzeit abdecken. Nach Aussage der Verbraucherzentralen sollte die Preisgarantie Beschaffungspreise, Netzentgelte und möglichst auch Steuern und Umlagen abdecken.

4. Vertragslaufzeit: maximal zwölf Monate. Prüfen Sie, ob sich der Vertrag automatisch verlängert, wenn Sie nicht kündigen. Die Kündigungsfrist sollte einen Monat, maximal sechs Wochen betragen. (rnw)

Kommentar: Dafür fehlt das Vertrauen

Merkwürdig ist das schon: Da könnten Energiekunden Geld sparen, tun es aber nicht. Stattdessen bleiben viele im teuren Grundtarif ihres lokalen Versorgers. Sie lassen sich auch nicht locken, wenn ihnen Betreiber von Onlineportalen versprechen, Wechselformalitäten für sie zu übernehmen oder sogar zu automatisieren. Wieso diese Passivität?

Meine These: Hier wirken noch die bösen Erinnerungen an große Pleiten nach. Teldafax, Flexstrom oder Care Energy warben mit der Aussicht auf super niedrige Preise - und bescherten ihren Kunden am Ende super viel Ärger. Nicht nur bei den Betroffenen dürfte damit das Interesse am Tarifhopping erloschen sein. Wer trotzdem weiter sparen will (oder muss), begnügt sich häufig mit einem Wechsel in einen günstigeren Tarif beim lokalen Versorger. Getreu dem Motto: "Da weiß man, was man hat." Die Stadtwerke-Betreiber wird es freuen.

Das Risiko, mit einem Tarifoptimierer zu arbeiten, geht bisher nur ein überschaubarer Personenkreis ein. Der große Rest weiß entweder nichts von solchen Dienstleistern oder verweigert den Vertrauensvorschuss, derfür diese Geschäftsbeziehung notwendig wäre.

Gehen diese Start-ups wirklich fair mit ihren Nutzern um? Finden sie stets rechtzeitig den günstigeren, aber trotzdem seriösen Lieferanten? Kümmern sie sich geräuschlos und schnell um eine Lösung, wenn es Ärger mit einem Versorger gibt? Wenn die Wechselhelfer erfolgreich sein wollen, müssen sie Vertrauen aufbauen - über Jahre hinweg. Klingt nach einer schwierigen Aufgabe. Die Stunde der Wahrheit könnte kommen, wenn ein Versorger pleite geht, den der Algorithmus der Wechselhelfer vielfach empfohlen hat.

1Kommentare
👍1👎1 cn3boj00 21.12.2018 Gespart wird zunächst nur dadurch, dass viele Anbieter Lockvogel-Angebote machen, oft in Zusammenarbeit mit den Wechsel-Portalen. Wählt man ein solches Angebot aus, kommt in der Regel nach dem ersten Jahr eine drastische Preiserhöhung. Der kann man nur durch ernuten Wechsel entgehen, wodurch man wiederum oft versprochene Wechselprämien einbüßt.
man kann schon etwas sparen, aber richtig seriös ist das nicht. Allerdings erkennt man auch, dass Tarife mit reinem Ökostrom gar nicht teuer sind, also eine echte Alternative.
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